das Testament der Ermordeten genommen hatte (Bruder Hubertus sollte in der Tat das Geld angenommen, aber zu bestimmten Zwecken cedirt haben) – das ernste feierliche Schweigen wurde noch mehr hervorgerufen durch den Gegensatz, in welchem die reine, lichtumflossene, weiblich verklärte Gegenwart der Wiedereingetretenen zu dem Unreinen stand, das durch menschliche leidenschaft wie aus einem Schwefelpfuhle heraufbeschworen so im Leben ans Licht treten kann.
Die endlich von der Tante mitgebrachte Postmappe, aus der sie schon ihre eigenen Briefe und die für Paula herausgenommen hatte, bot gelegenheit, dass sich die Empfindungen sammelten und eine Stimmung des Friedens und wenigstens äusserlichen Behagens wiederherstellte ...
Auch von Püttmeier's Besuch erzählte jetzt die Tante ... Das lebhafte Interesse, das daran der Onkel nahm, wurde an einem ebenso lebhaften äussern Ausdruck dafür nur durch die weit ausgebreiteten Zeitungen und das fortgesetzte Mahl verhindert ...
Auf Schloss Westerhof war man sonst, was die Zeitereignisse anlangte, immer ziemlich spät hinter ihnen zurück. Die neuen französischen Ministerien wurden gewöhnlich erst bekannt, wenn sie schon wieder abgedankt hatten. Man hielt die Zeitungen der nahe liegenden Städte, las sie aber nur von hinten her nach vorn, erst in den Familiennachrichten und dann erst in der politischen Rubrik und diese überschlug man oft auch gänzlich ... Paula durfte sogar keine Zeitung früher lesen, ehe nicht die Tante sie censirt hatte; denn schon lange kam es vor, dass Berichte: "Aus Witoborn" oder: "Von der Witobach" über die "Seherin von Westerhof" oder über die "Dorste'sche Erbschaftsfrage" schrieben. Seit dem Kirchenstreit war eine etwas grössere Leselust eingetreten. Die Tante, Paula, Armgart, das Stift Heiligenkreuz schwärmten für den abgesetzten Kirchenfürsten. Onkel Levinus entzog sich dem gemeinsamen geist der Provinz um so weniger, als für ihn zwar nicht, wie bei Professor Guido Goldfinger, schon der Schöpfer in der Erschaffung der Pflanzen und Blumen das katolische Princip voraus signalisiren wollte, doch die geschichte, vorzugsweise die der alten Hindus, ihm entschiedene Tendenzen zum römischen Glauben verriet. Oft schon hatte er mit dem Bruder Hubertus über den Glauben der Chinesen gesprochen und sah überall die Anknüpfungspunkte der Missionäre verfehlt. Er konnte oft auf einige Monate ganz die Chemie, leider auch die Oekonomie vergessen, nur um die Dreieinigkeit nicht in den Glauben des Confucius hineinzutragen, sondern sie "ganz evident" aus ihm heraus zu entwickeln. Eine Reise nach Aetiopien, zunächst um daselbst dem wirklichen Vorhandensein des bekanntlich nur im englischen Wappen und in der Bibel vorkommenden fabelhaften Einhorns nachzuforschen, dann aber auch um sich über alles zu orientiren, was mit dem Cultus der "schwarzen Madonna" bis zum Völkervater Ham zurück zusammenhing, wäre ihm schon bei geringerer Liebe zur Bequemlichkeit eine seiner bedeutendsten Lebensaufgaben gewesen ... Den Ghibellinen gegenüber sagte auch er, wie hier alle: "Religion muss apart sein!" d.h. in keine Verbindung und Abhängigkeit mit der sonst verbürgten politischen Loyalität treten.
Der Erörterungen über das Neueste in diesen Streitigkeiten gab es genug ...
Terschka schwieg dazu ... Er sah in seine Briefe, die zahlreich waren ...
Einen schien er darunter zu vermissen. Er betrachtete die Poststempel und fragte:
Ist das die ganze heutige Post?
Armgart fiel ihm in die Rede und begann mit einer plötzlich aufleuchtenden, für die Stimmung des kleinen Kreises fast unpassenden Lebendigkeit und jetzt auch zu Benno gewandt, dessen schmerzlich fragende Blicke sie anfangs gemieden hatte:
Wann soll die Jagd sein? Ich gehe mit! Nicht auf Münnichhof zu den Transparenten, nein! Ich schiesse mit den Männern um die Wette! Lassen Sie mir den Pancraz als Leibschütz, Herr von Asselyn!
Armgart! lautete der einstimmige Verweis aus des Onkels, der Tante und Paula's mund ... Alle blickten dabei von ihren Briefen und Zeitungen auf ...
Warum denn nicht? fuhr Armgart mit glühendem Antlitz fort. Kann ich nicht schiessen? Ich hab's vom Heidebreck gelernt! Soetbeer und Pancraz können bezeugen, dass ich vor Weihnachten auf dem Wege zum Stift im Niederholz ihnen begegnete, dem Pancraz die Flinte aus der Hand nahm und einen Hasen traf, der unfehlbar mir über den Weg gelaufen wäre! Ich wollte kein Unglück haben ...
Die Männer mussten auflachen über diese eigene Art, dem Schicksal seine bösen Vorbedeutungen mit Gewalt zu vereiteln ...
Die Tante sah nur kurz vom Brief einer guten Freundin auf und bemerkte:
Deshalb entdeck' ich auch in deinem Zimmer immer die meisten Spinngewebe! Du denkst, Spinnen bon espoir. Ich aber denke, jedes Unglück, das sich nur durch Wildheit und Unordentlichkeit abwenden lässt, muss man getrost ertragen!
Auch dieses Streiflicht auf Armgart's nicht eben besonders pünktliche natur blieb nicht ohne ein Lächeln der Männer. Nur, dass sie hätten hinzufügen mögen: Aber lass uns doch über dich lachen, du süsser Narr! Gerade dein Koboldsgeist ist's ja, der andern so himmlischer Abkunft erscheint! Rumore, wie du willst, verschleppe Bücher und Nähtereien und Federn und Dintenfässer; gerade darin liegt uns ja dein bestrickender Reiz! ... Armgart fasste jedoch dies Lächeln nicht so. Düster blinzelte sie die Reihe herum und musterte, wer sich zu lachen erlaubt hätte ... Vorwurfsvoll blickte sie besonders auf Tiebold, dem sie sogar laut sagte: Das amusirt Sie wohl? ... Benno's blick hielt sie nicht aus ... An Terschka huschte ihr Auge