hinaus ...
Nicht mondhell ist sie; nur sternenlicht ... Und weitin über das wellige Land liegt mitleuchtend die Decke des Schnees ...
Grabesstill rings die Welt ... Schlummernd alles Erdenloos ... Wer flüsterte sich nicht: Gibt es denn geheimnissvolle Kräfte, die schicksalsmächtig über Raum und Zeit und das Herz in unserer Brust gebieten? Und wer antwortete nicht: Ihr stilles Hüten glaubt man jetzt zu hören ... Winterlandschaftsstille ist – Friedensmahnruf – Sehnsuchts- – Ahnungsweckruf ...
Anfangs noch hallte zwischen Terschka, Benno und Tiebold der erlebte Tag und Abend nach. Man bewunderte die Kraft der Vision, die sich so in die Vorgänge des Leichenconductes hatte versetzen können. Benno musste Tiebold zurückhalten, der eine natürliche Erklärung, die Terschka gab, nicht wollte gelten lassen. Terschka hatte gesagt: Wer die Gegend und die Verhältnisse kennt, würde sich die Scenen, die heute vorfallen konnten, auch ohne ein Wunder haben ausmalen können! ... Aber die Unterbrechung? entgegnete Tiebold ... Benno antwortete statt Terschka's: Ich will der natur nichts von ihren Tiefen nehmen. Aber ich glaube doch, dass wir uns durch die Gewohnheiten des Daseins in geistigen Dingen zu sehr die Sinne abstumpfen, wie in leiblichen. Ein bis in sein Alter mit den einfachsten speisen Aufgezogener ist empfindlich für jede Veränderung seiner Nahrung. Ebenso gewöhnen wir uns durch Misbrauch unserer seelischen Kräfte die Feinfühligkeit des geistigen Spürsinns ab. Bei der Ankunft am Düsternbrook musste die junge Gräfin etwas Unerwartetes voraussetzen; sie dachte an die Eiche, sah sie und nahe lag das allen Bekannte.
Von Armgart wurde nur bei gelegenheit – der Hasen gesprochen, deren Spuren sich an kleinen Eindrücken links und rechts im Schnee auf den Aeckern verfolgen liessen ... In Tiebold und Benno dämmerte die Ahnung, dass Terschka es war, um dessentwillen sie von Armgart vernachlässigt wurden ... Ja, beim Weidwerkgespräch wieder sah man Terschka's blendende Eigenschaften. Auch Benno und Tiebold verstanden sich darauf, aber nicht so, wie er, der die Jagd verfolgen konnte bis auf alle Vorzüge neuer Entdekkungen aus den Gewehrfabriken von Suhl und Lüttich. Von Terschka sah man täglich das Erstaunenerregende. Der schmächtige bleiche, immer bewegliche Fremdling war ein Reiter, der im Sturm dahinflog. Manches Ross, das den Koller hatte, bestieg er und bändigte es wie ein Beschwörer. Noch neulich, wie ein dem Grafen Münnich gehörendes Tier sich unter ihm schmiegte, wie es die mit seiner Linken mächtig geschwungene Reitgerte über den Kopf hinweg fühlte, sich krümmte bis zur Erde und den Kopf fast in den Schnee bohrte, dann wieder aufschnellte, mit beiden Hinterfüssen sich ebenso rasch auf die Kruppe setzte, dann davonflog pfeilgeschwind und fast wie mit Scham, sich überwunden zu sehen – da war das ein Schauspiel voll Vernichtung für Benno und Tiebold; Armgart stand dicht in der Nähe und sagte nur immer: Nein, nein, ich habe gar keine Furcht für Herrn von Terschka! ...
Nach einer halben Stunde war der Finkenhof erreicht. versteckt lag er unter Bäumen und Wallhekken. Eine Mühle, ein Tanzhaus, eine Kegelbahn, ringsum Nebengebäude; ein grosses Anwesen. Den Finkenmüller hatten Schank und Mehlsack reich gemacht inmitten mannichfachen Elends. Auf der Saline, bei den Kalköfen, in den Moorbrennereien wurde schnell baares Geld verdient, ebenso schnell auch glitt es wieder weg und meist im Finkenhof, wo Sonntags die bekannte falschgestimmte Trompete ländlicher Musik von vier Uhr Nachmittags bis zehn Uhr zu Tanz und jubel zu locken nicht müde wurde.
Anfangs schien es auf dem Finkenhof stiller, als man erwartete. Schon besorgte man, die gräfliche Jägerei nicht anzutreffen. Man hätte sie aufs Schloss rufen können. Terschka weilte aber gern unter den hiesigen Menschen; sie hatten ihn mit Hass empfangen; schon waren alle für ihn eingenommen ... Wir kommen zu spät! sagte er und deutete auf manchen Heimkehrenden, der an ihnen vorüberging und grüsste ... Dann fragte er sie ... Es hiess: Die Jäger sind da, Herr Baron!
Nun bogen sie vom Fahrweg ab und sahen den Finkenhof hell und belebt. Der jeden Morgen frisch aufgeeiste Bach schien zu dampfen. Die Kegelbahn hatte Licht. An den wie mit Fett bestrichenen Fensterscheiben hätte man Scenen aus dem vaterländischen Rekrutenleben an die gegenüberliegende Wand gemalt erblicken können: "Fritze riecht zum ersten male Pulver" oder: "Fritze macht die erste Bekanntschaft mit blauen Bohnen", alles im Stil von Krähwinkel ausgeführt ... Im Tanzsaal ist's still; aber im Wirtshaus sitzen Menschen genug und Gesang sogar gibt es. Benno sagte: Ihren Volkstanz stampfen sie! Den lustigen pfaffen von Ystrup! Und schon hörte man:
He, he! Der ist zu arm,
Dass Gott erbarm'!
He, he! Der ist zu dick,
Hat kein Geschick!
Behalte die Besinnung, wer kann, der da eintritt in
diesen Dampf und Dunst von Hitze und Taback und Bier und Branntwein! Unter einem Heiligenbild an der Seite des Flurs hängt eine Lampe, eine ewige sogar; Fidibus von dünnen Holzspänen liegen daneben: man kann sich Pfeifen und Cigarren an ihr anzünden. Die drei Gäste tun es, um ein Antidoton zu haben gegen die Dünste, die ihrer drinnen harren. Was jedoch stärkt das Ohr, diesen Gesang zu ertragen, der mit einer Festigkeit, wie wenn man Holzblöcke in die Erde rammt, den Eintretenden entgegenbraust? ...
Jetzt