. Man sah es, dass hier einst ein regierender Minister eines der nahe gelegenen Fürstentümer, dann ein quiescirter österreichischer Feldzeugmeister gewohnt hatten, dann und wann ein Erzbischof zu längerm Besuch gekommen war, alles Vorvordere, Angehörige und Verwandte des Hauses, zunächst bis auf die Mitte des vorigen Jahrhunderts zurück. Der jetzige Stammhalter liebte nicht mehr den Luxus. Doch hatte es auch bei ihm einst zeiten gegeben, wo alles im Lichterglanz schwamm. Es waren nicht die zeiten gewesen, wo noch die frühverstorbene Mutter des Regierungsrats und des Kammerherrn lebte, wohl aber unmittelbar darauf, wo es zuweilen hiess, die Damen, die eine Zeit lang hier hausten, wären Cousinen des regierenden Stammherrn oder Tanten und Nichten desselben. Meist aber waren es über Kassel gekommene Französinnen oder Italienerinnen, die eine Zeit lang blieben, mit Freudenfeuern empfangen wurden und plötzlich über Nacht verschwanden, ohne dass man je wieder von ihnen erfuhr. gewöhnlich hörte man kurz vor diesen Abreisen in den eleganten Zimmern oben eine Scene, deren Charakter, um ihn volkstümlich zu bezeichnen, Mord und Todtschlag war. Dann wurde es plötzlich still; aber auch so plötzlich, wie mit Geistern im Bunde. Zuweilen zuckte noch irgendein laut auf, irgendwo in einem der düstern Pavillons des Parks, in irgendeinem der tiefgelegenen Keller des Schlosses; dann war's für immer still. Verschlossene Wagen entfernten Nachts die von ihrem Glanz Herabgestürzten. Mit diesen Vorgängen stand, wie Lucinde im Pavillon erfahren hatte, der Name des Fräuleins von Gülpen oder der Frau von Buschbeck in Verbindung. Diese Rätselhafte war unverheiratet geblieben, war allerdings die Verlobte eines in Java dienenden Kriegers gewesen, lebte aber von keiner niederländischen Pension, sondern von einer Rente des Kronsyndikus, bei dem sie vor vielen Jahren mindestens ebenso viel gewesen war wie jetzt die Lisabet, die von allen mit Respect behandelt wurde, obgleich sie nur eine Bäuerin war und vollkommen für Stephan Lengenich passte. Der Kronsyndikus hatte sich nach den erinnerungsreichen Verirrungen der Vergangenheit ganz den Kreisen zugewandt, die nur unter ihm standen.
Was Lucinde von allen diesen Dingen allmählich herausbekam, verdankte sie teils Klingsohr'n, teils den alten Stammers, bei denen sie wohnte, vorzugsweise aber, da auch diese von der Vergangenheit bitter berührt zu werden schienen, dem selbst schon grauhaarigen Sohne derselben, einem buckeligen Musikanten, der im land herumstrich und der vorzüglichste Bote war, dessen sich Klingsohr für seinen Briefwechsel bediente.
Der Kronsyndikus wohnte im Parterre, wo sein unruhiger Sinn gleich ins Freie konnte, wenn er bei den vielen Ratschlägen und Hülfen, die er leisten musste und die auch Er nur allein leisten konnte, rasch zur Hand sein wollte. Manchmal blieb er des Nachts ganz aus. Seine Güter erstreckten sich weit, und obgleich bei einem teil derselben die unmittelbaren Beziehungen durch das Pachtverhältniss des Deichgrafen unterbrochen waren, so liess er doch als eigentlicher Herr sich seine Laune, da und dort hineinzureden, nicht nehmen; bald kehrte er dann hier, bald dort ein, auf eigenem oder fremdem Gebiet.
Eines Tages war er wieder einen weiten Weg ausgeritten. Es handelte sich darum, gegen den Deichgrafen, der, um vielleicht wirklich Landrat zu werden, schon einen kleinen Gutskauf abzuschliessen suchte, zwei maskirte Gegengebote zu veranlassen. Die Regierung unausgesetzt um Beförderung oder Versetzung anzugehen, drängte den "schönen Enckefuss" eine von Jahr zu Jahr sich mehrende Schuldenlast. Nun gab's Hin- und Herritte, Verhandlungen mit der Geistlichkeit, den Advocaten im nahen zum Kreis gehörenden Städtchen Lüdicke, Umtriebe, um, wenn es zum Wählen eines neuen Landrats kommen sollte, den Wahlmodus durch Zusammenlegung dieser oder jener heterogenen Districte zu paralysiren, und was sonst dergleichen Künste des Regierens und Politisirens jetzt geworden sind, von der Wahl eines Gemeindeschulzen auf dem dorf an bis zum Landstand und Mitglied eines Herrenhauses. Zunächst den Gutskauf des Deichgrafen rückgängig zu machen, war ein Ziel "des Schweisses der edlen wert". Der Hass des Kronsyndikus gegen seinen alten Freund kannte keine Grenzen, und die Vorfälle im Düsternbrook, wo der Deichgraf inzwischen mit Gensdarmen einen Grenzstein aufgestellt hatte, den jedoch der Kronsyndikus schon wieder hatte wegnehmen lassen (wofür ihm eine Citation in die Kreishauptstadt geworden), hatten das Feuer immer noch mehr geschürt.
Es war vier Uhr. Der Kammerherr sass und porträtirte seinen Hund, seinen Retter von der wie der Tod gefürchteten Ehe. Türck war von den vielen Hunden, die auf dem schloss knurrten und bellten, gerade derjenige, den Lucinde nicht leiden mochte. Sie nannte ihn gerade so, wie der Kronsyndikus zuweilen den Deichgrafen nannte, einen "Calfacter", ein Wort, dessen Ursprung ihr der Kammerherr im Begriff war mit dem ganzen ihm eigenen Aufwand seiner noch haften gebliebenen Schulkenntnisse zu erklären.
Calefacio, calefeci, calefactum, calefacere, wiederholte er und fing an, indem er malte, mit sich selbst, wie er sagte, zu "certiren" und sich gleichsam von diesem oder jenem seiner alten Mitschüler übertreffen zu lassen.
Imperfectum zweite person Singularis! rief er mit befehlender stimme.
Dann mit lispelnder und schüchterner: Calefixis!
Falsch! donnerte er. Klingsohr, Sie!
Calefaxisti!
Falsch! Plüddemann, Sie!
Calefeceritis!
Falsch! Wer kommt! Der Folgende! Der Folgende! Herr von Wittekind, Sie!
Calefaciebas!
Bravo, Herr von Wittekind! Setzen Sie sich über Plüddemann, Klingsohr, Katerkamp und Vincke!
Diese Selbstgespräche und Selbstlobeserhebungen war Lucinde schon lange gewohnt. Oft musste sie Zumpt's Grammatik nehmen und ihm