... So schnell hatte sich die Kunde von des jungen Domherrn endlicher Ankunft verbreitet. Die Räumlichkeit wurde fast zu klein; die Gäste, die den Längstersehnten begrüssen wollten, konnten nur eine kurze Weile bleiben.
über die Zeit sprach man, über den Kirchenfürsten. Durch alles, was Bonaventura von Aeusserungen eines erschreckenden Fanatismus vernahm, tönte wie ein Grundaccord immer der gottbegnadete Zustand Paula's hindurch. Selbst die Erbfolgefrage verschwand dagegen. Es fielen fragen, wie die: Ob die Gräfin kürzlich nicht wieder "die Besuche ihres göttlichen Bräutigams" empfangen hätte? Dabei beobachtete man nicht nur die Mienen des antwortenden Onkel Levinus, sondern schon das Erröten des Domherrn. Man hatte von Bonaventura die Vorstellung eines Fanatikers, eines parteinehmenden Zeloten, der, wie Michahelles angedeutet hatte, seine bereits allen bekannte seelische Beziehung zur Ekstatischen zu einem noch festern Seelenbunde knüpfen, die noch unbestimmt tastende Gefühls- und Anschauungswelt derselben regeln, ihre Visionen und Heilkräfte zu einem vollgültigeren zeugnis für die wiederum prophetisch gewordene Zeit und den Triumph der Kirche verwandeln würde ... Er sah diese Gleisnerblicke, dies süsse Lächeln, hörte dies bedeutungsvolle Seufzen, das bei allem Schein der Demut mit einem festen und sichern Gange auf ein gemeinschaftliches Ziel losging, über das man sich nicht einmal in offen ausgesprochener Verabredung und Geständnissen befand ... In einem stattlichen Wagen, zwischen dem Onkel Levinus und Terschka, fuhr Bonaventura dann auf Schloss Westerhof.
Die Prüfung, Paula im kleinen Kreise oder gar allein wiederzusehen, wurde ihm beim ersten Grusse nicht. Er fand gleich ganz Westerhof in festlicher Bewegung. Die Damen der Gegend, vorzugsweise das Stift Heiligenkreuz, waren in Toilette versammelt; Paula stand umgeben von jungen Mädchen, von Frauen und Matronen ...
Einen Schritt trat sie hervor und reichte ihm die Hand ... Endlich Traum und Erfüllung ... Schmerz und Seligkeit ... und wiederum doch nur – Seligkeit und Schmerz!
Mit den Jahren waren beide gereifter geworden ... Sie erblüht zur hehren Jungfrau ... Er ein Mann – Ein Mann? Ein Priester! Angewiesen, Segen zu erteilen, anderer Glück zu heiligen und selbst zu entbehren ...
Rings ein Reden und Grüssen und ein Durcheinander der – Bewirtung ...
Aber Paula war es doch! ... Ihr Seelenfreund von vergangenen Tagen war es doch! ... Ihr Erröten und das seine ... ein Rot war es, als beschiene beide die Sonne in ihrer heiligsten Frühe, Aufgangsglanz vom Osten, vom fernsten Ganges her ... War das noch Winter um sie her? ... Zwei Seelen grüssten sich, die da weilten, wo die Nachtigallen sangen ...
Armgart fühlte das schon ahnungsvoll und schwärmerisch mit ... sie hielt Paula, um dass sie vor Ueberseligkeit nur nicht schwankte ... Wie Epheu schlang sie sich um ein lebendig gewordenes Marmorbild ...
Die Geisterjungfrau sprach ... Sie sprach mehr als je ... Was sie sprach, hörte Bonaventura, er verstand es nicht ... Auch Armgart plauderte noch ihm unverständlich ... Wie im Wirbel stand er ... Armgart sah den Vielbesprochenen zum ersten male ... Die einfache Tracht! Nur ein langer schwarzer Ueberrock; altmodisch der Schnitt; die Weste hochgehend, wie die Regel will; das Haar entstellt ... Nichts, was anziehen konnte, als die Gestalt nur und der edle Ausdruck des Hauptes ... Armgart starrte dem allen und horchte seinen Worten, deren Klang ihr sofort wie Melodie erschien, denn was Paula liebte, liebte sogleich auch sie ...
Der Himmel öffnet zuweilen durch Engelhand seine Pforten ... Dann strömt einen Augenblick überirdischer Glanz über die Menschen und ringsum ist auch zuweilen dann wirklich die feierliche Andacht da und das heilige Verständniss ... Ha diese kluge Welt! ... Sie wusste schon alles ... Ein einziger geisterhafter Augenblick sprach schon im stillen zu allen: Er kennt diese tiefblauen Augen, kennt den feuchtschimmernden Glanz derselben, die dunkeln Augenwimpern, die wie die Schwingen auch der Seele Paula's nicht unruhig flatterten, sondern ruhig über ihrem blauen Himmel tronten ... Nun staunt er doch wohl, dass diese Augen sich noch immer schliessen und mehr noch als sonst schon in die Ferne sehen können? ... Und ziert dich denn noch immer dieselbe Schüchternheit, du vornehme Jungfrau, derselbe zagende Mut, der alles duldete, selbst wenn die böse Lucinde, von der hier mancher wusste, ihre Stellung vergass und Befehle erteilte, wo sie deren nur zu empfangen hatte? ...
Verständigungen des Herzens konnten nur im Blikke liegen ... Einen Schleier nach dem andern, der das kaum ja auch Auszusprechende verhüllte, wob schon gleich wieder das Leben in der buntesten Fülle seiner Anregungen ... Da gab es zu besprechen! Die nächste und entfernteste Zukunft Paula's! Die Zeit selbst mit ihren ringsum ertönenden verworrenen Stimmen! Und die Prophetengabe der Herrin des Schlosses, auf deren Namen wohl noch mehr Wunder und Voraussagungen gingen, als in Wahrheit begründet waren, wie war das ängstlich! Auffallend erschien, dass mit Bonaventura's Ankunft in Paula ein gehobener Schwung kam, der die Kraft des Geistes über den Körper zu stärken schien. Schon am ersten Tage hielt sich die Leidende über der versammelten Menschenmenge empor, erlag nicht dem Druck derselben, der sonst sie in solcher Lage immer plötzlich entschlummern machte