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; ganz wie deine Mutter war, die auch noch jetzt, "hoch in den Dreissigen", ein reines Kind sein soll! Auch an dir wird die Familie wenig Freude erleben ...

Armgart, statt zu reden, hob die gefaltenen hände gegen Himmel ...

Paula besänftigte die Tante, die jedoch von Armgart selbst unterbrochen sein wollte, um versöhnt zu werden. Armgart blieb still. Keine Schmeichelküsse, keine Liebkosungen, keine Scherze, nichts gab sie wie sonst. Ebenso erblasst, wie vorhin hocherglühend, ging sie im Zimmer hin und her, machte sich mit ihren glänzend aufgeschlagenen Augen dies und das zu schaffen und sagte nur zur "factischen Berichtigung":

Die Mutter ist fünfunddreissig Jahre!

Der Onkel wollte jetzt auf sein Zimmer und Frieden und die Stimmung der Güte zurücklassen. Das neue Aufbrausen der Tante unterbrach er durch ein lautes Vorlesen eines der erhaltenen Briefe. Dabei hielt er seine linke Hand in die Höhe. Er wollte, dass sie Armgart ergriff und als Ablenker ihrer Stimmung benutzte. Armgart sah die freundliche Geberde und stürzte auch auf die Hand zu, küsste sie und drückte sie heftig an ihr Herz.

Jetzt empfand die Tante den Neid ihrer "Liebe". Dieser Neid äusserte sich in Tränen, die ihr auf die Wange rollten ...

Des Onkels fest vorlesende stimme hinderte noch die Rückkehr zu den sich schon in Güte lösenden Empfindungen; vorläufig war es Paula, von der die Tante ans Herz gezogen wurde ...

Die Gräfin Erdmute von Salem-Camphausen dankte (nach des Onkels in alle diese aufgeregten Stimmungen eines hochgestellten, edlen, doch von seinen vielen Erlebnissen tief erschütterten Familienkreises beschwichtigend einfallendem Bericht) auf das von ihm erhaltene Schreiben aufs verbindlichste. Sie war glücklich in England angekommen, wohnte auf dem land bei Lady Elliot und wünschte ihrerseits nur den friedlichsten Fortgang aller der Dinge, die Gottes Ratschluss über das Schicksal beider Linien verhängt hätte. Erst bei einigen religiösen Anzüglichkeiten und der Erwähnung der Krankheitszustände der jungen Comtesse hörte der Onkel im lauten Vorlesen, das er zur Dämpfung des Streites wörtlich begonnen, auf ...

Die Tante benutzte die nun entstehende Pause und knüpfte an London Betrachtungen über Paris und würde sich selbst auf Aetiopien, China und die Chemie eingelassen haben, wenn das Gespräch nur ausdrückte, wie sehr "ihr Herz" bei alledem unter Armgart's Trotz und verhärteter Gesinnung litt ...

Der Sturm der Gemüter war indessen vorüber ... milderes Wetter stellte sich ein und endlich schlug es neun, wo man auf dem land schon an die Nachtruhe denkt ...

Der Onkel erhob sich zuerst und erklärte wiederholt, noch arbeiten zu müssen ... Die Tante plauderte von einigen Anmeldungen ihrer Freundinnen zu den Exercitien, die Pfarrer Müllenhoff auf Betrieb der Frau von Sicking arrangiren sollte ...

Der Onkel erwiderte:

Aber der rauhe Mann eignet sich doch gar nicht zu dergleichen! Die indischen Fakirs sind keine Braminen! Im Ganges gibt es mancherlei Bäder! Ich hoffe, dass er nichts unternimmt ohne den Domherrn, seinen Vorgesetzten ...

Die Tante, mit dem unendlichsten Bedürfniss nach Einverständniss, stimmte vollkommen diesen Aeusserungen bei. Auch sie fand Müllenhoff's Weise so übertrieben, so aufreizend, dass es für die Religion selbst Gefahr brächte ...

Und der Onkel fiel ein:

Wie ich immer gesagt habe ...

Wie Sie immer gesagt haben ... bestätigte die Tante ...

Den Finkenhof kann man den Leuten nicht nehmen ...

Den kann man ihnen nicht nehmen ...

Man macht dem Mann alles nach Wunsch ...

Und doch ist ihm nichts recht ...

Den eigenen Eingang zur Sakristei in unsrer Kapelle geb' ich ihm auf keinen Fall ...

Wie werden Sie denn! ...

Seine Manieren sind unglaublich! Mitten in der heiligen Messe putzt er an den Leuchtern und schüttelt den Kopf über den alten Tübbicke ...

Den guten alten Tübbicke ...

Armgart kam jetzt wirklich zur Gruppe, die der Onkel, die Tante und Paula bildeten, mit hinüber ...

Die Schulkinder, fuhr der Onkel fort, lässt er eine Stunde lang knieen, um ihnen seine sogenannte Kniesteifigkeit zu vertreiben!

Zu Lichtmess will er Unterricht geben im richtigen Tempo des Rosenkranzgebetes!

Diese Harmonie braucht der Himmel nicht, wenn's nur in unsern Herzen keine Dissonanzen gibt!

Wer jetzt ein Blumenstöckchen in eine Kapelle stiftet, von dem will er vorher die Anzeige haben, ob er auch keine Alfanzereien bringt!

Und ich denke, wenn ein liebend Gemüt einen Tannenzweig brächte oder ein tönernes Lämmchen ...

Es ist das gewiss auch eine kindliche Gabe!

Ei, es hat sogar einen ernsten Sinn und erinnert an manchen bedeutungsvollen Mytus, der bereits bei denen alten Aegyptern als eine Vorahnung zu betrachten war zu manchem heiligen spätern Gebrauch!

Die Tante gähnte nun zwar, sagte aber:

O Sie sollten ihm das alles einmal auseinandersetzen, lieber Hülleshoven!

Der Onkel küsste jetzt Armgart ... Das süsseste Einverständniss schien hergestellt ... Nur Eines fehlte noch, dass auch die Tante mit Armgart sich ausdrükklich aussöhnte ...

Aber dieser feierliche Moment blieb nach der Entfernung des Onkels aus ...

Paula ging ... Die Diener waren schon zugegen ... Armgart sprang sofort hinter Paula her und schloss sich ihr an ... Die Tante blieb allein ... Sie blieb es einige Minuten ... Niemand kam zu ihr