Pfarrer von den Hedemanns hatte auszahlen lassen. Nicht wahr? Sie waren von ihrem Seelsorger um zweihundert Taler und ihre beste Kuh geprellt worden. Diese Menschen, von einer grossen Verehrung vor allem, was geistlich ist, glaubten dem Juden nicht. Sie gingen mit ihrem Papier zum Kamp hinaus, um in der Kirche, gleich nach dem Gottesdienst, den Pfarrer selbst zu fragen. Da begegnet ihnen die Kutsche des Landrats. Hedemann's Vater grüsst und hält nickend sein Papier empor. Herr von Enckefuss lässt halten und frägt, was es gäbe? Die alten Leute tragen ihren Gegenstand vor. Der Hausirer steht in einiger Entfernung. Und jedenfalls merkte Herr von Enckefuss gleich, was die Uhr geschlagen hatte. Um aber den Pfarrer zu schonen, fuhr er den Juden an, hiess ihn sich hier augenblicklich zum Teufel zu scheren – bitte um Entschuldigung! – und behauptete rundweg zu seinem eigenen Nachteil, der Schein lautete wirklich auf die Summe, die der Pfarrer von ihnen verlangt hätte ...
Püttmeier ergänzte:
Es war gerade die Zeit, wo der Rittmeister eine noch viel grössere Untat aus Gutmütigkeit verborgen gehalten hatte! ...
Die Tante setzte mit Rücksicht auf die noch immer finstere Armgart hinzu:
Sein Herr Sohn ist dafür um so strenger! Der bringt ja alles heraus! Den Kirchenfürsten, den hat der junge Enckefuss verhaften helfen! Den Hammaker hat er auch entdeckt! Den Pater Sebastus hat er hierher geführt! Nur den Leichenräuber von sankt-Wolfgang hat er noch nicht aufgetrieben ...
Diese Zwischenplauderei war zunächst dazu bestimmt, Armgart's gute Laune zu gewinnen ... Dann fing aber auch die Tante schon an, ihren Unmut auf die Bedienung abzulenken. Sie hörte draussen sprechen, hörte die groben Tritte des die speisen aus der Küche herzutragenden Dionysius Schneid und zischte um Ruhe ...
Paula begleitete die Rede und das Benehmen der Tante mit Blicken auf Armgart, die so viel sagen wollten als: Närrchen, sei doch lieb!
Nun hört' ich so! fuhr nach einer Discretionspause Tiebold fort. Die alten Hedemanns blieben in der Sache zweifelhaft. Da der Hausirjude das Blinzeln des Landrats wohl verstanden und sich aus dem Staube gemacht hatte, gingen die alten Leute an die Kirche, nicht in sie hinein. Sie sahen von der Tür aus den Pfarrer im Messornat, wie er das Hochheiligste segnete; sie mussten vor innerm Groll umkehren. Mit dem tiefsten Zweifel in ihrer Brust vergruben sie sich in ihrem einsamen Kamp und liessen, anfangs vor Ungewissheit, vor Ahnung, dann vor sicherer Zuversicht, dass der Pfarrer sie betrogen hätte, mit der Zeit alles lässig gehen. Den Pfarrer anklagen? Ihn unglücklich machen, die Religion schänden –? Das ist diesen Leuten nicht gegeben. Sie bebauten noch ihr Feld, hatten auch noch Knecht und Magd; aber ein Tiefsinn kam über sie, der sie von der Welt nichts mehr hören und sehen lassen wollte. Noch einmal wagten sie zum Schulmeister zu gehen – sie bekämpften sich, da ihnen wieder die Scheu vor einem geweihten Priester kam ... So ging der Lebensmut der alten Leute hin. Sie liessen Hab und Gut in Verfall kommen. Einmal rief die alte Mutter Hedemann die Schulkinder an und liess sich heimlich von denen die Urkunde vorlesen. Sie hörte leider die Wahrheit; ein Betrug war's von zweihundert Talern. Sie verschwieg ihn ihrem Alten. Zur Kirche ging nun keines mehr und Langelütje, den man meist nur in grossen Wasserstiefeln sah, auf den Märkten hinter seinem Knechte stehend, beim Fruchtverkauf, der hinderte sie darin auch nicht. So in Mistrauen und Unmut kamen die alten Leute zurück. Sie entliessen den Knecht, die Magd, bestellten ihren Acker nicht mehr, brachen ihr Holz am Wallheck nicht mehr, liessen ihr Vieh sterben und verderben und behielten nichts, als was zum notdürftigsten Unterhalt diente. Sie säen jetzt nur, was sie selbst brauchen. Jahraus jahrein besteht ihre Mahlzeit aus Bohnen, die sie in wasser abkochen und über die sie Milch giessen. Nur zu diesem Bedarf werden die Kühe abgemolken ...
Abgemistet wurde schon lange kein Stück Vieh mehr! ergänzte die wirtschaftskundige Tante. Alles verdarb! Sie zogen ein gefallenes Tier aus dem Stalle und liessen es einfach vorm hof liegen. Die Nachbarschaft machte dann dem Lärm der Hunde ein Ende, die sich um das Aas stritten. Nie brauchten sie noch Licht oder Oel; im Winter sitzen sie um den Feuerherd, den sie mit ganzen Bäumen heizen, die sie an ihrem Wall fällen, ins Haus hereinziehen, auf den Herd legen und nun langsam abschwehlen lassen. Oft liegt das eine Ende vom halbbelaubten Baume noch draussen im Freien, vom Schnee überschüttet. Als sie in ihrer Kleidung so weit verfielen, dass sie die Lumpen mit Stroh umbanden, um sie vor dem Herabfallen zu schützen, legten sich die Nachbarn drein. Sie fanden zwei halb schon zu Kindern gewordene Menschen, die in innigster Uebereinstimmung mit sich selbst an ihrem Wahn festielten, dass die Welt kein Vertrauen mehr verdiene und nichts überflüssiger wäre als die Religion. Man zwang ihnen dann Beistand auf, eine Aufsicht, die dann und wann den Schmutz aus ihrer verfallenen wohnung entfernt. Der Alte sitzt und raucht aus einer Hollunderpfeife, deren Spitze und Rohr und Abguss und Kopf er sich selbst geschnitzt hat und die immer kleiner wird, weil die paar Zähne, die er hat, sie nach und nach fast ganz "aufmümmeln". Taback ist sein