entschuldigen, dass er so viel allein sprach ...
Einmal, Herr Baron, war fräulein Benigna, die die Wirtschaft des Grafen Joseph führte, voll Verzweiflung zu diesem in sein Studirzimmer gestürzt und hatte ihn gerufen, zu hülfe zu kommen. Da sahen sie Comtesse, so schlank und lang sie schon war, mit aufgelöstem Haar auf der grünseidenen Decke ihres Bettes stehen, im langen spitzenbesetzten Hemde und hochaufgerichtet wider die Wand, dicht zwischen dem Weihwasserkessel, dem Crucifix und dem Bilde ihrer Mutter sich anstemmend und gegen die Wand sich so furchtbar drängend, als wollte sie die Mauer eindrükken ...
Tiebold strich sich die Frisur, als fühlte er, wie sie sich "vor Horreur" sträubte ....
Ja, Herr Baron! fuhr Püttmeier erregt fort. Fast unglaublich, aber fräulein Armgart versicherte es. Der Mond stand gerade gegenüber und schien Comtessen ins Antlitz. Comtesse war bei völliger Besinnung und sagte nur immer: Ich muss das so! Die ärzte sprachen damals, wie ich wohl verstand, von der entwicklung des weiblichen Lebens und konnten nur Vorbaumassregeln anempfehlen, wenn die Anfälle sich wiederholten ... Aber sie kamen wieder mit allen Schrekken von Bewegungen, die oft aller uns geläufigen gesetz von der Schwere und Centripetalkraft der Dinge spotteten. Das kranke Mädchen konnte sich gegen die Wand abstemmen und in der Schwebe mit ganzer Körperschwere erhalten. Somnambulismus fehlte damals noch. Vielmehr stellte sich in ihrem fünfzehnten Jahr eine starke Reaction des Körpers in seinen Muskeln und sozusagen irdischern Teilen ein. Der gang wurde träge, hängend, Comtesse fingen zu hinken an. Nun kamen sie auf die berühmten Streckbetten einer süddeutschen Stadt. Das zweijährige Liegen in einer fast ununterbrochen gleichen Lage schloss ihr allerdings wohl die Pforten des Phantasielebens auf; doch bald trat immer deutlicher Clairvoyance hinzu. Sie kannte ihren Zustand. Sie hielt ihn so wert, dass sie, wie fräulein Armgart versicherte, in der beichte sich der Eitelkeit anklagte. Da ihr Befinden, einige vorübergehende Störungen ausgenommen, kein eigentlich krankes war, wenn sie sich in ihrer gewohnten Weise erhielt, so blieben von ihr die Zumutungen künstlich magnetischer Einwirkungen fern. Sie hatte ihre bestimmten zeiten des Schlafes, bestimmte Bedingungen, wie den langen Anblick des Wassers, des Metalls, des Schnees, die ihr ein waches Träumen verursachten. Dann durfte nur der Herr Baron von Hülleshoven leise einmal mit der Hand über sie hinstreifen und sie antwortete auf jede Frage, die er an sie richtete. Sonst wirkt, hör' ich, alles auf sie, was sie lieb hat, selbst das Anstreifen – ihrer grossen Doggen! Sie ist im Bann des Wohlbefindens bei gewissen Menschen ebenso, wie im Bann des Schmerzes bei andern. Hört sie von Hoffnungen, die auf sie gerichtet werden, so nimmt sie ihr Brevier, liest die entsprechende Tagzeit und glaubt, ihr Gebet müsste geholfen haben; wenigstens zöge es sie, sagte fräulein Armgart, mit ganzer Seele zu den Leidenden hin ... Seit einiger Zeit vollends soll die Heilkraft und die Sehergabe ausserordentlich geworden sein ...
Hier wurde Püttmeier's förmlich in einen reissenden Strom gebrachte Rede von demselben Diener unterbrochen, der eilends und erschreckt zurückkehrte, das Kissen mit den Gegenständen von vorhin noch auf der Hand ...
Was ist? fragte Tiebold ...
He spreekt! sagte der Diener auf plattdeutsch und eilte bestürzt vorüber ...
Sie spricht? ... wiederholten beide ...
Tiebold, mit jenem Vorwitz, "den auch nur er haben konnte", zog den Doctor, der sich sträubte, näher, beschritt die offene Tür, kam durch ein Zwischenzimmer, fand wieder eine Tür offen, dann einen schwersammetnen blauen Vorhang, lüftete diesen und liess ihn plötzlich sinken ...
Es war ein kleines Durchgangscabinet, noch vor Paula's Schlafzimmer ... Hier lag die Schlafende auf einem Ruhebett und sprach in vernehmlichen Worten.
4.
Dies Vorcabinet war ein Neubau, der eine frühere Unterbrechung der Wohn- und Schlafzimmer durch einen gang verhinderte und verdeckte. Von einem obern Zimmer hatte es ein durch gedämpftes Glas hereinfallendes Kuppellicht ...
Das Schlafzimmer daneben war fast dunkel, aber die dunkeln Schatten leuchteten bunt. An den Fenstern prangten praktikable bunte Läden von bleigefügten, schön zusammengestellten alten Kirchenfenstertrümmern ...
Es sah hier aus wie der Eingang in eine Kapelle ...
In dem Vorcabinet, beschienen von dem matten Kuppellicht, lag Paula, völlig angekleidet auf einem Ruhebett ... Die Haare glänzten golden ... Ihre Augen waren geschlossen, ihre Blicke lächelten ... Armgart stand zu Paula's Häupten, selbst geisterhaft wie eine Botin aus jenem Traumreich, von dem einst der griechische Sänger sagte, es hätte zwei Ausgangspforten, eine von Elfenbein, aus dieser kämen die unwahren Träume, eine von Horn, aus dieser kämen die zutreffenden ... Die Tante hielt Paula's hände ...
Tiebold wagte nicht einzutreten, zog sich aber auch nicht zurück und winkte vielmehr dem Doctor, der so kreideweiss war, wie seine Halsbinde ...
Deutlich hörte man die langsam und hellgesprochenen Worte:
O die liebe, liebe, liebe Sonne! ... Wie glitzert das im Schnee ... Ein Brillant auf jeder Tannenspitze ... Ach, ach! ... Das ist ein Schatz – im Düsternbrook ...
Im Düsternbrook?
Püttmeier glaubte, die Seherin wäre in dem Reiche der ewigen Kreise, Tangenten und Sekanten