ertönt das "He, he!" plötzlich schwächer und die Pfeifen gleiten einen halben Zoll aus dem mund. Man erkennt die Eintretenden. Eine Magd, zu gleicher Zeit an zehn Fingern zehn Biergläser in der Schwebe haltend, blinzelt um den Weg zu weisen mit den Augen dahin, wo die hochgräfliche Jägerei sitzt, hinter einen Ofen von einer so pagodenhaften Dimension, dass Onkel Levinus über die gelegentliche Aeusserung studirt haben würde, zwischen den Oefen der witoborner Heide und den alten Bauten der Indier zu Dschaggernaut fände ein urweltlicher Zusammenhang statt.
Und während nun hier mit dem Oberförster, mit dem wild- und Hegemeister, mit dem Jagdzeugmeister und einem Unterförster des letzten Grafen von Dorste-Camphausen die Vorbereitungen verabredet wurden, die zu einer grossen Vertilgungsjagd in einem von Tiebold de Jonge um 80000 Taler gekauften wald – seufzend hatte er draussen die mangelnde Flossgelegenheit am Mühlbach erwogen – gehören sollten, zu einer Jagd, die unter den scheinbaren Auspicien des nächsten Nachbars, Grafen Münnich auf Münnichhof gehalten werden sollte; während die Zahl der Treiber, der Hunde, die Vorräte des Jagdgeräts besprochen und von Benno mit lebhafter Orientirung die Schauplätze seiner geheimnisvollen Jugend unterschieden wurden, der Zehnterwald von der Birkenschonung, die Knüppelheide von der borkenhagener Saustiege – während dann auch noch der Finkenmüller, der Meier, der Moorbauer ehrerbietigst in den Kreis eintraten, verfolgen wir einen Ankömmling, der langsam daherhumpelnd noch spät von Witoborn herüberkommt ...
Es ist ein kleiner Mann, nicht unkräftig gebaut. Zwischen den Schultern trägt er die Last eines Bukkels und unter den Armen, in ein Tuch gewickelt, einen länglichen Gegenstand, den man an einem hervorstehenden Fiedelbogen für eine Geige halten darf ... Der weisse beulenreiche Hut ist tief über den Kopf gestülpt, den ein Pflaster am Auge entstellt ... Ein grauer Mantel, angezogen wie ein Militärmantel, schützt den Wanderer auf seinem Wege, den er nur langsam fortsetzen kann, da er heute aus den Händen des Bruder Hubertus eine schlechtere Testamentszahlung vom Kronsyndikus bekommen hat, als ihm dieser in dem beim Pfarrer Huber in Witoborn niedergelegten letzten Willen zugedacht ...
Es ist Stammer, der Geiger ...
Alle wissen schon sein Unglück und jeder, der ihm begegnet, lacht seines Hinkens und seines Pflasters ... Besonders gram ist ihm dabei niemand; Müllenhoff hatte schon Recht: Dies Volk hat zu lange die Milde des Krummstabs gefühlt und liebt Zechen und wildes Aufschlagen auf den Tisch und alle Sünden, die freilich dann so viele Wächter des himmels, wie Witoborn einst zählte, auch wieder leichter vergeben konnten. Sie fehlen wohl bei keiner Procession, sie werfen sich vor jedem Altar nieder, lassen sich jeden Besuch im witoborner Münster und jeden Kuss auf einen Reliquienschrein vom Küster schriftlich bescheinigen, um damit einst vor Gottes Tron oder bei einem Anliegen um freies Brennholz aus einem geistlichen wald auftreten zu können; aber nirgends wird auch noch soviel wildes Naturrecht geübt, nirgends soviel Holz schon von selbst gestohlen, nirgends soviel wild im Mondlicht in die Büsche geworfen, mit Zweigen überdeckt und bei guter gelegenheit harmlos von einem vorüberfahrenden Heuwagen abgeholt, nirgends wird dem damals nur langsamen Vorschreiten des Zollvereins und der nahen "Grenze" soviel Vorteil abgeschmuggelt für Kattun, Zucker, Kaffee, nirgends ein Hader mit dem Gutsherrn so listig geführt ... Stammer fiedelte ihnen in alles das seine lustigen Weisen hinein oder sprach sogar über die alte und die neue Zeit in offner Rede und setzte einen Refrain drauf, eine Strophe gesprochen und eine gespielt, bis der Gensdarm kam oder der Meier oder der Finkenmüller und die Schwänke des bösen Alten verbot, dessen lästernder Mund schon einst ein halbes Kind, Lucinde damals, aus ihrem Pavillon verbannt hatte nach dem tod des Deichgrafen.
Mancher redet den Geiger an ... Er knirscht fast mit den Zähnen vor Wut ... Mitleid wird ihm nicht; Alle wissen's doch, boshaft ist er und Bruder Hubertus "der Abtödter" ist der endlich zurückgekehrte Liebling der ganzen Gegend; die Kinder werden dem frommen Bruder doch wieder mit der dampfenden Schüssel entgegenkommen, wenn er sich mit seinem Topfe naht; er wird die Pferde und die Kühe und die Menschen heilen – und sieht er auch aus wie der leibhafte Tod und ist sein lachen ein Grinsen wie aus einem Knochengesicht, die Mädchen fürchten ihn nicht, wenn er ihnen einsam im Kornfeld begegnet ... sie wissen, dass er ihnen doch Briefe schreibt nach der Garnison, wo ihre Liebsten weilen, dass er ihnen doch heimlich Botengänge ausrichtet zu allen Husaren, die in Witoborn stehen ...
An einem Kreuzweg sieht der racheschnaubende Stammer einen Mann, der des Weges nicht kundig scheint und nicht weiss, ob er geradeaus gehen oder lieber links sich wenden soll ...
Landsmann! ruft der andere den Geiger an ... Wo ist die Route nach Libori – Pfarrhaus –?
Stammer zeigte nach rechts:
Gerade da, wo Ihr herkommt! Oder dort drüben herum, wenn Ihr erst noch auf dem Finkenhof einheizen wollt! Es macht kalt!
Der Verirrte war ein stämmiger Mann mit Pelzkappe und Düffelrock und rotem Comfortable um den Hals und hatte die hände in den Seitentaschen ... Er kannte den Namen des Finkenhofes und fragte:
Geht Ihr dahin?
Auf zwei Beinen. Sind Sie fremd in der Gegend?
Aus Strasburg –
"O du schöne Stadt!" sang der Geiger mit verbissener Lustigkeit. Ich bin ein Musikus, und Sie –?
Von Metier Perrükenmacher!
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