– Der Düsternbrook lag nur drei Meilen von hier ...
St! sagte aber Tiebold schon, nur auf eine Ahnung hin, Püttmeier könnte sich erläuternd oder anzweifelnd bewegen ...
Püttmeier schluckte nur seine Angst hinunter und hielt sich an einen Stuhl, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren ...
Nun kommen sie! fuhr die Träumende fort ... Wie sie so lieblich singen, die Mönche! ... Silberbeschlagen ist der Sarg ... Laienbrüder tragen ihn ... Die Armen! Wie die Füsse so nackt durch den Schnee müssen! ... Alle singen: Dona eis pacem ... Wie heisst das, fräulein – Schwarz? ...
Die Träumende schwieg ...
Tiebold stand schreckergriffen. Er glaubte, "versichert sein zu dürfen", dass die Gräfin drei Meilen weit das eben stattfindende Begräbniss des Kronsyndikus sähe; aber was sollte dann fräulein Schwarz, die doch wohl niemand anders sein konnte, als ihre frühere Gesellschafterin, jene Lucinde, der Benno ein lateinisches Wörterbuch gekauft hatte? War denn diese bei dem Begräbniss zugegen?
Püttmeier schlich atemlos einen Schritt näher ...
Die Gräfin sprach schon wieder laut, doch etwas unverständlicher ...
Erst allmählich unterschied man die Worte:
Die Wagen nehmen ja kein Ende ... Ich zähle schon dreiundzwanzig ... in dem ersten hinter den Franciscanern sitzt der Präsident von Wittekind ... Neben ihm der Domherr ...
Wieder eine Pause ...
Dann der Onkel mit Benno –! fuhr Paula fort ...
Wieder schwieg sie ...
Es geht so langsam ... Den Schnee schütten die Bauern auf ... Da läuft ein Reh über den Weg ... Alles ringsum Wald ... Aber die Menschen ... Singen die und sie läuten auf dem schloss ... Der Zug kann jetzt nicht durch ... Jetzt schweigen die Mönche ... Einer singt ... Pater Ivo ... "Maria, Maienkönigin! Dich will der Mai begrüssen!" ... Der Mai in diesem Winter! ...
Püttmeier kannte ja auch den Mariensänger, den Grafen Johannes von Zeesen, der mit seinem Husch! Husch! die Melusinen verjagte ...
In der dritten Kutsche ... fuhr Paula den Bebenden fort zu erzählen ... da sitzt der Herr von Terschka ... Bei ihm der Landrat ... Wie jung ist der heute wieder! ... Herr von Enckefuss ist ganz geschminkt und schön frisirt ... Die Mönche singen ... Wie scheint die liebe Sonne auf den silbernen Sarg! ... Ein Kissen liegt auf ihm mit allen Orden des Onkels! ... Wie funkelt das! ... Vierzehn Mönche sind es ... Zwei fehlen ... Sebastus und Hubertus fehlen ...
Sebastus? – sagte, seinem Temperament verfallend, Tiebold halblaut ...
Den sehe' ich ja jetzt auch! ... hauchte Paula, als wenn sie Tiebold's Frage gehört hätte und alle, auch wohl drinnen die Frauen, mochten denken: Den Sohn des Mannes sieht sie, der erschlagen wurde von dem toten, den sie eben begraben?
Der liegt recht krank! fuhr Paula fort. Er liegt im Krankenkämmerchen von Himmelpfort ... Ach, das ist da eng und klein! ... Durch ein Gitter ... Da kann er in eine andere Zelle sehen, nicht acht Schritte lang ... Das ist die Kapelle der Kranken ... Fünf Schritte breit ist auch die nur ... Maria von altem bunten Holze ... Neben ihr – d a h i n also legen sie ihre Weihnachtskrippchen? ... Ein Oechslein ... ein Eselein ... wie zum Spiel für Kinder ... Gebt sie ihm doch! ... Geht das Eselchen nicht durch das Gitter? ... Es geht ... Armer Pater, spiel' mit dem Krippchen der Franciscaner! ...
Lange blieb es jetzt drinnen still ...
Tante Benigna sprach endlich laut und betonte die Worte so scharf, als könnte Paula dadurch verhindert werden, ferner ihren Geist ausserhalb der körperlichen Hülle dahin schweifen zu lassen ...
Armgart aber schien das höchste Verlangen zu tragen, vom Leichenbegängniss mehr zu wissen ...
Nein! Nein! Komm! sagte die Tante mit Entschiedenheit ...
Lass sie doch, Tante! bat Armgart ...
Sie träumt das nur so – komm! ... Sie sieht es nicht ...
Die Tante hatte schon die Vorhänge ergriffen und bedeutete die Männer, sich nicht den Zwang anzulegen, zu leise aufzutreten; man dürfte getrost ganz laut sprechen ...
Schon wollte sich entfernend Püttmeier in Andacht, Tiebold in Bewunderung ausbrechen, als Armgart, die sich nicht trennen konnte und jetzt weit über dem mit einer seidenen Decke belegten Ruhesopha hingestreckt lag und das in glatten Scheitel gewundene Haar der Freundin streichelte, hastig winkte und die Tante bedeutete, Paula schiene einen heftigen Schmerz zu fühlen ...
Schnell wandte sich die Tante ...
Da sie gleichfalls zu sehen glaubte, dass sich Paula durch irgendetwas erschreckt fühlen musste, kehrte sie zurück ...
Der Vorhang, der die Männer von dem Gemache trennte, fiel wieder zu; aber sie hörten die angsterfüllte stimme der Träumenden