1858_Gutzkow_031_452.txt

, der er selbst früher so oft bekannt hat Dank schuldig zu sein, durch sein Zutun unverantwortlich compromittirt worden ist, hab' ich ihm statt des Krankenzimmers die Strafzelle angewiesen. Ich kann nicht wünschen, dass Sie ihn in seinem gegenwärtigen Zustande sehen.

In welchem Zustande? fragte Bonaventura mit gesteigertem Bangen und folgte der Bewegung des Provinzials, der sein Ohr spitzte, als vernähme er irgendwoher einen Ruf ...

In der Tat hörte man in dumpfer weiter Ferne einen Ton wie einen Schrei um hülfe ...

Bonaventura musste aufspringen und sich an dem Schemel halten ... Das ist er? sagte er und deutete auf das Fenster, von wo der gellende Schrei gekommen war.

Er ist es! Ja! sprach der Provinzial mit kalter Ruhe ... So tobt er in seiner Strafzelle und spricht wild durcheinander ... Ich lass' ihn binden, wenn er nicht schweigt ...

Lassen Sie mich zu ihm! bat Bonaventura ...

Herr Domherr, diese Wohltat wäre unverdient ... Er würde auch Sie anfahren wie ein wildes Tier ...

Nein, nein, wir kennen uns!

Sie würden uns die Züchtigung stören, die ein Pater verdient, der aus seinem Kloster entfliehen will!

Bonaventura stand mit schwindendem Bewusstsein. Er sah Abgrund und Nacht um sich her und bei alledemauch die fernwirkende, trügerisch lockende Gewalt Lucindens! ... Sie hatte den Mönch, ihren ehemaligen Geliebten, in Knabentracht besucht! Ihr Lächeln, ihre mutige Rede hatte ihn – "um ihn aus meinen Bahnen zu entfernen", hatte sie ihm frank und frei gebeichtetzur Flucht überredet ... Sie hatte seinen Mut, seinen Ehrgeiz entflammt zu einer neuen entwicklung seines immer noch reichen, wenn auch verirrten Geistes ... Eine gelegenheit zur Flucht bot sich vielleicht ... So, wie er jetzt die grässliche stimme hörte, die der eines Ertrinkenden glich, klang ihm in der Erinnerung sein eigener Seelenaufschrei, als an jenem Abend der Abreise ihn plötzlich Lucinde verlassen hatte und ein wilder Sturm durch seine Adern brauste ... Zu ihr! Zu ihr! klang es aus Sebastus' mund in sein Ohr ... Besinnungslos ergriff er seinen Hut und bat wiederholt:

O lassen Sie mich zu ihm!

Herr Domherr! lehnte der Provinzial fast vorwurfsvoll ab ... Wenn er sich beruhigt hat! Morgen! setzte er hinzu ...

So bitte' ichgrüssen Sie ihn von mir! hauchte der liebevolle Priester, seufzend über die notwendigkeit, den Formen und Satzungen seiner Kirche sich ergeben zu müssen. Sagen Sie ihm, dass ich in dieser Gegend weile, dass ich den ersten ruhigen Augenblick, den Sie mir anzeigen werden, benutzen und zu ihm kommen will! Versprechen Sie mir's!

Sehr gern, Herr Domherr! sagte der Provinzial mit derselben Freundlichkeit, als handelte es sich um die Anzeige eines in völlig natürlicher Weise eintretenden harmlosen Ereignisses ...

Und Bruder Hubertus? drängte Bonaventura, jetzt schon im Gehen ... Vermochte der nicht sonst so viel über ihn?

Auch das ist ein Mitglied unsers Klosters, erwiderte der Provinzial, im Gehen verbindlich die linke Seite nehmend, mit dein wir viel Geduld haben müssen! Er war in Angelegenheiten einer Erbschaft, die er machte, verreist ...

Bonaventura trug als Beichtpriester eine solche Last von Tatsachen in seinem Gedächtniss, dass er nach einem verhältnis fragte, das er doch schon öfters, von Benno sowohl wie von Hammaker, fast vollständig erfahren hatte ... Er fand sich allmählich zurecht und unterbrach die Erläuterungen des Provinzials:

Ganz recht! Ich weiss! Er wird das von einer Ermordeten geerbte Geld dem Kloster geben ...

Doch nicht! war des Provinzials verdriessliche Antwort. Dieser Hubertus hat wunderliche Seiten. Im Vertrauen gesagt, er hat einen etwas dunkeln Ursprung. Man sagt geradezu: Seine Angehörigen sind auf dem Richtplatz gestorben! An einem Tage, wo eine Gaunerbande, zu der er als Knabe gehören musste, aufgehoben, das Haus, in dem sie sich verteidigte, genommen und angezündet wurde, soll unser Brudersagt man, und sei es auch unter uns, Herr Domherr! – zwei Stock hoch aus dem Fenster gesprungen sein, in jedem Arm mit einem kind ... Glücklich kam er mit den beiden Kindern zur Erde nieder, entrann den Flammen, entrann der Verfolgung, machte einen abenteuerlichen Lebenslauf, wurde ein an sich ganz vortrefflicher Mensch, exemplarisch in seiner Aufführung, nur störende Seltsamkeiten hat er. Als Jäger des Kronsyndikus erlebte er einen bittern Verdruss und wurde deshalb Mönch. mancherlei leistete er schon unter Pater Henricus, meinem Vorgänger. Jetzt hat er sich in den Kopf gesetzt, die zwanzigtausend Taler, die er von jener Frau Buschbecksie nannte sich schon nach seinem Namen, während sie doch nur eine gewisse von Gülpen und seine Verlobte warererbte, wenn irgendmöglich, dazu anzuwenden, sie den beiden Kindern zukommen zu lassen, die er einst aus dem Feuer rettete, falls sie sich entdecken liessen. Sie waren ihm, nachdem er sie im stillen erzogen hatte, abgenommen worden. Jetzt correspondirt er nach Holland, Frankreich, Italien, um ihre Spur zu finden. Ich schrieb nach Rom, ob ich ihm auf ein Jahr die erlaubnis erteilen kann, scheinbar in irgendeinem andern Auftrage in die Welt hinauszuwandern. Bis die Antwort da ist, gestattete ich ihm vorläufig auf eigene Verantwortung die