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des Zimmers auf einem Fusssessel, vielleicht mit der Trauerhaube die Schwester des Kronsyndikus, Paula's längst verstorbene Mutter ... Vielleicht Graf Joseph, der eben an einer alten, neuvergoldeten RococoWanduhr die zufällig schnurrenden Gewichte aufzog ... Wer hätte nicht ausser sich vor Staunen fragen mögen: Wie ist dir denn nun das, du Heiligste deines Geschlechts? Wie fühlst du dich nur? Was sahst du denn am gespaltenen Eichbaum? Wer predigte nur so laut? Kann das wirklich derselbe Mund sein, der vorhin ein wunderbares Ferngesicht erzählte und der jetzt so den silbernen Löffel leert, wie wir, völlig harmlos von des Doctors bedauerlicher Abreise spricht und sogar Armgart neckt, die "ein Buch über Philosophie zu schreiben scheine; denn so, wie sie sich seit einigen Tagen umgewandelt hätte, das könnte nur eine Gelehrte, die freilich auch von Angelika soviel Matematik gelernt hätte" ...

Tiebold war glücklicherweise der Mann, der jetzt über die schwierigsten fragen wie über schwindelnde Brückchen hinwegschlüpfte, dabei jeden niederfallenden Knäuel einer Bemerkung episodisch aufhob und ein seltenes Gemisch von geselligen Tugenden zur Bewunderung der Tante bot, die solchen Männerschlag in der Welt für unmöglich gehalten hatte. Püttmeier versank in ein stillbeschauliches Grübeln ... er sah Paula starr an, verwechselte sein Messer mit der Gabel, nahm zum Braten zu gleicher Zeit Compot und Salat und beging all die Diätfehler, vor denen ihn seine Verehrerinnen in Eschede beim Abschied so ernstlich gewarnt hatten. Tiebold hatte dabei ganz nach Moppes' und Piter's Teorie die Art, den Wein einzuschenken, als wär's wasser. Da fand kein Nötigen statt, kein Abwarten, ob ein Glas schon ganz geleert war; wie er in sein Haar griff, um seinen Scheitel zu ordnen, ebenso leicht griff er an die Flasche. Die Tante fand das alles entzückend. Sie lebte auf in dem heitern Anblick, wie die beiden Mädchen wohl ein halb Dutzend mal dieselbe Geberde machen mussten, die Hand auf ihre Gläser zu legen und dem Einschenkenwollen zu steuern, während Tiebold ebenso oft dann, ohne sich in seinen Reiseberichten über Amerika, Paris, London und Kocher am Fall stören zu lassen, die Wassercaraffe ergriff und die Wassergläser der Damen bedachte. Er ist allerliebst! sagte ihr zwischen Paula und Armgart hin- und hergehender blick ... Nur Ein Diener konnte dabei bedienen, da zur Vertretung der gräflichen Würde beim Leichenbegängniss fast die ganze Dienerschaft abwesend war und der neuhinzugetretene Dionysius Schneid für ein unmittelbares Bedienen der Herrschaften zu wenig Geschick zeigte ...

Im Strom seiner Mitteilungslust und einer bei dem Gefühl, "mit Geistern zu Mittag zu speisen", höchst natürlichen Aufregung geriet Tiebold wiederholt auf Armgart's älteren. Er konnte diese Erwähnungen nicht länger zurückhalten; denn bald hatte er vom Obersten eine entschlossene Tat, bald von der Oberstin eine überraschende Aeusserung zu berichten. Die Tante ermutigte ihn auch, sich keinen Zwang anzulegen, denn diese Veränderung hatte allerdings stattgefunden: sie war völlig geneigt zur Versöhnung. Ihre sorge um Armgart wurde zu gross; im Stifte Heiligenkreuz konnte des jungen Mädchens Bleiben nicht sein. Sie hatte bisjetzt die schlechteste Stelle, jährlich nur zwanzig Taler baar und kaum sechzig in Naturalien. Die Verhältnisse in Westerhof wurden zu schwankend; die Ansiedelung des Obersten von Witoborn mit dem auf die Hedemann'schen Mühlenwerke gerichteten Plane war vor der Tür; Onkel Levinus wurde je älter je grilliger; Tante Benigna sah demnach ganz gern, dass Tiebold ihre Schwester und ihren Schwager zugleich pries ... Tiebold wurde dabei auch von ihr nur immer Herr v o n Jonge genannt ... In ihren auf Armgart gerichteten Blicken lag: Wie benimmst du dich nur heute wieder gegen diesen besten aller deiner Bewerber!

Tiebold erzählte von Hedemann, von seiner Lebensrettung, von den Mühlenwerken und von Hedemann's Vettern ...

Ich war in Borkenhagen ... mit meinem Freunde Benno von Asselyn zugleich, derSie wissen ja wohl, in dem dorf da geboren und erzogen worden ist ...

Geboren? warf die Tante lächelnd und fast verächtlich ein ...

Ganz recht! verbesserte sich Tiebold. Wie kann ich vergessenMein Freund ist

Ein Spanier ja wohl? unterbrach den Einschenkenden Püttmeier, den seine Freundinnen trotz seiner Verborgenheit au courant aller Verhältnisse der Gegend hielten und den der Wein und die Geisterwelt seltsam anregten ...

Das doch wohl eigentlich nicht! berichtigte die Tante mit einem mysteriösen Lächeln. Sie musste auf die Schüssel, die eben herumgereicht wurde, niederblicken, weil aus Paula's Augen ein bittender blick sie traf ...

Ein prächtiger Spaziergang! fuhr Tiebold fort. Selbst im Winter! Wir suchten im Wald bei Borkenhagen, in den Vorgebüschen von Schlehdorn, erst den Finkenfang, dann die Wolfshöhe und einen grossen dort befindlichen Ebereschenbaum, der in Benno's Jugenderinnerungenübrigens wird ja nächstens dort die grosse Jagd stattfindeneine merkwürdige Rolle spieltbitte, gnädigstes fräulein, genirt Sie die Sonne? ...

Schon war's ein Strahl der abendlichen Sonne, der der Tante ins Antlitz fiel ...

Tiebold war schon aufgesprungen, um den Vorhang niederzulassen ...

Man bat, sich nicht zu incommodiren ...

Püttmeier wünschte gelegentlich den Tag der Jagd zu wissen, seiner Transparentbilder wegen ...

Wir schreiben Ihnen das! sagte die Tante und fuhr, auf Tiebold gewandt und zugleich ärgerlich über ein Erglühen Armgart's, als von Benno die Rede war