, die Weisung gekommen, an den Vorfällen nichts zu stören, sie gehen zu lassen, wie sie gingen, und erst die Ankunft des Domherrn und Archipresbyters von Asselyn abzuwarten, der Bericht erstatten sollte. Umsomehr konnte Püttmeier die Ansicht von bösen Dämonen und einem unheiligen Zustande bekämpfen; vollends da, als er hörte, dass Paula vorzugsweise von grossen unermesslichen bunten Ringen sprach, durch die allemal erst ihr geistiges Auge hindurchdringen müsse, wie durch ein grosses, riesig aufgezogenes Perspectiv ... Und als Armgart ihn zum ersten male besuchte und die Rede von Paula's Visionen war, hatte sie ihm gesagt: Des Magnetiseurs bedarf sie nicht. Der Onkel macht sie durch einfache Berührung hellsehend. Vor Jahren durfte der ehemalige Porteépée-Fähnrich von Asselyn, jetzige Domherr, nur in der Nähe sein, so fühlte sie den Strom, der ihr durch die Fingerspitzen wie in glühenden Tropfen abfiel, und was man sie fragte, sah und hörte und las sie. Erst sind's immer grosse bunte Ringe, die sie sieht, dann sind's grüne Wiesen, darüber leuchtet Violett- und Rosaschein und nun begegnet ihr alles, was diesseit und jenseit der Erde lebt, sowohl die grossen Jagdhunde des Onkels, wie die Heiligen Gottes, sowohl Tantens verlegte Ueberschuhe, wie König David mit seiner Harfe!
Tiebold stellte dem Doctor sich selbst vor und äusserte im Mäcenaston seine Freude, einen so "berühmten Dichter" persönlich kennen zu lernen ... Benno hatte ihm einige Erläuterungen über ihn gegeben und gern hätte er schon à la Piter Kattendyk gesagt: speisen Sie bei mir!
Ich habe bereits so vieles Schmeichelhafte von Ihnen gehört und "gelesen"! fuhr er fort. Und besonders von fräulein Angelika Müller! Haben Sie lange keine Nachricht von dieser Vortrefflichsten? Ich habe immer gerechnet, Ihre Verbindung bald annoncirt zu hören. Herr Doctor, Herr Doctor! Ich sollte meinen, es wäre Zeit ...
Püttmeier konnte so raschem Redestrom nicht folgen, wodurch Tiebold veranlasst wurde aufs neue auf Angelika zurückzukommen und den Geist, das Gemüt, vorzugsweise aber die himmlische Geduld dieser Einzigen zu rühmen ...
Püttmeier bestätigte alles das, seufzte tief auf und sagte wiederholentlich:
Laissez passer! Laissez passer! Laissez passer!
Wie so? entgegnete Tiebold mit elegischem blick und fuhr sich mit den bei Ankunft des vierspännigen Wagens wieder von ihm angezogenen weissen Handschuhen in sein in Witoborn, wo er mit Benno bei Hedemann wohnte, schön frisirtes Blondhaar und verschluckte eine sentimentale Wendung, die etwa sagen wollte: Auch du musst dich ja an verklungene Hoffnungen gewöhnen! ... Denn Armgart war sonderbarerweise auch ihm das nicht mehr, was sie einst gewesen ... Ein Rätsel umspann die Freundin, ein Rätsel, "glücklicherweise", konnte er in seiner "Bosheit" sagen, auch für Benno ...
Ein Diener trug eben eine sonderbare Last an ihnen vorüber ... Es war ein Kissen voll kleiner Gegenstände, wie Nadeln, Ringe, Brochen, Gebetbücher, Rosenkränze, Crucifixe ... Der Diener ging damit schnell, aber fast auf den Zehen in die noch offenstehende Tür, durch welche man Paula in die inneren Gemächer geführt hatte ...
Auf Püttmeier's Erstaunen gab ihm Tiebold eine Erklärung. Der Zudrang zu Paula's Wunderkraft nehme immer mehr zu. Der Onkel Levinus verböte zwar die Abgabe der hundert Dinge, die die Gräfin nur einmal zu berühren brauchte, um sie heilkräftig zu machen, auch Tante Benigna nähme Rücksichten auf Paula's Gesundheit und Ruhe und dennoch besässe man die Freundlichkeit und "stellenweise" die Schwäche, der Aufregung der ganzen Provinz und der Zeit ohnehin "Rechnung zu tragen" ... In der Tat hätte oft ein Schreiber in der Rechenei der gräflichen Güter unausgesetzt mit dem Zurücksenden solcher Dinge zu tun und obgleich der exacte Sinn des Onkels jedem dabei schreiben lasse, er bedauerte diese Gegenstände so zurückschicken zu müssen, wie sie gekommen wären, liesse sich der Volksglaube doch nicht nehmen, dass diese Gegenstände von der wundertätigen jungen Gräfin, der Seherin von Westerhof, wirklich berührt worden wären. Man empfange ablehnende Antworten und doch wären schon die Briefe den Leuten geweiht und wirkten auch. Im ganzen land stünde fest, dass eine von Gräfin Paula berührte Wachskerze nur angezündet zu werden brauchte am Bette eines Leidenden und alsbald würde sein Uebel verschwinden ...
Püttmeier taute vor dieser mitteilsamen Suada auf ... Auch er erzählte von Armgart's Besuch ... fräulein Armgart von Hülleshoven, sagte er, erzählte mir, dass die Comtesse vor allem an sich selber glaube. Sie sagte mir: Wie sollte meine Freundin denn diese eigentümliche Kraft sich deuten, die ihr ganzes Sein immer wie aufwärts zieht? Es ginge ja durch ihr Inneres, und das ganz körperlich, manchmal ein Strom quer über den rücken hinweg, als müsste sie sich beugen und, wenn sie wollte und dabei an Gott dächte, teilte sich dieser Strom und liefe in die arme und Fingerspitzen aus, aus denen es ihr dann wie heisse Tropfen perlte! Schon als Kind hätte ihre süsse Freundin diesen Strom gehabt und oft zu fräulein Benigna, ihrer Erzieherin, gesagt: Tante, ich könnte mich rückwärts biegen wie ein Ring und so mit dem Kopf auf die Erde kommen! Und einmal – doch ich bitte Sie – Herr Baron –
Bitte recht sehr! versicherte Tiebold seine Discretion und errötete über seinen "scheinbaren Adel" ...
Püttmeier wollte nur