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Guitarrestunden der ermordeten Frau Hauptmann zu erläutern ... Alles, was er damit nur sagen konnte, lautete im grund seines Herzens: Was hebt uns ach! mit so lustigen Schwingen in die kalte leere Luft und lässt uns schweben wie Fieberkranke, die da jammern des gefürchteten jähen ewigen Niedersturzes! Was geht vor in diesem Chaos des Erdenlebens, im dunkeln Rat der Götter, die die Menschenloose zu ihrer Freude mischen! Wohin wandeln wir! Was geschieht! Wie nur so angstvoll klopfen unsere Herzen, wie so bang mahnt unsere Ahnung! Geister halten, führen unsaber wohin geht ihr Weg, wo ist das glückliche Ziel?

Nach einer Wanderung von einer halben Stunde hörten sie das Rauschen der berühmten Mühlen von Witoborn. In ihren Donnerton versank alles, was Tiebold nur sprach, um richtiger, wenn auch sehr prosaisch zu sagen: Ist es denn möglich, dass man uns, uns – – diesen Terschka, einen Mann von vierzig Jahren vorziehen kann!

Benno lebte hier auf dem Schauplatz der ersten Erinnerungen seines dunkeln Lebens schon seit Wochen wie im Traum. Seine Rückkehr zur Schreibstube Nück's stand nahe bevor. Er schloss auch mit diesem Tage ab, wie schon seit lange mit seinem ganzen Leben. Seine Entsagung war eine um so schmerzlichere, als er sich die Philosophie gebildet hatte: Was du dir unsers Daseins für würdig hältst, musst du dir h i e n i e d e n zu erringen suchen! ... Die erfahrungslose Jugend baut sich ja schneller Systeme, als das geprüfte Alter. Gehen diese Systeme hervor aus "Enttäuschungen" und "gescheiterten Hoffnungen", dann zerfallen sie wohl leicht wieder in Trümmer; aber jäher ist ihre Dauer, gefahrvoller wird sie für das Herz, wenn sie aus jener Jugendstimmung entstehen, die wenig erwartend vom Jenseits auch vom Diesseits nur mit bitterer Verachtung spricht, von ihm am wenigsten noch etwas hofft, zu seinen Gunsten am wenigsten noch etwas unternimmt ...

Eine volle, freie, erhebende Stunde mit Bonaventura hatte Benno noch nicht finden können.

7.

Auch für Bonaventura war dieser Aufentalt eine Rückkehr auf den Schauplatz seiner ersten Jugend.

Auch ihn zog hierher eine Liebe und eine frohbange sehnsucht ... Er kannte Paula als Kind, dann kannte er sie mit dem Ausdruck jungfräulich erster Reife ... Jetzt erwartete er nach allem, was er von ihr wusste, ein Bild voll elegischer Hoheit, eine gefangene junge Königin, die in einem einsamen schloss wandelt, hoheitsvoll und tief hilfsbedürftig zugleich.

Die Beklemmung, in Paula's seltsam bedingtes Lebensdasein einzutreten, wuchs mit der Nachwirkung dessen, was in der Residenz des Kirchenfürsten noch in den letzten Augenblicken von ihm erlebt werden musste. Die Begegnung mit Bickert im Beichtstuhl, die Hoffnung auf Rückgabe der im Sarge des alten Mevissen gefundenen PapiereLucinden's Erklärung, dass dieser Schatz in ihren Händen warwie durchrieselte ihn da mit schüttelndem Frost die Erinnerung an die aus ihrem Mund gekommenen schonungslosen Drohungen! Eine Rachegöttin umschwebte sie ihn auf allen Wegen. Das Schwirren ihrer Eumenidenflügel glaubte er zu hören, das Leuchten ihrer geschwungenen Fackel in dunkler Nacht zu sehen. "Der ganze, ganze Bau der Kirche!" Dies tiefhöhnende Wort hallte durch seine Seele wie Grabesruf. Was konnte der treue Diener seines Vaters aufbewahrt, was von diesem zum Aufbewahren erhalten haben, das an sein Dasein eine so grosse Tatsache, den Bau der Kirche, knüpfen liess und nicht ganz zerstört, ja vielleicht ausdrücklich einem grab einverleibt werden sollte?

Der ganze Bau der Kirche! ... O da war er denn nun in diesem heiligen Witoborn! Hier hatten Bischöfe getront und den Krummstab als Scepter geführt und nicht Eine bedeutsame Erinnerung an deutsche Grösse, Kraft und Bildung war zurückgeblieben. Kleinliche Häuser, ärmliche Strassen, in entlegener Gegend, in einer halben Wüste ein glänzender Palast, die Residenz dieser Bischöfe, jetzt eine Kaserne. Nichts vom Vergangenen zurückgeblieben, als eine Unzahl Kirchen, ein düsteres Jesuitenstift, Gefässe von Silber und Gold in den Truhen der Sakristeien, Monstranzen mit Edelsteinen, Fahnen und Baldachine von kostbarer Stickerei. Hier und da fand sich eine bessere Erinnerung aus der Zeit der Aufklärung. Einige Priester hatten in dem geist des Onkels Dechanten gewirkt. Einiges war geschehen für Priesterbildung, Jugendunterricht und würdigere Gottesverehrungaber der neue römische Geist überbaute schon seit lange alles wieder mit seinem künstlichen Mittelalter. Am Markt, in den Läden der Hauptstrassen waren die Schaufenster besetzt mit Monstranzen, Kelchen, Crucifixen, Madonnen aus Alabaster und Bronze, Erzeugnissen einer Industrie, deren Spuren sich bis dahin verloren, wo man sogar dem Salon einen gewissen koketten kirchlichen Ausdruck jetzt zu geben versuchte. Eine Procession hier, eine Procession dort. Bruderschaften fast für jeden Tag der Woche in Bewegung. Männer, Weiber, Kinder mit Lichtchen in den Händen, mit Fahnenwimpeln, Kreuzen, Messner und Chorknaben dazwischen in bunten Gewändern, singend und sprechend mit allen jenen Dissonanzen und unsichern Rhytmen, die ihm seine Glaubensvirtuosität früher als so rührend erscheinen liess. Jetzt sah er in diesem Kirchgang so vieler Männer an Wochentagen nur die Versäumniss ihrer Arbeit. Ehe er nach dem Pfarrhause zu sankt-Libori fuhr, war er "Bei Tangermanns" abgestiegen. Ihm gegenüber hatte ein Kapuzinerkloster eine Kirche, vor der in einem Aufputz wie für Kindereine kleine Madonna in natürlichen Kleidern von Sammet und Seide auf offener Strasse stand.

Am Morgen gleich nach seiner Ankunft kamen Benno, Tiebold, Hedemann. Erstere