jener beichte verzweifelnd ausrief: Ein Priester bist du! Ein Mensch ohne Leben! Ohne männliches zeugnis für deinen Schöpfer! ... Das alles lag nur dunkel in ihnen. In allen jungen Mädchenherzen, ehe das Los über sie geworfen ist, zittert nur ein schmerzlichsüsses Ahnen von ihrem zukünftigen Geschick. Bald leiser, bald stürmischer meldet sich die sehnsucht, die Pforte der Zukunft geöffnet zu sehen. Oft ist es wohl plötzlich ein jugendlichschöner Gott, der aus düsterm Nebel heraus, wildfremd, wie das herrlichste Ebenbild der Mannesschöne, mit riesiger Umarmung die Harrende umfängt; oft liegt aber auch nur ein ödes, trauervolles Einerlei auf ihrem unbestimmten inneren und alles, was ihr wird und was sie beginnt, ist ihr wie Ohnmacht und tote Dämmerung.
Da rief der Wächter wieder die Stunde ...
Schlaf wohl! hauchte Paula und drückte Armgart an ihr Herz ...
Armgart wollte anfangs gehen ...
Aber, zur Tür des Vorgemachs angekommen, blieb sie stehen, fuhr sich mit der Hand über die Stirn und rief:
Paula! Paula!
Was hast du? sprach diese, sie wieder näherziehend ...
Ein "Du musst – mir –!" presste sich von Armgart's Brust ...
Ich begreife dich nicht – Was muss ich?
Armgart zog einen Brief aus der Brust und sagte:
Paula! Diesen Brief – an Terschka – den hab' ich aus der Mappe – zurückbehalten ... Ich gebe ihn nicht eher ab, als bis du ihn gelesen hast!
Armgart! rief Paula und zitterte ... Sie ergriff vorwurfsvollen Blicks den aus der Residenz des Kirchenfürsten gekommenen Brief und fragte:
Von wem ist er?
Von meiner Mutter! ... Was hat Terschka – mit meiner Mutter! Sie lieben sich! Paula, Paula! Das ist mein Tod!
Armgart! sagte Paula beruhigend ...
Nur Ein Ziel meines Lebens hab' ich! fuhr Armgart in zitternder Erregung fort. Meine älteren auszusöhnen! Sonst will ich nichts! Wüsstest du nur, wie ich neulich in Witoborn war! Ich war bei Hedemann! Ich liess mir eine Stunde lang vom Vater erzählen! Ich lieb' ihn mehr, als meine Mutter – nein, ich liebe auch meine Mutter – mein Gelübde hat der Himmel und ich will es vollziehen und wär's durch meinen Tod ... Armgart faltete die hände und hielt sie empor zu einem Crucifix, das an der Wand hing ...
Warum soll – aber Terschka nur – nicht deiner Mutter schreiben und sie – an ihn? fragte Paula, entsetzt über den fanatischen Ausdruck der Gefühle Armgart's ...
Wie, entgegnete Armgart; dieser lebhafte Briefwechsel? Diese Begeisterung, wenn er von ihr spricht? Neulich seine schnelle Reise, um die Gräfin zu begrüssen? Nur ein Vorwand war es, um die Mutter zu sehen! O, schon im Hüneneck sah ich an der Eile, mit der er die Zimmer bestellte, wie er sie liebt! Und sie, sie – sie könnte –! Dieser Brief ist von ihr – Paula, du, du sollst ihn lesen!
Paula verwies Armgart ihr Ansinnen mit Unwillen; denn sie wusste wohl, was Armgart meinte ... Sie wusste, dass der Brief nicht erbrochen zu werden brauchte; sie wusste, dass sie alles lesen konnte, was man ihr im Hochschlaf aus ihr Nervengeflecht legte ... Ob auch uneröffnete Briefe? ... Versucht war es nicht ... Hier glaubte man nicht an die Unmöglichkeit.
Wie eine unreine Versuchung wehrte Paula Armgart's überredende Geberde ab. Sie sagte schmerzerfüllt, doch entschieden:
Gute Nacht, Armgart! ... Misbrauche mein Unglück nicht! ... Ich verbiete es dir! ... Es muss ein Ende damit werden ... Gott wird mich erlösen ... Sei gut, Armgart! ... Sei gut! ... Und nun, gute Nacht!
Damit verschwand sie hinter dem Vorhang, den sie wieder fallen liess, und schloss die Tür zu ihrem Schlafgemach ab ... Wieder tönte das Horn des Wächters ...
Armgart ging zögernd auf ein Zimmer weiter zurück ... Sie hörte noch, dass sich Paula sogar einriegelte ... Dann trat sie durch eine Nebentür auf den kalten Corridor ...
Ein Diener folgte und begleitete sie mit einem Licht in ihren Turm ...
An dem Zimmer der Tante ging sie vorüber, ohne dass sie es merkte. Ein äusserster Entschluss kämpfte in ihr, ein tiefes Sinnen beherrschte ihr ganzes Sein ... Krampfhaft presste sie den Brief, den sie in ihr Busentuch gesteckt hatte ... Schon hatte sie den Finger an das Siegel gelegt ... schon zuckte die Hand, es aufzureissen ... Sie dachte an den Beistand der beichte, der sie leichter über die Folgen eines solchen Vergehens hinwegführen würde ... an Bonaventura ... an Benno ...
Da verliess sie allmählich der wilde Mut ...
Der Diener stand und harrte ihres Befehls ...
Legt das – in Herrn von Terschka's – Zimmer! hauchte sie. Es ist ein Brief für ihn, der – vergessen wurde ... Der Diener nahm den Brief und wandte sich den Zimmern Terschka's zu. Armgart verschwand in ihrem Zimmer.
6.
drei Männer, in Mäntel gehüllt, schreiten in die Winternacht