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einziger Luxus. Geld kennen sie nicht. Wer ihnen etwas liefert, Brot, das sie nicht mehr backen, Bohnen, die sie nicht mehr säen, den verweisen sie auf das, was ringsum auf ihrem Eigentum noch wild wächst. Aber an dem Langelütje kam dann freilich alles heraus. Er sitzt im Jesuiten-Professhaus der Residenz des Kirchenfürsten. Wohl kamen bessere Geistliche, aber die alten Leute wiesen jeden ab, der sie auf ihrem verfallenen hof besuchte. Sie flüchteten zuletzt zur Kuh in den Stall, bis selbst unser Herr Norbert Müllenhoff müde wurde, auf dem brennenden Baumstamm am Herde zu sitzen und ihnen zu predigen ... So fand Hedemann seine älteren, als er im Herbste hier war. natürlich hatte er dann Zank mit dem Landrat. Wie's jetzt mit den alten Leuten aussieht, weiss ich nicht ... Die Leute leben im Kirchenbann.

Wäre Monika zugegen gewesen, ihr flammendes Wahrheitsgefühl hätte ohne Zweifel ausgerufen: Gerade aus Liebe zur Religion, gerade aus Verehrung vor der grössten Frage der Menschheit geschah dieser A b f a l l von ihren äusseren Formen! ... Und auch in Püttmeier schürte der Wein und sein vor Jahren tiefgekränkter Denkerstolz den Ausbruch ähnlicher Empfindungen ... In Tiebold wirkte Benno's Urteil nach, der bei Erzählung dieser Verhältnisse gesagt hatte: Jetzt verstehe' ich, Hedemann, warum Sie die Bibel lieber lesen, als das Brevier ...

Armgart aber rief von ihrem Standpunkte: Ja, so muss man die Welt verachten können! Was hilft es, die schlechten Menschen anklagen? Aergern man muss sie und beschämen! Beschämen durch unser Unglück, das man sie zwingt mit anzusehen! Ich gehe doch noch in Witoborn zum Bischof und bitte ihn, von diesen so grossen, so echt frommen, so unübertrefflich vornehmen Menschen den allerdings nur zu gerechten Bann zu nehmen!

Man schwieg jetzt ... Es war das Mahl vorüber ...

Auch wurde die Tante von einem Anliegen des Dieners in Anspruch genommen ...

Der Diener flüsterte ihr etwas in plattdeutscher Sprache ...

Er brachte das Gesuch des alten Kirchendieners Tübbicke, der draussen harrte ...

Die Tante errötete ... aber "Herr, sprich nur ein Wort und meine kranke Seele wird gesund!" sagte der blick, den sie auf Paula richtete ...

Diese bemerkte den Ausdruck eines der ihr schon bekannten Anliegen ... Sie hörte das Leid des Alten, der um hülfe für sein Enkelchen bat ...

Paula erhob sich ... Ihre Hand zitterte ... die blauen Augen wurden tiefdunkel ... Aus den Falten ihres weiten schwarzseidenen Kleides nahm sie einen kleinen Rosenkranz von einfachen bunten Steinkügelchen, betete einen Augenblick leise, während alle ihrem Beispiel folgten, küsste das Amulet und reichte es hin ... Armgart ergriff es in leidenschaftlichster Erregung und stürzte damit hinaus ...

Die Tante nahm Püttmeier's Arm, um sich von ihm in das grüne Wohnzimmer führen zu lassen ... Sie sah im Gehen auf die Uhr ... Es war schon gegen vier ... Dunkel war es geworden und der Diener sagte, dass auch der Wagen schon bereit stünde für Eschede. Tiebold hatte Paula geführt ... Eine drückend feierliche Stimmung umspann die kleine Gesellschaft, eine Stimmung, die sich mehrte durch Armgart's Zurückkunft ...

Der Alte war zu glücklich! rief sie. Das Kind wird genesen!

Paula war weiss geworden wie eine Wachskerze ... Sie riss sich los. Sie hatte Tränen im Auge und verschwand ... Gern wäre Armgart ihr nachgestürzt, aber die Tante befahl, dass sie blieb. Auch kam der Kaffee, den sie in silberner Maschine zu machen und zu credenzen hatte. Die Tante sank in einen der ringsum stehenden grünseidenen Fauteuils ... Ihr "Nick-Viertelstündchen" kam ...

Und Püttmeier sollte nun so, unter solchen wunderbaren Eindrücken, seinen ganzen Menschen zurücklassen? Er verzweifelte fast ... Doch musste er nach Eschede ... Der Weg war zu weit und auch dort wohnten Seelen, die er nicht ängstigen durfte! Mochte er auch von diesen nach allem, was er heute hier erlebt, fühlen wie Armgart, als sie im letzten Herbst im Nachen zu Angelika gesagt hatte: Eine derselben würde als geflügelte Kaffeekanne dem Fegfeuer zufliegen, eine andere als geflügelter Strickstrumpf! er musste sich losreissen ... Auch sein Hund und seine Katze mochten nicht wenig nach ihm kratzen und winseln ... Lassen Sie sich nur recht oft bei uns sehen! sagte ihm die Tante schon wie zum Abschied. geben Sie Ihr Vergrabensein auf, Herr Doctor! Solange wir auf Schloss Westerhof noch hausen werden, sind Sie uns immer willkommen! Adieu, Herr Doctor! Grüssen Sie in Ihrem nächsten Briefdiedie guteliebeAngelika ...

Die Tante wurde auch schon in ihrer Art somnambul und schlief schon halb. Laurenz Püttmeier stand da, wie ein vierzigjähriges Kind. Er sah sich um, um beim Abschied nichts zu vergessen. Es tat not, dass Tiebold ihm in die Hand gab, was er mitnehmen musste, seinen Hut, seine Handschuhe, von denen sich nur einer in seinem Frack, der andere noch drüben im Speisezimmer befand, und nun empfahl er sich wirklich. Tiebold und Armgart, die sich ihren noch im Vorzimmer liegenden Pelz überwarf, begleiteten ihn ..