1858_Gutzkow_031_441.txt

ich Ihnen meine gelben Haare verkaufen! Eine Hand voll schlug ich heute umsonst los! Dass dich! Und jetzt –?

Dionysius Schneid sah inzwischen das Pflaster über der Nase seines Auskunftgebers, bedauerte ihn, plauderte allerlei Schnickschnack und klimperte zur Antwort auf die letzte Frage in der tasche mit den Worten, Geld hält' er genug, um bis nach Polen zu kommen ... einstweilen wär' er hier in gräfliche Dienste getreten auf Schloss Westerhof, wenn auch noch ohne Livree; heute Abend wollt' er sich den Rest seiner "Bagage" aus dem Pfarrhause holen, wo ihn auf einige Tage der alte Tubbicke "logirt" hätte ...

Sind Sie doch nicht gar der grosse Prophet, den immer Herr Tübbicke junior aus Paris erwartet? Der, der die Welt wie ein Stück Tuch zerschneiden soll und jedem einen Fetzen gibtja so! mir (sagte Stammer innehaltend und nach einer wunden Stelle seines Leibes greifend, die ihn schmerzte) schon meinenFetzenvon einem adeligenJagdrock

Dionysius Schneid verstand nicht diese in den Bart gemurmelte Anspielung auf die Ursache der Schmerzen, die dem Geiger durch vielleicht zu schnelles Gehen gemehrt wurden ... wohl aber begriff er vollkommen die Anspielung auf die Communauté, die ihn einst mit dem jungen Tübbicke in Paris bekannt gemacht hatte ...

Ha, ha, ha! fiel er mit grobem Gelächter ein. Diese Propheten stecken jetzt alle in Prison! Einer kriegt soviel wasser und Brot wie der andere! Das ist die Teilung der Propriété!

Dionysius Schneid, der sich dem seinen Witz ganz freundlich begrinsenden Geiger befreundete, schien auf dem Schloss Urlaub für die ganze Nacht genommen zu haben und ging in den Finkenhof mit. Das lachen der Vorübergehenden über den Buckeligen reizte seine Neugier nur noch mehr und am Finkenhof angekommen sah er, welchem verwogenen alten Knaben er folgte. Stammer zog, obschon ein tiefer Verdruss an ihm nagte, seine Geige aus dem alten Tuch, nahm seinen Fiedelbogen und hielt feierlichen Einzug mit schlenkernd ausgeworfenen Beinen, frech und übermütig einen Geschwindmarsch streichend, den er schon auf der Schwelle begann ... Ein schallendes lachen empfing beide Ankömmlinge ...

Auch Dionysius Schneid liess die brennenden Augen vergnügt im Kreise rollen. Das lachen und Glückwünschen belustigte ihn ... Die jungen Bursche sprangen auf und tanzten hinter dem Geiger her ... Die Alten streckten ruhig fortrauchend die Beine vor, um ihn zum Fallen zu bringen ... Stammer wich aus, warf seine gelbweissen langen Haare mit kecker Geberde hinterrücks und marschirte gerade auf den Tanzsaal zu ... Dieser war nicht geheizt, aber einige Bursche sprangen doch an, ergriffen die Mägde, die aufwarteten, und würden wenigstens einmal mit blosser Begleitung einer Geige den pfaffen von Ystrup gestampft haben, wenn nicht der Meier, der Moorbauer und der Finkenmüller selbst gekommen wären und eingedenk der Gelöbnisse, die sie heute dem Pfarrer gegeben, und trotz der vielbelachten, allgemein verbreiteten und alle guten Vorsätze entkräftenden Nachricht, nächstens würde bei Herrn Müllenhoff getauft werden, Ruhe geboten hätten ...

Stammer vermittelte die neue Bekanntschaft mit solchen, die sich, wenn ein anderer Geld zeigte und "anfahren" liess, ihrerseits auch nicht "kohlen" liessen ... Die Hauptsache war Kartenspiel ... Gutmanns und Herren von Binnentals gibt es auch im Bauernstande und aus "Schafskopf" kann man verhältnissmässig ebenso geprellt werden, wie Piter in Pyrmont auf "Einundzwanzig" ... Stammer berechnete schon seinen Anteil, als er Herrn Dionysius Schneid mit ein paar Salzsiedern bekannt gemacht hatte, die im glücklichen Kartenspiel Meister waren ...

Inzwischen hätte das Geschäft der "Herren vom schloss" hinter dem urweltlichen Kachelofen schon vorüber sein können. Indessen "ein Wort gibt das andere" und wo sich einmal Tiebold's Zunge festgehakt hat, kann sie sobald nicht wieder los. Aus einer löblichen Popularitätsbestrebung hatte man sogar dem Finkenmüller nicht abgeschlagen, von ihm, natürlich gegen Zahlung, drei "steife Grogs" anzunehmen, die er ihnen als die vorzüglichste Leistung seiner Grossmagd offerirte. Die Aussicht, dass Herr de Jonge den Wald kaufte, in dem nächstens zum letzten male gepirscht werden sollte, eröffnete dem ganzen Jagd- und Waldhutpersonal glänzende Aussichten auf Schlag- und Holzvermessungstrinkgelder. Bedauern, dass im Zehnterforst die Hirsche zum letzten male junge Tannenkeime knuspern sollten, war eine hier unbekannte Sentimentalität. Nur der Meier äusserte von der künftigen Bestimmung dieses Forstes zu Eisenbahnschwellen einige fromme Seufzer, die an Müllenhoff's Predigten erinnerten, der die Locomotive darzustellen pflegte wie die vom Teufel entführte Braut der Hölle, voran Satan mit einer Peitsche aus lichterlohem Kometenfeuer, hintenauf hockend Drachen und Ungetüme der Unterwelt und in den Waggons fahrend Juden und Judengenossen, Gottesläugner, Consistorialräte, Offiziere und Gensdarmen, alles was zum Leben des neunzehnten Jahrhunderts gehöre ... Ja auch Benno seufzte: Der Zehnterwald! Kein Holz hatte' ich so lieb, wie das! Stellen gab's da, die für's Edelwild ein Paradies waren! Büsche an kleinen Wassern, wie gemacht für die Brunst, einsam wie Mutterschoos!

Brauchte da ein Jäger wohl aufs Blatten zu schiessen? fiel als leiser Wehmutsaccord vom Hegemeister ein ...

Nein, sagte der Oberförster, wischte sich aber nur das "neu angefahrene" Bier aus dem greisen Barte, keine Träne, der ganze Forst gab schon einen Ton von sich, auf den die Rehe von allen Weltgegenden hereinkamen!

Den Ton des Schweigens!