? sagte sich Tiebold mit gesteigertem Befremden ...
Draussen war die vom hof hereinfallende Beleuchtung am Tage schon immer eine halbdunkle. Jetzt war der Abend hereingebrochen und in den langen Corridoren hatte man sich als Fremder ohne Licht kaum noch zurecht finden können ...
Führt sie dich auf ihr Zimmer? sagte sich Tiebold, als Armgart sich links gewandt hatte und in einem dunkeln Gange voranschritt, auf welchen fast klösterlich eine Menge Zimmer, grösstenteils an den Türen mit Hirschgeweihen geschmückt, hinausgingen ...
Sie kamen an Zimmern vorüber, die der Tante und Paula gehörten, an Lauftreppen, die für die Dienerschaft bestimmt waren, an einem der vier Ecktürme, in dem auch Armgart ein eigenes Wohnzimmer hatte ... Sie wohnte halb im Stifte, halb hier ... beide Wohnungen schmolzen auf so eigentümliche Weise zusammen, dass sie im grund nur eine bildeten ... in Heiligenkreuz lag oft ihre Schere und hier ihr Fingerhut ... dort arbeitete sie an der Cigarrentasche, hier an dem Aschenbecher ... dort lag zuweilen ein Schuh oder ein Strumpf, der durch einen andern, der hier sich befand, erst ein Paar bildete ... seit Weihnachten erst besass sie infolge des entschiedensten Verlangens und nach mannichfacher Prüfung und Beratschlagung Schiller's Werke ... da sie Tag und Nacht darin las, so lagen sie halb in Heiligenkreuz, halb hier in ihrem Turm. Wenn sie zwischen Heiligenkreuz und Westerhof hin- und herfuhr oder auch zu Fuss ging, begleitete sie ein Bündel von Sachen, das sie hin- und herschleppte. Oft wurde sie von der Tante dafür "Trödelliese" genannt ...
Als Armgart aber auch nicht beim Eingang in ihr Zimmer anhielt, sagte Tiebold stehen bleibend: Ja aber, mein fräulein, was wird denn nun? ...
Er musste seine Verwunderung abbrechen und folgen ... Armgart eilte vorwärts ... sie war tief in sich verloren und schlioss nur zuweilen gelegentlich ein offen stehendes, in den Hof führendes Fenster. Die Wanderung war jetzt rechts gegangen in einen andern Corridor des grossen Geviertes ... Hier kamen die Zimmer des Onkels, sein Laboratorium ... Auch an diesem – wo oft der Stein der Weisen gesucht wurde und in der Retorte sich als Resultat nur ein Pfund Berliner Neublau ergab, dessen Anfertigung ebenso viel Taler kostete, als Groschen hingereicht haben würden, den Gegenstand in Witoborn beim Krämer zu kaufen – an zwei Ritterharnischen, die vor des Onkels tür Wache haltend im Dunkeln gespenstisch genug aussahen, ging Armgart vorüber, sprang dann eine Treppe hinunter, wandte sich im Erdgeschoss einem neuen Gange zu und führte Tiebold an den im untern Stockwerk befindlichen Bureaustuben, am Archiv, an der Bibliotek vorüber zu einer hohen Tür, die den Eingang in die Schlosskapelle bildete ...
Wohl gingen Mägde, Schreiber an ihnen vorüber, wohl sah man über den grossen, mit Sandsteinquadern gepflasterten, jetzt mit zusammengeschaufeltem Schnee bedeckten Hof hinweg im Eingangsportal wieder die hier schon gewohnten Hülfesuchenden: Armgart hielt sich bei niemand auf und huschte in die Kirche, die dem Bedürfniss der frommen Bewohner- und Dienerschaft des Hauses immer offen stand ...
Dieser Raum war nun erst völlig dunkel ...
Armgart blieb an der Tür stehen, liess den vor Erstaunen sprachlosen Tiebold eintreten, legte den hohen Türflügel wieder an und ging durch den schmalen gang der Sitzreihen, voraus zum Altar. Dort knixte sie, wie in der Ordnung, vor dem Erlöser, und sagte zu Tiebold, der auf zwei Schritte hinter ihr stand:
Nun, Herr de Jonge! An diesem heiligen Orte – Was ist es, was Sie mir zu sagen haben!
Mein fräulein, stotterte Tiebold, befremdet von so viel Feierlichkeit und befangen durch die Einsamkeit des weihrauchduftenden Ortes, Sie überraschen mich! In der Tat ...
Herr de Jonge! Sie wissen noch nicht, dass ich mein ganzes Leben unter die Befehle der allerseligsten Jungfrau gestellt habe! Ihr will ich vertrauen, was ich auf dem Herzen habe! Von ihrem Rat hängt all mein Tun, all meine Entschliessung ab. Was wollen – oder was sollen Sie mir mitteilen?
Armgart hatte sich vor diesen feierlichen Worten auf die erste Bank dicht am Aufgang zum Altar niedergelassen und kniete ...
allmählich gewohnte sich Tiebold's Auge an das Dämmerlicht der auch am Tage wenig erhellbaren Kapelle ... Die heiligen Gegenstände, die er rings erblickte, milderten die Weltlichkeit seiner Absichten, obgleich an sich diese "die reellsten" waren und nichts Geringeres bezweckten, als Armgart seine ganze Verhandlung mit Bonaventura zu erzählen ...
Tiebold sah nun, dass die Betende zitterte. Den Kopf hatte Armgart aufs Pult gelehnt. So lag sie wie eine dem Himmel Angehörige ... Tiebold hätte sich schon vor ihr selbst niederwerfen mögen; es lag ein so bestrickender Reiz in dein exaltirten Wesen, so viel Zauberisches in dieser gleichsam vor sich selbst entfliehenden, sich mit Gewalt mässigenden und doch erglühend genug, man sah es, vorhandenen leidenschaft, dass Tiebold nur durch die geringe "höhere Ausbildung seiner Gefühle" verhindert wurde, seiner begeisterten Stimmung die einer solchen Situation entsprechenden Worte zu geben.
fräulein von Hülleshoven! sagte er aber, sich dennoch einen Schwung gebend. Die unvergessliche Reise von Drusenheim – die Reise durch die Siebenberge – diese Nacht dann mit Extrapost –! O ich erinnere mich nie etwas Aehnliches – oder ich erinnere mich allerdings ... oder Sie vielmehr erinnere ich