. Schon hörte man das Schellenklingeln der Pferde ... Schon war der Schlag geöffnet ... Man hatte dem gast vorsorglich noch ein heisses Kohlenbecken in den Wagen gestellt ... Man gab ihm noch eine Wildschur des verstorbenen Grafen Joseph zur Benutzung mit ... Püttmeier war im Losreissen von dem merkwürdigsten Tage seines Lebens in einer Verwirrung, die ihm sogar den Streich spielte, dass er ein splendides Trinkgeld statt dem Diener Tiebolden in die Hand steckte ... Und Tiebold nahm den Taler und sagte sich mit verklärter Rührung: "O das kann kommen! Bei gewissen Stimmungen ist dem gebildetsten Menschen nichts unmöglich!" Er gab das Geld feierlich dem Diener ... Schon rollte der Wagen dahin und Tiebold, der in blossem Kopf stand, war nicht wenig geneigt, Armgart zum Hinaufführen den Arm zu bieten ... Schon aber war diese vorausgesprungen ... Und Tiebold, als er dem flüchtigen Reh langsam nachfolgte, dachte: Jetzt, jetzt endlich findest du wohl den langersehnten, immer vergeblich gesuchten Augenblick, sie allein zu sprechen und jene Geständnisse zu machen, die dir Bonaventura in der beichte anbefohlen hat! ... Er fasste sich Mut, obgleich so vieles, so vieles in Armgart's Benehmen gegen ihn sowohl wie gegen Benno anders geworden war.
Oben befand sich noch die Tante unter dem magnetischen Einfluss ihrer Verdauung ... Sie trank zwar den von Armgart bereiteten Kaffee, der bekanntlich wach erhalten soll ... Ihr aber machte er die wirkung, im Lehnsessel Reden zu halten, die etwa in folgender anakolutischer Verwickelung sich vernehmen liessen und endlich gänzlich abbrachen:
Nun, lieber Herr von Jonge! Nun aber, bitte, bitte, lieber Herr von Jonge, nun spielen Sie uns etwas! ... Ich hätte doch den alten Tübbicke noch etwas fragen sollen ... Bitte, Herr von Jonge! ... Armgart! Noch eine Tasse vielleicht, Herr von Jonge? ... Die Schlüssel zum Archiv jeden Sonntag aus der Hand lassen, das geht nicht, Herr von Müllenhoff – von Jonge! ... Bitte, Mozart ... Das Kind von dem jungen Tübbikke –! Bitte, Herr von Jonge, spielen, spielen! – Nein, man muss sagen, Müllenhoff geht in vielem zu weit! ... Ich liebe so die Musi –! ... Die Jagd ... Transparente Bilder von ... Wenn nur unsere Herren bald gesund und wohlbehalten von Neuhof zurückkommen! ... Die Musik! ... Was sie nur erlebt haben mögen – am Düsternbrook – Bitte, Herr von Jonge! – Die – Die – Sona – Paté – tique – von van – van von Beeto –
Damit war das Gangliensystem der Tante bezwungen. Sie entschlief, ohne ihre Rede ganz beendet zu haben.
Die Sonate patétique zu spielen würde sich Tiebold in seiner Vaterstadt nie getraut haben. Die Gegenwart einer Johanna Kattendyk, einer Josephine Moppes, einer Lisette Maus, einer Betty Timpe hätte ihn unrettbar dem "Fluche der Lächerlichkeit" preisgegeben. In diesem hochadeligen haus aber, dem, wie in vielen tausenden solcher katolischen Herrensitze Europas, principiell die Bildung des 19. Jahrhunderts halbwegs immer fremd bleibt, gestattete man ihm jede freie Variation über das grosse Meisterwerk, jede Zutat aus den seinen Fingern noch geläufigern Cramer'schen Etuden. Tiebold spielte wirklich etwas, wie die Sonate patétique. "Ein Genuss für Götter!" sagte er sich selbst voll Bescheidenheit. Er war in jeder Beziehung froh, dass Benno fehlte.
Armgart stand an der Kaffeemaschine ... Endlich blies sie die Flamme aus ... Es wollte damit nicht so schnell gehen, wie sie wollte ... Tiebold brach mitten in seinem schönsten ad libitum ab und sprang hinzu ... Mund gegen Mund gerichtet, endete die Flamme ...
Tiebold seufzte und wurde kühner und kühner durch das Bewusstsein, dass sich hier einer gemütlichen Familienscene ein beliebiger Rahmen geben liess ... Die Tante schlief ... Paula blieb fern ... Sollte er wieder spielen? ... fräulein! sagte er leise. Ich habe Ihnen durchaus eine Mitteilung zu machen ...
Armgart betrachtete ihn kalt und doch war ihr die "Liebe" schon lange ein Begriff geworden, so klar, so verständlich wie sonst nur der Glaube ... Sie fürchtete, Tiebold wollte von seiner Liebe sprechen ... Sie wollte sich eben deshalb gleichgültig zeigen ...
Spielen Sie! sagte sie. Ich lese indessen ...
Nein, ich muss Sie sprechen! beteuerte Tiebold mit gedämpfter stimme. Ein Befehl in der beichte verlangt es! Der Domherr will es!
Armgart mass Tiebold mit weitgeöffneten Augen ...
Wirklich, fräulein Armgart, ich schwöre Ihnen das beim Heil meiner Seele!
Auf so hochheilige Versicherung hin winkte Armgart leise mit der Hand, deutete auf die Tür und ging mit Seufzen in den Vorsaal.
Ein Blinzeln des Auges sagte, Tiebold sollte folgen.
Nehmen Sie Ihren Mantel, Herr de Jonge! sagte sie, sich im Vorsaal wendend und auf des Zögernden Nachkommen wartend ...
Tiebold blickte erstaunt auf sie nieder ...
Auch sie ergriff ihren Ueberwurf und hüllte sich in ihn mit Tiebold's hülfe ein. Dann drückte sie ihm seinen Hut in die Hand ...
Sie ging entblössten Hauptes zum Corridor hinaus ...
Wohin führt sie dich denn