sagte Benno für sich und horchte auf die Terschka'sche lebhaftere Seitendebatte, wo man vom Düsternbrook sprach, als von einem Gehölz, wo seit Menschengedenken kein Hund "ein wild stellte".
Das führte denn auf das heute von Allen Erlebte ...
Man legte sich freilich die Rücksichten auf, die der An- und Abstand geboten ...
Man lächelte nur, munkelte, stopfte sich "mit Verlaub" eine neue Pfeife und wartete auf den, der die meiste Courage hätte, um mit der Rede durchzubrechen ...
Des Küfers Stephan Lengenich entsannen sich alle von vor Jahren ...
Auch Löb Seligmann war jedem bekannt. Der hatte den Küfer zurückgehalten, als dieser seine "Entlastung" feierlich vollzogen ... Dann war Löb auf den Schrei der Lisabet und die Störung durch den Geiger und den Mönch, wahrscheinlich auf Schloss Neuhof zurück verschwunden, wo ihn schon der Präsident von Wittekind zu schätzen begann ...
Das nun war der Augenblick, wo man die Geige Stammer's hörte und vor dem grellen lachen, mit dem sein Eintreten empfangen wurde, sein eigen Wort nicht verstand ...
Nach dem, was Onkel Levinus über die alten Dinge von Schloss Neuhof erzählt hatte, mussten die drei Herren vom Schloss wohl angenehm überrascht und begierig sein, sich diesen Geiger näher anzuschauen ... Schon wurde seine Charakteristik gegeben ...
Er ist im Kirchenbann ...
Ein alter Kerl von fast sechzig Jahren schon ...
Putzig ist's, wenn er allein spielt! Immer erzählt er dazwischen eine Lüge, wie Eulenspiegel ...
Oder auch manchmal eine Wahrheit! sagte der Oberförster und betrachtete wie mit einer Auffoderung, den Geiger näher zu rufen, Herrn von Terschka ...
Terschka gab den Ausschlag, dass man sich allerdings eine solche Erscheinung nicht entgehen lassen sollte ... Benno erneuerte gern eine Bekanntschaft aus seiner frühesten Jugend ... Und so war denn Tiebold schon aus, ihn zu holen ...
Umringt von denen, die sich nicht zu Dionysius Schneid und zum Spiele hielten, erschien der heute so übel zugerichtete, langhaarige Buckelige ... Trüb beschienen ihn die wenigen Oellampen, deren Lichtstrahlen vollends ermatteten durch den Qualm der Pfeifen und Cigarren ... Der Dunst des Ofens zwang die drei Herren vom Schloss, von diesem mit ihren Schemeln abzurücken ... Der Finkenwirt bediente allseitig und entfernte von den Honoratioren die Nachdrängenden. Er tat das wie mit Kammerherrenanstand ...
Stammer schlenderte näher und grüsste trotzig ... Seine kohlschwarzen Augen lachten verschmitzt die vornehmen Frager an. Seine dünnen Beine verneigten sich fast wie mit einem frauenzimmerlichen Knix ... Dann legte er beide langen arme, die die Geige und den Fiedelbogen hielten, auf den rücken, als wollt' er sagen: Nun, was soll's?
Terschka, der hier das Wort führte, sagte nicht ohne Würde, aber in seinem fremdartigen Dialekt:
Ei Sie! Ei Sie! Sie haben halt das Unglück, hör' ich, dem Herrn Pfarrer nicht zu gefallen!
Ich gefalle mir selbst nicht! Sehen Sie nur! Der liebe Gott hat mich nicht richtig wachsen lassen! ... Das war mit einem Herumdrehen des Rückens die Antwort ...
Sie haben, fuhr Terschka nach dem lachen fort, hör' ich, sehr ein grosses Talent! Auf der Geige könnte der Paganini von Ihnen lernen, sagt man! Ich würde an Ihrer Statt mein Publikum nicht gross genug haben können; selbst der Herr Pfarrer dürfte mir nicht fehlen, wenn ich einmal eine gute Sonate spielte ...
Man murmelte und lächelte auch ihm ... Stammer's Gedanken weilten zwar jetzt mehr bei dem Kloster Himmelpfort, als bei sankt-Libori, doch stellte er sich demütig ...
Schliessen Sie Frieden mit Herrn Müllenhoff, fuhr Terschka, seiner Stellung eingedenk, fort. Er meint es gewiss gut mit euch allen! Auf Ordnung und gute Sitte muss halt auch die neue herrschaft sehen! Ein Jünglings- und ein Jungfrauenbund ist gar so übel nicht und schliesst die Freude keineswegs aus. Dass die Musik an sich Gott wohlgefällig ist, zeigt euch Sonntags jede Messe! ... Ihr aber, Stammer, sollt ja zur Geige allerlei Schnurren vortragen können! Nun, wenn Ihr in Euere Lügen ein paar Körner Wahrheit einmischen wollt, soll's uns noch einmal so lieb sein! Trinkt und fangt dann mit einem Gespass an!
Benno und Tiebold mussten dieser Weise, sich hier unter den Leuten vornehm und zugleich populär, streng und doch tolerant zu geben, "leider" ihren ganzen Beifall schenken ...
Knick! Knack! drehte Stammer inzwischen die Wirbel seiner Geige, probirte die saiten mit dem Fiedelbogen und begann mit einigen Läufen seine hier landbekannte Art der Improvisation ...
In einem singenden Tone sprach er:
Ein kleines Kind bin ich im Wald geboren – An einem schönen, schönen, wunderschönen Sommertag –
Mit rascher und gesprächsweiser stimme setzte er hinzu:
Im Juli war's – wo freilich die Tage anfangen kürzer zu werden ... ich glaube, darum bin ich auch zu kurz in die Welt gekommen ...
Die Leute lachten ... Stammer liess den Fiedelbogen langsam über die saiten gleiten und sprach dabei:
Ach! Was ist nicht alles jetzt länger geworden! Die Tage sind's am allerersten; auf die Art weil man so desto länger arbeiten muss