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Tisch zusammensitzen wollen oder auch auf der an der Tür des Guardians hängenden Tafel über unsere Wochenverrichtungen zu häufig zusammenzukommen suchen, so werden die Leute getrennt.

Das ist ja eine Grausamkeit, wallte es in Bonaventura auf ... Der einzige Trost der Einsamkeitder freundschaftliche Austausch der Gedanken und Gefühle! Der Rückblick auf ein vergangenes Leben! Die gemeinschaftlichen Tröstungen an den Quellen des Wissens und des Denkens! ... Aber er durfte alles das nur durch Seufzen ausdrücken und sagte sich im stillen: O die Menschennatur ist doch im Durchschnitt ganz so wie bei diesem jungen mann! Was ist bei Tausenden ihre geistige Meinung? Ihr Bedürfniss nach Erhaltung, Ernährung, Unterkunft! Solche Institutionen wie die Klöster glaubt' ich auf Felsen gebaut und ich sehe: Einen Beutel mit Geld in der Hand und sie lassen sich wie Kartenhäuser umblasen!

Durch einen Seitengang kam man aus der Sakristei in das Kloster. Ein Kreuzgang von allein, morschem Holz führte zu ihm hinüber. An der Wand der Kirche hingen, allemal einer Oeffnung an der andern, in einen mit Schnee bedeckten Garten hinausgehenden Seite gegenüber, Bilder, die von einem Tüncher verfertigt schienen und Wunder des heiligen Franciscus vorstellten. Jedes derselben war geistlos. Schon aus der Jahreszahl 1707 konnte man den Geschmack sowohl der Malerei, wie den Stil der Unterschriften erkennen. An die Poesie eines winterlich romantischen Klosterkreuzgangs, wie ihn unser L e s s i n g gemalt hat, war hier nicht zu denken. Eine hölzerne Gittertür führte ins Kloster. Pater Ivo schlenderte leise singend in einem der langen Gänge und Quirinus sprang fast wie ein Tänzer mit seiner langen Kutte voraus, um dem Provinzial-Guardian Maurus die Meldung zu machen ... Einstweilen trat Bonaventura in das Refectorium. Es ähnelte einem Wirtshauszimmer auf dem land mit alten Holzpfeilern, mächtigem Ofen, Stellagen zum Aufschichten der Essgerätschaften. Von hier aus sah man durch kleine Scheiben in den inneren, strohbedeckten Garten ...

Bonaventura sehnte sich, ein Wort der Ermunterung mit Sebastus zu sprechen ... Aus Lucindens beichte wusste er ja, dass er hatte nach Belgien entfliehen wollen ... Sie hatte ihm sogar die Ueberredung, dass Sebastus zu den Jesuiten hatte entfliehen wollen, nicht verschwiegen ... Daran nun zu erinnern war Bonaventura freilich verboten ... Alles, was er etwa Lehrreiches, Warnendes oder Ermunterndes gerade über diesen Punkt mit dem Convertiten hätte sprechen können, musste ausdrücklich unterbleiben ... Als Beichtvater durfte er nicht mehr von ihm wissen, als was Sebastus selbst voraussetzen konnte ... Er musste unwahr sein.

Die in Reihe und Glied aufgestellten steinernen Bierkrüge der Mönche musternd, hörte er Quirinus' Rückkehr ...

Dieser kam bestürzt. Er sagte, der Pater Sebastus hätte eine Pön verwirkt und sollte niemanden sprechen; der Provinzial würde sogleich selbst erscheinen und sich dem Herrn Domherrn entschuldigen ...

Bald auch kam Pater Maurus. Aeusserlich war er nicht zu unterscheiden von allen andern Mönchen. Man kann in Rom auf der Via Appia in einem Omnibus mit Bauern aus Tivoli fahren, hat neben sich einen einfachen Mönch in weissem Kleide sitzen und weiss nicht, dass es der grossmächtige General der Dominicaner ist ... Pater Maurus war ein hoher, starkknochiger Mann. Seine buschigen und schwarzen Brauen lagen trotzig über den funkelnden Augen, die sich den Ausdruck der Unterwürfigkeit gaben. Immer erstarb sein Lächeln ebenso rasch wie es kam. Eher glich dieser Mönch einem Gefängnisswärter als einem Boten des Friedens.

Pater Quirinus zog sich zurück ... Der Provinzial und der Domherr setzten sich auf die nächsten Holzschemel ...

Vergebung, Herr Domherr, sagte der Provinzial, wir haben mit dem Pater Sebastus einen schweren Stand! Die Regierung lieferte ihn uns aus der Residenz des Kirchenfürsten zurück mit dem Bedeuten, ihm jede schriftstellerische Tätigkeit zu untersagen, jede Teilnahme an unserm gegenwärtigen traurigen Kampfe. Die Weisung war überflüssig, da der Pater ohnehin erkrankte und uns eine Zeit lang ernste Besorgnisse einflösste. Seit einiger Zeit geht es ihm besser; doch liessen wir ihn in der Krankenstube, weil er, in seine Zelle zurückgekehrt, seine Pflicht, Nachts zwölf Uhr aufzustehen und in den Chor zu gehen, um zu singen, wie jeder andere hätte erfüllen müssen. Heute in aller Frühe besuchten ihn zwei Fremde, ein Jude und jener Mensch, dem wir vor wenig Stunden den frechen Auftritt im Düsternbrook verdankten. Ich nehme Ihr Vertrauen in Anspruch, Herr Domherr! Denken Sie sich die Verabredung! Jenes Stück Tuch, das der Störenfried auf den Sarg zu legen wagte, bekam er von unserm Pater, dem Sohne des damals unglücklich, wie man jetzt sicher weiss, nur im Wortwechsel und nach offener Gegenwehr Gefallenen. dafür verlangte er von jenem Juden, wie von dem KüferStephan Lengenich ist sein Namedie Mittel zur Flucht ...

Wie erfuhren Sie das? war eine Frage, die Bonaventura mehr aus Schreck aussprach, als in Voraussetzung, dass die gespräche, die im Krankenzimmer gehalten wurden, belauscht werden konnten ... Erst als er Pater Quirinus an der zufällig aufgehenden Tür des Refectoriums stehen sah, kam ihm die Vorstellung, dass seine Frage ohne Beantwortung bleiben konnte ...

Wir wissen es, Herr Domherr! sagte der Provinzial mit verdrossenem blick auf die Tür. Wir wussten es schon in der Frühe. Ich hatte mir eine ernste Ermahnung als einzige Busse vorgenommen. Seitdem jedoch durch des Paters Mitwirkung eine heilige Handlung gestört, eine ganze Familie