der Gülpen, die Deichgräfin warte nur eine Reise ihres Mannes ab, um ihn zu erhören. Dann würde sie selbst einmal aufs Schloss kommen. In einer Nacht, wo kein Stern am Himmel stand, der Kronsyndikus gegen Mitternacht von einem Gelage heimkehrte, wisperte ihm das Scheusal zu: Die Deichgräfin ist da! Sie bleibt auf die Nacht bei mir zum Besuch, das Wetter ist zu schlecht – Wo? ruft der Trunkene und folgt in rasender Begier dem weib, das ihn an ihrer knöchernen Hand im Dunkeln geleitet. Plötzlich ist ihr Licht erloschen, alles ringsum finster. In einer engen, dunklen kammer trifft er eine schlanke, sich eben entkleidende Gestalt, wirft sich auf sie – und erst wenige Minuten später, als es zu spät war, erkennen zwei Menschen ihren grauenhaften Irrtum ...
Die Männer sassen erstarrt ... Es bedurfte von Seiten des Onkels kaum einer Erklärung, welche Rache hier ein weiblicher Bösewicht vollzogen hatte, der denn auch das Leben durch die Schlinge eines Mörders verlassen sollte ... Dennoch erklärte der Onkel das Vorgefallene ausführlicher:
Brigitte von Gülpen hatte Hedwig Stammer, die sie tödlich hasste, allmählich an sich gelockt und sicher zu machen gewusst ... In ihrer Waldwohnung suchte sie sie öfters auf, erklärte, die Untreue des Hauptmanns bräche ihr zwar das Herz, doch wolle sie sein Glück nicht hindern ... Sie befahl nur dem Mädchen, die Besuche, die sie ihr, um ihren guten Willen zu zeigen, machte, dem "Herrn von Buschbeck" zu verschweigen ... Sie versprach eine glänzende Ausstattung, die Unterstützung des Kronsyndikus und lockte das arme Kind immer mehr und mehr an sich ... Eines Abends, da sie es so veranstaltet hatte, dass Hedwig einen Auftrag im schloss auszurichten hatte, behielt sie sie bei sich, erzählte von dem "Herrn von Buschbeck", Hedwig's Geliebten, der noch diesen Abend aufs Schloss kommen müsste und mit dem Kronsyndikus von einer Jagdpartie zurückkäme. Es regnete, es stürmte. Sie versprach, Hedwig's Ausbleiben über Nacht sogleich bei den besorgten älteren ansagen zu lassen und brachte sie in eine kammer, wo sie zur Nacht ruhen sollte. Das arglose Ding, das bis zwölf Uhr vergebens gewartet hatte, entkleidet sich, lässt, da die Gülpen noch erst gute Nacht zu sagen zurückzukommen erklärte, die Tür offen, löscht auf Befehl das Licht, weil die Gülpen von den Wunderlichkeiten des Kronsyndikus und seiner Strenge gegen Untergebene spricht, und nun stürmt die Gülpen plötzlich herein, ruft: Buschbeck ist da! Er kommt ... Hedwig fährt auf, rafft ihre Kleider zusammen – – Genug, drei Tage hielt sich das Weib, dem seine Rache nur zu gut gelungen war, vor der Wut des Försters, dem die Getäuschte, noch in der Nacht vom schloss entfliehend, sich sogleich entdeckte, verborgen ... Buschbeck würde sie ermordet haben ... sie wusste das ... Der Kronsyndikus, damals noch sein eigener Gerichtsherr, verfügte gegen den Förster, der ihn persönlich anfiel, erliess sofortige Verhaftung, dann Dienstentlassung. Lachend verzieh er der Gülpen, nannte noch später, als in der Tat zufällig die in aller Unschuld abwesende Deichgräfin eines Sohnes genas, diesen, den jetzigen Mönch Sebastus, seinen wahren Sohn, d.h. den Sohn seiner Einbildung, seinen Sohn im geist. Hedwig Stammer verfiel in ein Nervenfieber und starb. Den sogenannten Hauptmann von Buschbeck wollten die französischen Gensdarmen zwingen, Kriegsdienste zu nehmen oder die Gegend zu verlassen. Er flüchtete sich nach Kloster Himmelpfort, wo ihn der damalige würdige Guardian Henricus beschützte, vollends als er nach dem tod Hedwig's in den Orden trat. Das böse Weib konnte sich nicht länger im schloss halten. Reich ausgestattet an Geschenken, für ihre Lebenszeit gesichert durch eine Pension, zog sie von dannen. Sie stellte sich so wahnsinnig verliebt in ihren Verlobten, dass sie alles, was sie von seinen Sachen als Andenken nur ergattern konnte, mitnahm, javanische Pfeilspitzen, chinesische Götzen, grosse ausgestopfte Vögel ... Die Stammers wohnten dann später in einem Pavillon des Schlossparks und hatten das Gnadenbrot vom Kronsyndikus, der seine Jugendtorheiten späterhin, wie das so geht, wenn die Kraft nachlässt, zu bereuen anfing ... Und schon einmal wurde ihm der Geiger zum Verhängniss. Dieser Taugenichts war es, der den Tod seines Sohnes Jérôme dadurch veranlasste, dass er diesen, der zur Pflege in einem dorf jenseit des Gebirges beim Pfarrer Huber, der jetzt hier in Witoborn steht, die Nachricht von der nach Hamburg gerichteten Flucht eines gewissen fremdartigen, schönen Mädchens anzeigte, das damals wiederum auf Schloss Neuhof, wenn auch freilich unter andern Verhältnissen, auftauchte –
Bis zur gänzlichen Vollendung seiner Erzählung gelangte der Onkel nicht, denn in diesem Augenblick kehrten die Frauen zurück ...
Tief erschüttert schwiegen die Männer ...
Was ihnen auf die Lippen ein ernstes Schweigen legte, war nicht bloss das Entsetzen über das Vernommene, nicht bloss bei Terschka der mannichfache, fast persönliche Anteil, den er an allen diesen Berichten zu nehmen schien, nicht bloss bei Benno die Verbindung alles dessen, was er über Klingsohr und Lucinden wusste, und der Nachhall des grauenhaft dämonischen Wortes des Kronsyndikus: Im Geist ist doch Heinrich Klingsohr mein Sohn! – nicht bloss bei Tiebold die Rückerinnerung an jenen Morgen, wo eine so böse Uebeltäterin ermordet gefunden wurde, und an die ihm noch unbekannte Wendung, die