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unterscheiden liess, zumal wenn sie aus Tannen bestand.

Endlich fuhr der Wagen über den hartfrierenden, knirschenden Schnee und die steinerne Hauptbrücke; die Rosse standen und dampften vor dem Portal, einem kleinen, dem Geschmack des Ganzen völlig entsprechenden Schnörkeldache, das von zwei kurzen Säulchen getragen wurde. Zwei grosse Hunde sprangen den Rossen entgegen. Nun galt es, sich aus den Pelzen herauszuwinden ...

Da aber hatte Tante Benigna schon bemerkt, dass der Schnee auf Paula plötzlich eine eigentümliche wirkung zu äussern anfing. Schon lange ermüdeten ihre Augen. Und so teilnehmend Paula lächelte und mit der ganzen Lieblichkeit ihres Antlitzes den Worten des Doctors lauschte (dachte sie doch immer, was wohl Bonaventura zu all diesen Philosophemen sagen würde!) – allmählich wurde ihr blick trüber und immer abwesender. Erst schien nur der Schnee sie zu blenden, die schwarzen Wimpern sanken nieder und hoben sich nur leise; als man aber am Schloss war, hatte auch Armgart schon die Entdeckung gemacht, dass Paula in dem ihr eigenen halb wachen, halb schlafenden Zustande war. Sie verrichtete alle Functionen wie mit vollem Bewusstsein, gab Antworten auf jede an sie gerichtete Frage, nahm Armgart's Hand, die sie führte, streichelte auch die Hunde, die in allen möglichen Stellungen sie umkreisten, springend, kratzend, als gält' es, unter den Strohmatten auf der Treppe, die schon beschritten wurde, oder an den Ritzen der dunkelbraun gestrichenen hohen Türen, die auf die Corridore hinausgingen, nach Mäusen zu jagen. Die Tante dämpfte alles, was stören konnte. Erst als Püttmeier auf der Treppe eine Anzahl von Kranken sah, Mütter mit Kindern, Blinde, Lahme mit Krücken, Bittende mit Briefen in der Hand, da verstand er, dass ihm heute auch noch das hohe Glück zu teil werden sollte, Zeuge der vielbesprochenen ekstatischen Zustände der jungen Gräfin zu sein!

Am geheimnissvollen Schleier der Isis zu stehen ist nichts Kleines. Püttmeier's Atem, ohnehin nur kurz, stockte vollends. Mechanisch liess er sich von dem Diener seiner Umhüllungen entkleiden. Fast hätte er auch sein grosses weisses Halstuch abbinden lassen, das einer schützenden Ueberbinde ähnlich sah. Die rasche hülfe eines jungen, in eleganter Toilette hinzuspringenden Mannes schützte ihn vor dem Misverständniss und dem Verlust eines schönen Knotens, den ihm die Frau Steuerinspector Emminghaus mit eigener Hand heute früh gebunden hatte ...

Der junge hülfreiche Mann war Tiebold de Jonge ... Mit seinem nur "scheinbaren Adel" hatte er sich nicht an dem Leichenbegängniss beteiligen wollen. Tante Benigna ersah mit sichtlichem Wohlgefallen, wie der vorzugsweise von ihr gern gesehene und ein für allemal geladene Gast sich schon wieder nützlich machte ...

Paula wurde von Armgart geführt ... Hoch und schlank schritt sie dahin. Den schweren Sammetmantel hatte man ihr schon abgenommen. Sie war unter ihm in schwarze Seide gekleidet. Alle Türen wurden aufgerissen. Die Diener kannten schon, wie sie sich in solcher Lage zu benehmen hatten ... Paula schwebte förmlich ... Die Frauen führten sie in ihre Zimmer. Püttmeier, voll Staunen und die hände faltend, blieb mit Tiebold allein. Tiebold hatte für eine seiner gewohnten geistreichen Aeusserungen, die in diesem Augenblick lautete: "Nicht wahr? Doch merkwürdig?" nie so viel Zustimmung gefunden.

Im grossen Vorsaal, der etwas düster war, da ein über ihm befindlicher Balcon ihm das Licht nahm, befand sich an der Tür das Weihwasser ...

Tante Benigna und Armgart hatten sich beim Eintreten trotz der Aufregung durch Paula's Zustand benetzt; Paula war vorübergegangen ...

Vom Vorsaal schritt man zur Rechten in ein geräumiges, wenn auch nicht zu grosses Wohnzimmer. Hier war alles mit Teppichen belegt. Die Vorhänge waren von grüner Seide. Ein Flügel stand aufgeschlagen, auf dem ohne Zweifel Tiebold eben einige Fingerübungen gemacht hatte, denn mit so wenig Virtuosität, wie er sie besass, hier Effect zu machen, hätte er sich nicht für möglich gedacht. Sopha, Stühle, alles war mit grüner Seide überzogen. Die Etagèren und kleinen Schränke waren von dunkelbraunem Holze und in gotischen Formen. Die Bilder stellten Scenen aus dem Leben der Apostel und Heiligen dar. An frommen Büchern und Provinzialzeitungen war kein Mangel ...

Püttmeier kämpfte nicht wenig, wie er es anstellen sollte, über Dinge, die hier so leicht genommen wurden, sein ganzes Erstaunen auszudrücken. Er kannte Erfahrungen dieser Art nur aus Büchern. Er hatte Abends "bei Schönians", wo er jeden Abend seine zwei GläserGerstenschleim trank, oder an seine ihn besuchenden Verehrerinnen sich, wenn er um Erklärung angegangen wurde, dahin geäussert, dass das klare und intellectuelle Leben des Menschen die Centripetalität, d.h. das Streben zum Mittelpunkt wäre, aber das Gefühls- und nervöse Leben die Centrifugalität. Er hatte oft geäussert, dass man einer solchen Verrückung und Umkehrung dieser Tätigkeit, wenn sie auch Krankheit wäre, getrost nachgeben und der grossen Weltseele näher zu kommen suchen sollte. Da die Visionen der Gräfin keineswegs recht in die christlichen Anschauungen passen wollten, da sie, wie Armgart's Mutter noch vor kurzem bei Piter Kattendyk etwas zu vorschnell geglaubt hatte, keineswegs immer mit Christus und der Gottesmutter "im Jenseits" verbunden zu sein behauptete, so hatten die Priester ringsum noch keine besonders entschiedene Meinung über sie aussprechen mögen. Aber die hohe Stellung der Gräfin hinderte ein Einschreiten dagegen. Dann war von der Residenz des Kirchenfürsten, als noch Michahelles allmächtig war