1858_Gutzkow_031_44.txt

Phrase übersetzen lassen, als er vom Hufschlag eines in galopirender Eile dahersprengenden Pferdes unterbrochen wurde. Lucinde sah schnell zu dem nach der Fronte des Schlosses führenden Fenster hinaus, denn von daher kam das Geräusch. So verwegen durfte von den Leuten des Schlosses niemand in dessen Nähe reiten!

Es war aber Klingsohr nicht, sondern der Kronsyndikus selbst.

Wie kam der heute schon so früh heim? Wie kam er von einer Gegend heim, die keinen andern Zugang bot als den nach dem Düsternbrook? War er wohl gar den Grund selber hinaufgeritten?

Das Pferd schäumte, und fast flog dem Reiter die grüne Mütze ab, als er mit einem gewaltigen Ruck in das offene Seitentor des Schlosses schwenkte.

Nach dem ersten Augenblicke des Erstaunens, wie der Kronsyndikus diesen beschwerlichen Weg hatte wählen können, wollte man zur Arbeit und Uebersetzung der Worte: Roma nondum locuta est! übergehen, als Türck voll Unruhe an die geschlossene Tür sprang, die Schwelle bekratzte und hinaus wollte.

Der Calfacter! murrte Lucinde, während ihm der Kammerherr schmeichelte, um ihn zum Bleiben zu bringen.

Man musste aber öffnen; das Tier heulte vor Ungeduld, hinauszukommen.

Bald vernahm man ein Rennen und Laufen im haus, ein Rufen durcheinander.

Man erfuhr, dass der Kronsyndikus befohlen hatte, einen Wagen anzuspannen.

Darin lag an und für sich nichts Auffallendes, es kam oft vor. Aber die Eile war nie so dringend wie eben. Lucinde ging in ein Zimmer, das in den Hof führte. Sie sah den Kronsyndikus, bis an den Hals zugeknöpft, in seinem grünen Reitrock und in den hohen, schweren Stiefeln im hof stehen und mit stummen Geberden zur Eile winken. Sonst pflegte er solche Befehle mit einer Flut nicht eben gewählter Commandowörter zu unterstützen; heute ging alles still, mit Winken und nur zuweilen mit einem ungeduldig aufgestossenen fuss zu. Er wandte, im hof stehend, dem schloss den rücken. Den Hirschfänger, ohne den er nie ausritt, selbst in zeiten, wo es keine Jagd gab, musste er schon abgeschnallt haben, und doch tastete er immer nach demselben hin und schüttelte den Kopf, wie wenn er erstaunte, vergessen zu haben, dass er schon abgelegt war.

Nun wandte er sich und schritt wie taumelnd wieder zum schloss zurück, wo er in seinen Zimmern schon gewesen zu sein schien.

Lucinde erschrak. Das sonst so gerötete Antlitz des Greises war so auffallend bleich, dass die roten Flecke, die es immer hatte, wie Wunden aussahen. Die Mütze war ihm entweder bei dem Schwenken in den Torhof wirklich noch entfallen oder auch schon abgelegt worden. Grell stachen die weissen Haare von der Luft ab; sie schienen sich zu bäumen; der weisse Backenbart ging grauenhaft auf und nieder, wie wenn die Kinnladen fröstelnd aneinanderschlugen. Das weibliche Personal der Bedienung und ganz besonders die Lisabet, immer voll Umsicht und grosser Rührigkeit, war ängstlich um ihn her beschäftigt. Wie er wieder auf die wenigen Stufen, die zum Schlosseingang führten, treten wollte, glitt er fast aus; er hatte, da die hände immer an der obern Klappe seines Frakkes knöpften, vergessen sich am Geländer zu halten.

Lucinde eilte jetzt selbst hinunter.

Als sie ankam, hiess es, der Kronsyndikus hätte sich in seinem Zimmer eingeschlossen.

Was ihm wäre? fragte sie.

Er ist mit dem Pferde gestürzt!

Ist er den Grund hinaufgeritten?

Man wusste keine Antwort. Manche sagten:

Das doch wohl nicht!

Inzwischen donnerte die gewohnte stimme gleichsam wie mit jetzt erst hervorgelassener, bisher zurückgehaltener Kraft:

Wird's mit dem Wagen?

Schon zog man die Kalesche heraus. Und wie er ihrer ansichtig wurde, befahl dieselbe stimme:

Der Kammerherr soll mitfahren! Nach Eggena!

Es war eines seiner Vorwerke, auf dem er gern in der Jagdzeit verweilte.

Damit schlug er die Fenster so heftig zu, dass eine Scheibe zerklirrte.

Alles das konnte allerdings an sich nicht anders als Lucinden sehr erwünscht kommen. Es war über sechs Uhr; gegen sieben Uhr sollte sie Klingsohr'n erwarten, mit dem sie nun vielleicht sprechen, ihn eine Strecke begleiten konnte, so sehr auch jeder ihrer Schritte von den Spionen des Schlosshofs oder des Parks bewacht wurde ...

Dem Kammerherrn kam der Befehl höchst ungelegen. Da dieser Befehl jedoch von einer der Mägde wiederholt wurdedie sogenannte Dienerschaft, auch der Diener des Kammerherrn, arbeitete in den verschiedenen Branchen der Wirtschaft und legte nur bei besonderer Veranlassung Livree an –, so half kein Widerstand. Am Hufschlag des Rosses hatte der Furchtsame schon vernommen, wie sein Vater in einer Stimmung war, bei welcher ihm Stock oder Peitsche nicht zu entfernt lagen. Er sah ängstlich nach dem Wetter. Es hatte sich leidlich mit dem Regen beruhigt, aber düster hingen die grauen Wolken und weit, weit über der ganzen Gegend hin.

Während der Kammerherr sich nun im Nebenzimmer ankleiden musste und Lucinde ganz schon nur dem Wunsche lebte, dass die Minuten doch lieber langsamer verrinnen möchten, nur damit Vater und Sohn erst auf dem Zweispänner sässen und weiter auf dem Wege nach Eggena voraus wären, hörte man plötzlich den allgemein ausgestossenen entsetzlichen Schrei:

Feuer! Feuer! Feuer!

Lucinde stürzte wieder hinunter und fand den ganzen Hof in Verwirrung.

Die Ursache des Rufes musste ihr beim Herabspringen von der steinernen Treppe selbst sogleich begreiflich werden an einem brandigen Geruch, der sich im hof verbreitete und verbunden war mit einem leise aus der zerbrochenen Scheibe des Wohnzimmers des Kronsyndikus hervordringenden Rauche .