1858_Gutzkow_031_435.txt

noch scheuer vorüber ...

Benno sah das ganze seit Wochen so befremdliche Wesen und staunte ...

Inzwischen sprach die Tante von den Ombres chinoises und jetzt mit der grössten Schonung. Sie rühmte die Philosopheme Püttmeier's ebenso, wie sie sie heute früh verworfen hatte ... Sie kam darauf durch ihre Lectüre ...

Ich lese da eben einen Brief von der guten Angelika Müller aus Paris! schaltete sie ein. Was ist die in neuen Verhältnissen! ... Die Fulds sehen die Minister und die berühmtesten Namen bei sich ... Ei, Herr von Terschka, Madame Fuld lässt sich Ihnen empfehlen ... Und ob Sie nicht im nächsten Sommer wieder auf ihrer Villa erschienen? ... Die neue Erweiterung des Gartens, des Pavillons, würde ganz nach Ihren Ideen gebaut werden, schreibt Angelika ... Und wann Sie denn nach Wien reisten? liesse Madame Fuld fragen ... Ei, ei, Herr von Terschka, welches Interesse von einer so jungen und gewiss höchst liebenswürdigen Frau!

Armgart fixirte Terschka aufs lebhafteste, als er dies Lob der Frau Bettina Fuld bestätigte ... Paula musste ihre Hand auf Armgart's Scheitel legen, wie gleichsam um ihre stürmenden Gedanken zu beruhigen ...

Jede Lücke des nicht im wohltuenden Zusammenhange bleibenden Gesprächs gehörte natürlich wieder Tiebold ... Mit seiner immer lebendigen Teilnahme, mit seiner Empfänglichkeit für alles und jedes füllte er sie ... Die Tante überhäufte ihn mit Tee, Zwieback, kalten Fleischspeisen und einem "Herr v o n Jonge" nach dem andern. Er war eben der Liebling ihres Herzens. Als endlich die Rede fiel, dass die Männer wirklich noch auf den Finkenhof gehen und mit dem gräflichen Jagdpersonal die versprochene Rücksprache nehmen wollten, und Benno und Tiebold erklärten, sie würden von dort auf einem kürzern Wege zu Fuss nach Witoborn zurückkehren, protestirte die Tante mit Beseitigung aller ihrer noch unbeendigten Lectüre entschieden und behauptete, eine solche Gefahr vor Schneeverwehungen nimmermehr zuzugeben ... Die jungen Männer versicherten, dass der Schnee fröre und ihnen diese Wanderung den grössten Genuss gewähren, ja Bedürfniss sein würde. Auf die immer und immer wiederholten Einwendungen der Tante wurde zuletzt Armgart ausfallend und fand es sonderbar, Männern ihren Willen zu nehmen. Sicher hätte dies kühne Wort dann die wechselnde Ebbe und Flut im Gemüt der Tante zum Ueberströmen der letzteren gebracht, wäre nicht der Onkel gleicher Meinung gewesen und hätte erklärt, wie man nur den jungen Herren ein Vergnügen rauben könnte. Dabei tat er, als wenn ja auch nur s e i n aufopferndes jahrelanges Leben hier unter den Frauen auf Schloss Westerhof schuld daran wäre, dass er nicht die anstrengendsten Entdeckungsreisen nach Cochinchina unternommen hätte.

Paula's Schweigen gebot den Aufbruch zu beschleunigen ... Es war ihnen allen schon geschehen, dass die Leidende eben noch teilnehmend ihren Gesprächen lauschte und plötzlich auf eine Anrede im Traum erwiderte ...

Als die Männer gegangen warenTiebold mit bedeutsamen Seufzern, Benno vergebens auf den Händedruck hoffend, der ihm von Armgart sonst immer so unbefangen geworden, Terschka fast von ihr ausgezeichnet durch manche beflissene Frage, manche lebhaft erwidernde Antwortüberschüttete die Tante Armgart mit all dem Mismut, der sich in den gespannten Zuständen ihres Gemüts seiter angesammelt hatte. Von Tage zu Tage nahm die Reizbarkeit und Ungeduld Benigna's zu. Ein ängstlicher blick in die Zukunft verdüsterte ihr alles, was sie umgab, und schon lange war es immer nur Armgart, die der Blitzableiter aller ihrer Verstimmungen werden musste.

Nein, je älter, desto unerträglicher wirst du doch, Armgart! rief sie und das noch in Gegenwart des Onkels. Seit du von Lindenwert zurück bist, erkennt man dich nicht mehr! Verkehrt warst du schon immer; aber so vorwitzig, wie jetzt deine Aeusserungen sind, so keck, wie ich dich z.B. vorhin drüben im Durchstöbern der Postmappe fand, bist du nie gewesen! Hat es das fräulein Müller versehen, die in ihrer Geduld und Nachgiebigkeit sich jetzt sogar den Sitten eines vornehmen Judenhauses in Paris fügt, oder ist dir die Stiftsdame zu Kopf gestiegen oder ich weiss es nicht, was die Schuld trägt! Die Jagd mitmachen! Hasen schiessen, die einem über den Weg laufen könnten! Wahrhaftig! Ich habe gar keine Geduld mehr für dich!

Nun, nun, nun, nun –! beschwichtigte der Onkel fortlesend ...

Und Paula bat schmeichelnd:

Tantchen!

Armgart aber stand wie das Lamm Gottes, das die Sünden der Welt trägt. Alles Weh der Erde legte sich um ihren mit lächelnder Duldung geöffneten Mund ...

Deine Mutter war aber ebenso! fuhr die erzürnte Schwester derselben fort. Und dein Vater, der nicht minder! duckte sie den aufblickenden Onkel nieder. Von einer Jagd kam auch deren erste Uneinigkeit. Monika wollte auch schiessen können und ging mit auf die Jagd und als Ulrich einigemal fehlschoss, lachte sie und hielt es ihm mit Spott vor. Ein Mann kann vom weib viel ertragen, aber ihm unritterlich zu erscheinen, reizt. Zumal bei einer solchen Empfindlichkeit, wie bei allen diesen Hülleshovens! Ja, versteck' dich nur jetzt so hinter Paula! Geh nur so herum und tu', als wenn du deine Rechtfertigung wie eine verlorene Stecknadel im Zimmer suchtest! Auch liesest du nichts, du arbeitest nichts, die Vielliebchen werden wohl nach einem Jahre fertig sein, Musik hörst du kaum, geschweige dass du sie wieder vornimmst