1858_Gutzkow_031_43.txt

überhören. Sie lernte selbst dabei. Früher tat sie es sogar ganz gern. Jetzt aber, seit Klingsohr in ihrem Herzen lebte, unterhielt es sie wenig. Da auch Klingsohr zu den Mitschülern gehört haben sollte, die ein wie es schien doch geborener Dümmling immer übertraf, so sprach sie heute ihre Verwunderung darüber aus, erntete jedoch für die Anerkennung des Doctors eine Flut von Beschuldigungen gegen den alten Kameraden; er wisse gar nichts, er hätte auf der Universität nachholen wollen und sich nun erst recht lächerlich gemacht, da die Andern schon ihre Freiheit genossen hätten; dann hätte ihm der Deichgraf kein Geld mehr geschickt, allen wäre er verschuldet gewesen und hätte sich, wenn er nicht bezahlen konnte, nicht anders loskaufen können als durch Wetten, zum Beispiel: zwölf Mass Goslarer Bier an einem Abend zu trinken und dann doch noch in eine Gesellschaft zum Justizrat Bauer oder zum Pandektisten Hugo zu gehen und mit den elegantesten Damen dort über den Begriff des Romantischen oder "Die bezauberte Rose" von Ernst Schulze zu streiten.

Das Bild einer wüsten Vergangenheit war Lucinden schon lange an Klingsohr nicht fremd; aber er klagte sich ja selbst an! Und zu hell leuchteten seine klugen Augen im letzten Mondenschein, zu süss war seine Rede in dem flüchtigen Augenblicke gewesen neulich, wo er zum ersten mal leise ihre Stirn geküsst hatte, zu tief und anregend war alles, was sie schriftlich von ihm durch den verschmitzten Musikanten besass und auf dem Herzen trug, um es in jeder unbelauschten Minute zu durchfliegen. Heute hatte Klingsohr versprochen, Abends gegen sieben Uhr einen solchen Umweg zur wohnung seines Vaters zu nehmen, dass er, heimkehrend von der Kreisstadt, wo er den Gutsankauf zu betreiben helfen sollte, am Schloss vorüberreiten musste. Einige Blumen, die sie in demselben Augenblick, wo er an ihrem Fenster vorüber musste, ihm entweder zuwerfen oder, wenn dies nicht möglich wäre, wenigstens an die Lippen drücken wollte, standen schon, frisch aus den Beeten des Vorparks genommen, in einem Glase bereit vor ihr.

Ihre sich kreuzenden Gedanken nicht zu verraten, unterbrach sie den immer noch fortcertirenden Kammerherrn mit der Frage, wie denn nur sein Vater einen doch immerhin so rüstigen, tätigen, energischen und charaktervollen Mann wie seinen Pachter, den Deichgrafen, so oft "Calfacter" nennen könnte?

Plüddemann! Was ist ein Calfactor? fiel der Kammerherr zur Antwort ein.

Mit veränderter stimme antwortete er:

Calefactor, Warmmacher, ist ein Pedell

Pudel! unterbrach er sich selbst ...

Pudel? Wer sagt das? Klingsohr! Wer nannte hier den Pedell einen Pudel?

Grosse Untersuchung ... (immer spricht der Kammerherr). Kein Resultat ...

Ein Calefactor ist ein Ofenheizer, ein Mann, der's statt cale, welches bekanntermassen nicht kalt, sondern warm heisst, warm macht, id est im Ofen ...

Katerkamp flüstert: Auch an andern Orten ...

Allgemeines Gelächter. Auch der Conrector lacht. Sintemalen vor kurzem erst sieben Quartaner übergelegt worden sind und ab calefactore warm gemacht bekamen cum Bim-Bam-Bam-Bum-Baculo!

Nun sang der Geistesschwache Studentenlieder ... mit dem Refrain des Crambambuli ...

Wie passt das aber alles auf den Deichgrafen? fragte Lucinde, an dergleichen gewöhnt und durch das offene Fenster forschend.

Calfactor, sagte der Kammerherr, am Türck wieder fortmalend, Calfactor ist ein Subject, ein dienendes Instrument, ein Farbenreiber, ein Pinsel, eine Drechselbank, ein Pudel, der apportirt ...

Nein, nein, nein! unterbrach Lucinde. Einen Calfacter nennt man bei uns zu haus einen Hund, ganz wie Ihren Türck, den man jeden Augenblick daran erinnern muss, wer sein Herr ist, der an jedem Stein stillsteht und schnuppert, was unter ihm stecken mag, der, wenn man ihn freundlich anredet, den Schweif zwischen die Beine klemmt und wie mit bösem Gewissen davonläuft, einen elenden Ueberläufer, der im stand ist, nach einem halben Jahre seinen eigenen Herrn nicht mehr zu erkennen und ihn anzufallen ...

Bravissima! rief der Kammerherr. Recht, meine Heilige! So handelte der Deichgraf am Vater! So vergalt er seine Wohltaten! Heinrich muss mir mindestens noch hundert Pistolen schuldig sein oder er hat sie wenigstens nur mit einer ausgetrunkenen Tonne Goslarer Bier bezahlt, die ich dann auch wieder auf meine Rechnung habe nehmen müssen! Sind das keine Calfacters? Der Alte war sonst ein Demagog und nun will er Landrat werden. Sind das keine Calfacters?

Lucinde erwiderte Partei nehmend:

Die Regierung ist aufgeklärter geworden; sie braucht die Unterstützung der Vernünftigen gegen die Unvernünftigen. Die Gensdarmen machen es dabei nicht allein, und wie ich gehört habe, Ihr eigener Bruder, der Regierungsrat, soll ja ganz ebenso denken und dem Deichgrafen einen Besuch gemacht haben ...

Was? Wie? Mein Bruder? schrie der Kammerherr und sprang auf.

Ich höre es wenigstens, lenkte Lucinde ein.

Man hätte erwarten sollen, der Kammerherr würde nach einer Flinte, mindestens nach seiner Windbüchse gesucht haben. Jetzt zeigte sich der schwachwillige Charakter des Kranken in dem blossen Verweilen bei der Tatsache, in der blossen Freude, dies dem Vateranzeigen zu können! Lachend rief er:

Schöne zeiten das! Ein Wittekind unter den Gensdarmen! AberRoma nondum locuta est setzte er feierlich hinzu.

Was heisst das? fragte Lucinde ärgerlich.

Der Kammerherr wollte wieder Plüddemann und Vincke und seine andern detmolder Schüler diese