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, der es wieder aufgerichtet hat ... Er ist von seiner Reise zurück ...

Terschka, immer die Tür fixirend, durch die Armgart zurückkehren musste, und eine Tasse Tee entgegennehmend, sagte:

Ich bin nun fast ein halbes Jahr in der Gegend, hörte soviel vom Bruder Hubertus und sah ihn heute zum ersten mal ...

Er ist erst jetzt von Wanderungen heimgekehrt, die ihn bald in dieses, bald in jenes Kloster seines Ordens, oft bis in die Schweiz hineinführen, erwiderte Onkel Levinus. Gleich beim Anblick des Kreuzes, vor der Störung an der Eiche, dachte ich mir: Jetzt muss wohl der Knochenmann wieder dasein!

Welche Störung? fragte schon vor dem "Knochenmann" die Tante und sah Tiebold an, der seinerseits zu der vom herabfallenden Lampenschimmer wie verklärten und nur auf die Erwähnung Bonaventura's harrenden Paula mit gedankenverlorener Andacht blickte ...

Ja! fuhr der Onkel fort, das war, um es nur zu sagen, ein recht verdriesslicher Augenblick! Ein förmliches Todtengericht! Ich zitterte für den Präsidenten, der neben dem Domherrn sass und die Scene erleben musste! Auch der Landrat, wie uns Herr von Terschka später mitteilte, soll sich furchtsam in seine Ecke gedrückt und vergessen haben, dass gerade seine Autorität hier am platz war ... Wer weiss, wie lange diese Scene gedauert hätte, wäre nicht Herr von Terschka zum Wagen hinausgesprungen und hätte die gehemmte Ordnung des Zuges wiederhergestellt ...

Tante Benigna's Augen hafteten an denen Tiebold's ...

Bruder Hubertus unterstützte Sie endlich, Herr Baron! schaltete Benno ein, den Terschka's gespanntes Warten auf Armgart zu stören schien ... Man hätte von ihm, soviel ich höre, diese Grossmut kaum erwarten sollen ...

Welche Grossmut? fragte Terschka. Was hat es mit dem Bruder für eine Bewandtniss?

Das zu erklären, fuhr der Onkel fast frauenzimmerlich errötend fort, möchte

Die Tante wusste, dass die "Gegenwart der Damen" hinderlich war und fiel sogleich ein:

Welche Störung fiel denn nur vor?

Paula sass jetzt, als besänne sie sich auf einen Traum, den sie vor langer, langer Zeit gehabt haben konnte ... Auch Benno sah sie auf das Wort des Onkels mit einem ehrfurchtsvollen Blicke an. Sie machte den Eindruck, als wären unter dem Schutz ihrer weit ausgebreiteten Cherubsflügel alle Dinge der Erde rein und unentweiht ...

Der Zug musste im Düsternbrook eine Biegung machen, erzählte der Onkel, sodass wir auch im Wagen alles mit ansehen konnten, was vor uns mit dem Sarge geschah. Vier Laienbrüder trugen ihn. Voraus gingen der Provinzial Maurus und die Mönche und alle sangen. Hintennach folgten die Dienerschaften von Schloss Neuhof, die Vorstände der Wirtschaft, die Beamten der Wittekind'schen Verwaltung. Dann erst kamen die Kutschen. Wie der Sarg an der bekannten Eiche vorüberkam, empfing ihn an dem zum Zusehen bequemsten platz eine dort versammelte Menschenmenge ... Bauern, Knechte, Weiber, Kinder, alles dicht geschart ... Zufällig machten die Gesänge der Mönche eine Pause ... Da ertönte anfangs eine Geige ... In lustiger Melodie fiedelte irgendjemand, den man nicht sah, und gerade aus dem Menschenknäuel heraus ... Erst konnte man an einen Bettler denken, der die gelegenheit nutzen wollte, auf die Art zu einem Almosen zu kommen ... Bald aber hörte man eine laute stimme rufen: Schweig, Todtengräber! Hier erst noch drei hände voll Erde!

Ihr Heiligen! rief die Tante erstaunend, da auch der Onkel im Erzählen feierlich die stimme erhob ...

In demselben Augenblick ging die Tür auf und Armgart kam zurück ...

Sie kam ohne die Brief- und Zeitungsmappe ...

Niemand fragte jetzt danach, so ergriffen war noch alles von dem eben Mitgeteilten ...

Tiebold klärte Armgart rasch über das auf, wovon die Rede war ...

Diese hörte wie geisterhaft und abwesend zu ...

Schweig, Todtengräber! wiederholte der Onkel. Hier erst drei hände voll Erde! rief die stimme. Da trat eine hohe, kräftige Gestalt in grauem Mantel aus der Menge, hielt einen Gegenstand hoch empor, zog den Hut, als wenn er die Raben ringsum, die grauen Wolken, die kahlen zackigen Zweige, die Trauerkutschen grüssen wollte, und rief: Kronsyndikus von Wittekind-Neuhof! Nimm zu deinem himmlischen Ehrenkleid auch noch diesen Orden mit! Ein ab instantia absolvirter Mörder empfiehlt dich der Gnade Gottes, des Heilands und der allerseligsten Jungfrau! Erschein' am Tage des Gerichts mit diesem grünen, damals nicht verbrannten Fetzen Tuche

Die Frauen blickten starr auf den Onkel, der alle diese Worte mit Feierlichkeit nachsprach ... Die Tante war vor Entsetzen halb aufgestanden ...

Benno berichtete weiter; denn dem Onkel stockte schon die schwache stimme ...

In diesem Augenblick, sagte er, wo wir alle die gleichen Empfindungen haben mussten, wie Sie sie jetzt allein vom blossen Berichte haben, war die Scene bereits von Herrn von Terschka unterbrochen worden ...

Doch nicht! doch nicht! sagte dieser von einem Nachdenken auffahrend ... Noch ehe ich aus dem Wagen war, um die Störung zu unterbrechen, war schon ein anderer Zwischenfall eingetreten ... Die Geige

Bitte! ergänzte Benno. Erst hörte man einen schreckhaften Schrei ...

Aber auch Paula erhob sich jetzt ... Armgart hatte nicht