1858_Gutzkow_031_45.txt

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Man schlug heftig an die von innen verschlossene Tür des Parterre und wiederholte den Ruf:

Excellenz! Es brennt ja!

Keine Antwort.

Er ist erstickt! hiess es.

Die Beschliesserin war ausser sich und rief nach den Knechten. Ihr erster Ruf galt dem Stephan Lengenich, jenem Küfer, der von ihr begünstigt wurde. Von diesem aber hiess es, er arbeite irgendwo im wald, vielleicht im Düsternbrook.

Nach einer Weile machte der Kronsyndikus das Fenster auf und sagte mit matter stimme, sie sollten sich allealle zum Teufel und an ihre Arbeit scheren. Er hätte ja nurer hätte Papiere verbrannt ... Wo der Kammerherr wäre? ... Es ginge nach Eggena! ... Ob der Wagen bereit stünde? ... Wo das fräulein Schwarz wäre?

Lucinde meldete sich, indem sie von den Stufen des Eingangs sich vorbeugte ...

Ein erzwungenes Lächeln begrüsste sie von einem kopf, den man kaum wiedererkannte.

Vom Verbrennen der Papiere im Ofen musste ihm der Russ ins Gesicht geschlagen sein.

Der Contrast des geschwärzten Antlitzes, der weissen Haare, des Bartes, der Augenbrauen und des Hauptes mit einem vornehmen Staatskleide, das der Aufgeregte plötzlich wie in der Zerstreuung angezogen, mit einem Kleide, auf dem beständig das goldene, achtspitzige Kreuz des Welfenordens haftete, wäre burlesk gewesen, wenn nicht die Situation selbst etwas Schreckhaftes gehabt hätte.

Ich komme noch hinauf, sagte er. Gehen Sie, Liebe! Gehen Sie! Ich bitte!

So artig hatte der Tyrann nie mit ihr gesprochen. Durch seinen Paroxysmus war er wie umgewandelt.

Lucinde hatte nur die siebente Stunde im kopf ...

Der Kammerherr, der an Ordrepariren gewöhnt war, kam schon mit Regenschirm, Hutschachtel und sogar einem Pelze ...

Lucinde fragte ihn lachend, ob er nach Sibirien reisen wollte?

Sie holte dem Halbweinenden einen Ueberzieher und behielt den Pelz zurück.

Der Brandgeruch zog sich inzwischen durchs ganze Haus. Es war ein Geruch weit mehr von verbrannten Haaren oder Tuch als von Papier. Dass der Dampf so gross sein konnte, um durch alle Oefen zu dringen, musste aus dem Verschütten von wasser auf die Flammen entstanden sein.

Zuletzt kam der Kronsyndikus wirklich in den ersten Stock und schloss, wie sie erstaunend bemerkte, alle Staatszimmer auf.

Welches Bedürfniss konnte er haben, eine gestickte Uniform, seinen liebsten Orden zu tragen und seine Staatszimmer zu öffnen und hin und her zu durchschreiten?

Alle Läden riss er auf. Er lüftete vielleicht nur. So kam er in das Eckzimmer, wo Lucinde schon am Nähtisch stand, so stand, als müsste sie ihre Blumen bewachen. Der Greis bot den seltsamsten Anblick. Das Gesicht war jetzt gereinigt. Aber zu seiner Landstandsuniform mit dem hannoverischen Orden der Welfen stand im sonderbarsten Contrast der Hirschfänger, den er wieder umgeschnallt hatte. Die hände waren mit den weissesten Handschuhen geschmückt, als wenn er zu hof gehen wollte. Voll Unruhe blickte er um sich und stotterte:

Lüftet doch! Lüftet doch! Wie erstickend! Wie dumpf! Wie rauchen die Oefen! Verbrenne nur ein bischen Papier und es riecht gleich wie der lebendige Satan!

Dabei zuckten ihm seine ohnehin schon unheimlichen Augenbrauen krampfhaft auf und nieder ...

Der grosse, baumstarke Mann stand wie von einer Ohnmacht bedroht. Und indem er mit den Fingern der linken Hand immer in seinen Bart, bald da, bald dort, wie in einer kreisenden Bewegung griff, sagte er, als wollt' er Gleichgültigkeit zeigen:

Hab' mich wieder 'n mal geärgert! über den verdLandrat; neinjadenRittmeister! Und diese Briefe vom Fritz ... In den Ofen damit! ... Immer Aerger! Immer Aerger! ...

Lucinde, die kaum merkte, dass er die Gründe seines Aergers offenbar fingirte, war ihm, um ihn nur zu beruhigen, so zutunlich, wie er sonst wünschte. Sie bewunderte die prächtige Uniform, besah das wunderschöne Comturkreuz mit seinen goldenen Kugeln, seinem welfischen Löwen, seinem weissen Ross und seinen Eichenzweigen; sie wusste schon, was die alte deutsche geschichte zu erzählen hatte von dem Löwen des mächtigen braunschweiger Herzogs Heinrich Welf und dem Kniefall des Hohenstaufen vor dem Löwenherzog und von den Römerzügen und der gespaltenen Einheit des deutschen Vaterlandes ...

Der Alte lächelte jetzt zu all diesem "Kram", wie er's eben nannte, und suchte über das zu scherzen, was ihm in seinen jeweiligen Wutanfällen auf die Regierung und den Deichgrafen sonst ein "blutiger Ernst" war. Welfen und Ghibellinen! rief er oft. Ihr Ghibellinen mit euern Kaisern, wir Welfen mit unserm Rom! ... Heute aber hielt er das Nächste fest. Wieder und wieder rief er mit äusserster Ungeduld: Ob nun bald gepackt wäre, der Koffer auch, Kleider für ihn und den Kammerherrn? Dabei sah er nach der Uhr, brummte vom "Landrat heute in Lüdicke", "Eggena nach Lüdicke drei Stunden" und ähnliche Berechnungen. Dann starrte er in die Gegend hinaus, nahm ein Fernglas, dessen sich sein Sohn zu bedienen pflegte und das auf dem Nähtisch Lucindens lag, und zog es auf und nieder.

Dies tat er eine Weile wie gedankenlos, wie mechanisch. In dem mehrfach hervorgestossenen Namen Enckefuss schien eine grosse Beruhigung für ihn zu liegen.

Plötzlich aber rief er:

Was? Wie? Wer kommt denn da?

Er deutete auf einen leichten