zurück ... Tränen traten der alten Jungfrau in die Augen und mit einem Gefühl des Vorwurfs, das ihr über diese und ähnliche Dinge sagte: Deine S t r a f e das für die alte Zeit! ging sie auf ihr Zimmer.
Armgart! sagte inzwischen Paula, als sich diese ihr anschloss und ihre schlanke Hüfte krampfhaft umfasste. Du solltest bei der Tante bleiben!
Wenn ich in meinen Turm gehe, poch' ich noch einmal bei ihr an und sag' ihr gute Nacht! flüsterte Armgart ...
Sie liess den Diener, der leuchtete, vorangehen ...
Armgart durfte nicht mehr in Paula's unmittelbarer Nähe schlafen wie sonst. Seit ihrer Rückkehr von Lindenwert hatte beide die Tante getrennt ... Aber Abends noch eine Weile mit Paula, wenn diese sich wohl fühlte, zu plaudern, liess sie sich, so oft sie in Westerhof verweilte, nicht nehmen ...
Die Vorhänge des Schlafzimmers Paula's waren schon zurückgelehnt ... Im Vorgemach, wo ein kleiner Ofen stand, der geheizt wurde, half Armgart die geliebte Freundin entkleiden ... Oft sprach Paula schon im Gehen und Stehen Dinge, die "einer andern Welt angehörten" ... Dann brachte sie Armgart zur Ruhe, rief einem Kammermädchen, das in der Nähe schlief, und trennte sich nicht eher von beiden, als bis Paula in völligen Schlummer versunken war ...
Heute leuchteten Paula's Augen hell auf ... Eine stille sehnsucht lag in ihnen ... eine sehnsucht, die Armgart vollkommen verstand ...
Stürmisch warf sich Armgart der Freundin, die zu ihr herniederblickte, an die Brust und rief mit erstickter stimme: Ach! Ach! Was sind wir doch unglücklich!
Meine gute Armgart! erwiderte, dies Wort ablehnend, die ältere Freundin. Warum unglücklich? ...
Paula's Leben war ja ein einziges Schmerz-, oder ein einziges Wohlgefühl, sie wusste es selbst nicht zu unterscheiden ... Sie liebte einen Priester; sie hatte auch das sichere Gefühl, wieder geliebt zu sein ... Geständnisse hatte es früher nicht und auch jetzt noch nicht gegeben ... Vor Armgart aber war alles das nicht mehr geheim ... Selbst wenn Armgart zu viel Scheu gehabt hätte zu sagen: Du liebst den Domherrn! stand es doch schon lange ohne Worte zwischen ihnen fest ... Selbst das stand fest, dass sogar Paula's etwaiger Eintritt in ein Kloster eine Art höherer Vermählung mit Bonaventura sein konnte ... So flossen noch die reinen Gedanken, die Jungfrauenseelen mit der Liebe verbinden, gleichviel, ob zu Besitz oder zu Entsagung, bei beiden mit ihrem religiösen Pflichtgefühl ineinander ...
Seit einiger Zeit trat Armgart freilich immermehr aus dem Bann des harmlosen Träumens heraus ... Lag das an der Flucht aus der Pension in Lindenwert? ... Oder jetzt an dem Zusammenleben mit so vielen liebebedürftigen jungen und alten Mädchen im Stift? ... Lag es an ihrer eigentümlichen Schwankung zwischen den Bewerbungen Benno's und Tiebold's? ... Sie regte schon seit lange jeden Abend die Phantasie ihrer Freundin auf. Auch heute durch Klagen über des Domherrn Ausbleiben ... über Tiebold's fragen, die sie andeutete ... über Benno, "der sich so sicher dünkte" ... und endlich stockte sie ...
Paula fragte befremdet:
Du hast heute etwas –?!
O könntest du doch für mich in die Zukunft sehen! rief Armgart wie aus tiefster Seele heraus ...
Lass das! Lass das! erwiderte Paula schmerzerfüllt.
Armgart hob ihre Augen bittend auf ... Das Weisse darin blitzte wie Email, wie feuchtes Silber ...
Paula wandte sich, als unterläge sie schon diesem Glanz und Schimmer und Armgart's Bitten ... Lass uns beten! sagte sie ... beten gegen Versuchung!
Paula! – hauchte Armgart. Morgen musst du mir sagen – ich frage dich –
Nimmermehr! rief Paula. Ich verbiete dir alles! ... Und wie wild erregt von einer Furcht, die sie plötzlich in allen ihren Geistern vor sich selbst ergriff, fuhr Paula fort: Ihr seid so grausam gegen mich! Ihr tödtet mich noch!
Paula! bat Armgart ...
Ich kann ja so nicht fortleben! sprach Paula zitternd vor Aufregung. Lasst mich doch sein, wie ihr alle seid! Jesus Maria! Es sprengt mir noch das Herz! Geht das so fort, muss ich wünschen, jenes Mädchen kehrt zurück, das allein gehindert hat, dass ich im Traume sprach! Wenn sie kam, wich jede Kraft von mir! Ich will ja nur sein, wie alle andern Menschen sind ...
Armgart wusste, dass Lucinde gemeint war, jene Lucinde, in deren unmittelbarer Nähe Paula mit der Zeit ganz von ihrer Ekstase zurückkam, doch mit grossem damit verbundenen physischen Schmerz, den auch Armgart damals an der Maximinuskapelle selbst empfunden haben wollte, als sie Lucinden nach den Beschreibungen Paula's sofort erkannte ...
Beide Mädchen standen lange schweigend und in Wehmut verloren ... Ob sich ihnen wohl vergegenwärtigte, dass Paula genesen konnte, wie alle ärzte sagten, durch – die Liebe? Ob sie wohl ahnten, dass Bonaventura auch da von sich sagte, was er, zwischen Lucinde und Paula in der Mitte der Versuchungen stehend, am Abend