, fort: Dann waren Sie gewiss auch auf dem armseligen Hof der närrischen verwilderten Alten, der dicht beim wald vor Borkenhagen liegt?
Allerdings! rief Tiebold vom Fenster zurückkehrend ...
Armgart aber fiel mit leuchtenden Augen ein: Armselig? Das war ehemals der schönste Bauernhof zwischen Borkenhagen und Witoborn! Die Ställe voll Vieh, dabei fünf Pferde und die Scheuern voll Korn ... Auf dem Hof hat Benno reiten gelernt! Da hob ihn Hedemann zuerst aufs Pferd! Die Alten schenkten ihm sogar ein schwarzes Füllen! Wie ich im letzten Herbst hinkam und sie daran erinnern wollte, wiesen sie mir freilich die Tür ...
Aus dieser Mitteilung ersah man, dass Armgart in der ganzen Gegend zu hospitiren pflegte und überall den Bruder Gutentag machte ...
Alte, verdrehte, abscheuliche Menschen sind's! rief die Tante. Ruchlose sogar!
Warum hast du sie nicht lesen und schreiben gelehrt? entgegnete Armgart ...
Ich? Ich? Wie so ich? Soll das eine Anspielung auf – mein Alter sein? erwiderte die Tante und lächelte selbst sogar der Feinheit ihrer Bemerkung, ohne darum ihre zornige Aufwallung zu mildern ...
Tantchen! bat Paula und reichte ihre schöne, lange, ovale weisse Hand über den Tisch zur gereizten Verlobten des Onkel Levinus hinüber, während Armgart's Antlitz glühte und ihre starren Lippen sich nicht regten, eine so absichtlich verkehrte Auslegung ihrer Bemerkung zu berichtigen ...
Diese Menschen, fuhr die Tante fort, sind die starrköpfigsten Bauern, die nur je hier zu land gelebt haben! Gottesverächter sind sie geworden! Ich gebe zu, sie wurden schlecht behandelt –
Von einem Geistlichen! schaltete Püttmeier gar nicht mehr zaghaft ein ...
Auch vom Landrat! ergänzte die Tante. Solcher Trotz dann aber auch gleich! Das kann auch nur bei uns vorkommen! Ich sehe' und erleb' es ja täglich! Jetzt wieder der Streit um den Tanz im Finkenhof! Bitte, Herr von Jonge, was man Ihnen auch erzählt hat und was Sie in Borkenhagen – mit Herrn von Asselyn – er heisst nur so, es ist ein Adoptivname – gesehen haben mögen, glauben Sie mir, diese Leute sind wie die Büffel! Und die Hedemanns von je die obstinatesten! Den künftigen Herrn Papiermüller nannten sie schon vor Jahren Herrn Remigius Dickschädel!
Auf solche aus dem mund der Tante, die ja selbst einen Kopf wie von Eisen besass, überraschend genug kommende Worte, stand seit Jahren fest, konnte keine Einrede gewagt werden. Paula's Auge richtete sich auf Armgart, deren Inneres vor Parteinahme zu Gunsten Hedemann's und ihres an Hedemanns Namen beteiligten Vaters aufloderte. Die braunen Augäpfel gingen hin und her, die Lippen öffneten und schlossen sich, die zitternden Finger drehten aus dem frischen witoborner Weissbrot kleine Vierundzwanzigpfünder wie zu einem Bombardement auf alle Welt ...
Gnädigstes fräulein! wandte sich Tiebold zur Tante, ich weiss nicht, ob ich gut unterrichtet bin ... Ich weiss nur so viel ... Als Freund Hedemann nach Amerika ging, war der Abschied von den älteren auf ewig und Hedemann liess zwei alte Leute in schönem Besitzstand zurück. Damals hatte der "so unglücklich geendete" Klingsohr, genannt der Deichgraf, die Ablösungen des ganzen Regierungsbezirks zu reguliren. Auch die alten Hedemanns wollten sich freikaufen. Auf ihrem Besitztum haftete die Verpflichtung, dem Gutsherrn, zufällig dem Landrat, dem dieser Besitz von seiner Frau her gehörte, einen gewissen teil des Ertrages – enfin, wie viel – kurz, ihm regelmässig zu zehnten! Zank hatte es schon um dieser Abhängigkeit willen genug gegeben; denn nicht einen Baum durften die Hedemanns abhauen ohne den Willen des Gutsherrn ...
Das liegt in den Verhältnissen! sagte die Tante ...
Ich glaube das! Nun aber kam nach einem gewissen Leo_Perl der Pfarrer Langelütje, der sich schon auf andern Pfarreien den schlechtesten Ruf erworben hatte und mehr Vieh- und Fruchtändler, als ein Seelsorger war ...
Darüber ist allerdings nur eine stimme! gestand die Tante ...
Die alten Hedemanns, erzählte Tiebold immer wie forschend, ob er recht berichtet wäre, waren mit ihrem Gutsherrn in Spannung und bedienten sich des Pfarrers, um zu ihrem Ziele zu gelangen. Der neue Pfarrer erbot sich dazu aufs bereitwilligste ... Die Hedemanns cedirten ihm in aller Form die Ablösung und gaben ihm die nicht unerheblichen Summen zur Realisation des Loskaufs. Gut, das Geschäft ist gemacht; die alten Leute, die froh sind, mit dem Landrat in keine directe Beziehung gekommen zu sein, bieten auch dem Pfarrer eine Erkenntlichkeit an. Er schlägt sie nicht aus. Er nimmt sich eine Kuh aus dem Stalle ...
Und noch dazu die beste! schaltete die Tante ein ... Sie wollte jetzt schon Versöhnung mit Armgart und begann nachzugeben ... Er hat sie am Strick gleich selbst sich mitgenommen!
Inzwischen, fuhr Tiebold fort und schenkte wieder ein, indem er die schmollende Armgart fixirte ... inzwischen liessen die alten Leute, die, wie fast alle ringsum, Geschriebenes nicht lesen konnten, doch einmal von einem hausirenden Juden die Ablösungspapiere durchsehen. Es war an einem Sonntag Vormittag. Beide, der alte Mann und die alte Frau, sassen bereits in Toilette, um zur Kirche zu gehen. Die Glokken läuteten. In dem Augenblick studirt der fremde Ratgeber heraus, dass in den Papieren in Worten geschrieben eine viel kleinere Summe steht, als sich der