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das ist nämlich der bewusste Gegenstandan den Moment, wo ich Ihnen gegenübersass und Sie mir die Hand gabenWissen Sie noch?

Tat ich das? sagte Armgart und blickte die neben dem Erlöser stehende Madonna an, als läse sie alles, was sie zu sprechen wagen dürfte, erst von deren Zügen ab ...

Das heisst, sagte Tiebold und rückte auf der Bank etwas näher, das heisst, liebenswürdigstes fräulein, Sie setzten ohne Zweifel damals voraus, dass Ihnen

Ich setzte nichts voraus! sagte Armgart. Ich war in einem Zustand völliger Betäubung ...

Einmal dochging Tiebold seinem Ziele, Bonaventura's Auftrag zu erfüllen, näher, – einmal doch schienen Sie völlig und sehr, sehr zurechnungsfähigals Sie nämlich mit Innigkeit mir oder vielmehrja mein Freund und ichSie wissenBenno von Asselynliebt Sie, und auch ichich kann bei Gott und auf Ehre! ich kann allerdings nicht leugnen

O nicht das, Herr de Jonge! hauchte Armgart und hielt die Hand wie zur Abwehr ...

Hätt' ich eine Ahnung gehabt, dass mein Freund Sie in sein Herz geschlossen hat, nie würde ich selbst Ihnen sovielBeweise meinerHochachtung gegeben haben, meiner aufrichtigstenfräulein, ich kann wohl sagen, stellenweise wahnsinnigen ...

O nicht das! Nicht das! wiederholte Armgart ...

O Sie kennen die Liebe nicht, diejenige, mein' ich, die Ihr Anblick in einemMännerherzenentzündet, in einem Herzen, das im stand istwie gesagteinem Freunde zu Liebe selbst die schmerzlichste Entdeckung seines Lebens

Was befahl Ihnen der Domherr mir zu sagen? unterbrach Armgart ...

O mein fräulein! O ich bin zu tief beschämt! O, im Wagen damals glaubten Sie, leugnen Sie es nicht, Benno, der, der sässe Ihnen gegenüber! Ja, in der "Verschwiegenheit des Dunkels" ergriffen SieIhre Hand wenigstens, Ihre Handschuhe waren esdie Hand Asselyn's, drückten diese voll Innigkeit, ja es fehlte nicht viel, was ich dem Domherrn nicht einmal sagteIch beichtete ihm nämlich meinen Betrugdass nämlich Ihre Hand die seinigeans Herz zu drücken vermeinteworaufwie gesagt aberSie waren im stärksten Irrtum! Nämlich der von Ihnen Beglückte war ich! ... Und, weit entfernt nun, mein fräulein, dem Glück eines von mir aufrichtig geschätzten Freundesoder vielmehr eines meiner "besten Bekannten" entgegenzutreten, möchte' ich nur eine Antwort auf die Frage haben: Soll ich ihm nicht das aufrichtige geständnis machen, mein angebetetes, liebenswürdiges fräulein, über das, was in jener Nacht zwischen uns allen dreien vorgefallen ist, soll ich es ihm nicht sagen, ihn aufklären –? ...

Nein! rief Armgart ... Nein! wiederholte sie, und noch einmal sprach sie mit fester stimme: Nein!

Tiebold wusste nicht, wie ihm geschah ... Er musste sich vor Schrecken über diese leidenschaftliche Ablehnung unwillkürlich umsehen ...

Ich soll nicht –? stotterte er ...

Nein! war die wiederholte Antwort, die sie nur abbrach, weil am Tabernakel hinter dem Altar plötzlich ein Geräusch gehört wurde. Es schien eine Tür gegangen zu sein ...

Dennoch nahm Tiebold nach einigem Aufhorchen die Rede wieder auf und war sogar geneigt, in sein Erstaunen den Vorwurf der Undankbarkeit gegen Benno zu mischen – "von ihm selbst sollte allerdings keine Rede mehr sein" – aber fräulein, Sie misverstehen mich! Oder vielmehr im Gegenteil ... Der Domherr wünscht, dass ich die Wiederherstellung der Wahrheit und Benno's Glück befördere! Er selbst will es übernehmen, Benno dann zu sagen

Nein! Nein! Nein!

Aber ich beschwöre Siesoll denn alles, was gewesen ist, ausgelöscht –?

Ja!

Die Fahrt durch die Berge gar nicht stattgefunden –?

Nein!

Benno glaubt aber in Ihrem Herzen

Nichts soll er glauben

Das ist ja unglaublich! Geradezu fürchterlich! Ich habe ja mit Benno ein ganz freundschaftliches Abkommen getroffen, dass bloss Ihre eigene Entscheidung

Nun sprang Arm gart auf ...

Ein Ton war beiden zu gleicher Zeit vernehmbar geworden, der ganz in der Nähe dem Schliessen eines Schlüssels oder dem Zufallen eines Schlosses entsprach ...

Da ist ja jemand! rief Armgart mit erstickter stimme.

Und schon war auch Tiebold aufgesprungen. Mit drei Sätzen war er auf der Erhöhung des Altars und starrte abwechselnd auf die beiden Vorhänge, die zur Seite hingen ...

Hinter dem Altar war's! rief ihm Armgart nach ...

Tiebold hob links die roten Vorhänge auf ... Er sah den Raum, der die Sakristei bildete ...

Wer ist hier? donnerte Tiebold, wild gereizt wie er war, in das Dunkel hinein ...

Armgart, bei aller Angst mit schnell gefasstem Entschluss, sprang an den zweiten Vorhang, als wenn ihre schwache Kraft einen hier Durchschlüpfenden zurückhalten könnte ...

Auf Tiebold's Rufen folgte keine Antwort ... Deutlich aber vernahm man immer noch ein polterndes Geräusch, das die Anwesenheit irgendeines lebendigen Wesens bestätigte ...

Es wird eine Katze sein! sagte endlich Tiebold mit dem ganzen, überströmenden Ausdruck seiner Wehmut, während Armgart sich bereits in gleicher Stimmung auf einen Geist vorbereitet hatte ... Sie stand starr