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Mittelpunkt sich durchkreuzen und so ist das Kreuzhm! – auch recht der eigentliche Ausdruck der geoffenbarten Gotteit und im grund wieder die Kugel, d.h. Gott selbst ...

So aufmerksam Paula zuhörte, so interessirt sich jetzt endlich auch Armgart etwas dem gespräche zuwandte, schüttelte die Tante doch den Kopf und fand diese fromme Wendung, die der arme Denker erst in einem Nachtrag seines Systems gegeben habe, als er wegen "Christus und Pytagoras" beinahe excommunicirt worden war, keineswegs katolisch und überzeugend ... Wir haben auf unsern Altären, sagte sie sogar mit Feinheit, das Kreuz mit zwei Balken, einem langen und einem kurzen, die doch eher dem Oval, als der Kugel entsprechen ...

Aber Tante, die Griechen! Der heilige Andreas! warf jetzt fast ärgerlich Armgart hinein ...

Ach, das weiss ich selbst! – lehnte im selben Tone die Tante ab und verbat sich den Schein, als wenn sie nicht wüsste, dass das griechische Kreuz, wie das Kreuz beim Johanniterorden, zwei ganz gleiche Schenkel hätte ...

Der Einwurf ist ganz richtig! begütigte Püttmeier die gereizte Stimmung und vergass keinesweges, dass ihn Drohungen auch mit dem päpstlichen Index einst gezwungen hatten, seine Philosophie urkatolischer zu modeln. Das griechische Kreuz ist in der Tat unvollkommen! sagte er. Es drückt nur die Gotteit Christi a l l e i n aus! Wir Alle wissen aber und bekennen es nicht bloss in der christkatolischen Lehrehm! – dass Gott der Herr die Knechtsgestalt annahm. Demnach ist der längere Balkenhm! – die Gottnatur, der kleinere Querbalken aber die irrende, menschlichehm! – mittelpunktlose, die durch die Kugel nur ein gewöhnliches Segment macht. Gerade nur an einem solchen Segment konnte der Heiland rufen: Mich dürstet! Nur an einem solchen Kreuze, das halb dem Weltall, halb dem kleinen Jerusalem und dem Jahre 33 nachhm! – Christi Geburt angehörte, halb dem Gott, halb dem Menschen, konnte Jesus für uns leiden! Jener Doppelquerbalken der grossen Würdenträger und des Papstes, ein Symbol, das gleichsam der dreifachen Krone entspricht und das wir auch auf das Haupthm! – des Pfauen im Teppich gesetzt haben (Püttmeier malte ans Fenster ein †), ist die Einigung beider Auffassungen, der griechischen und römischen, des Christus des Dogmas und der Concilien, und des Christus der Osterwoche, des leidenden. Uralt ist schon die Ahnung unsers christ-katolischen Kreuzes bei allen Völkern. Der Hirtenstab in den Händen des Osiris, der Stab des Hermes, der die Seelen geleitet, der Hirtenstab des Pan, der seinerseits sogar schon das All bedeutete ... Das All, meine gnädigsten Herrschaftenhm! – und dazu der Stab des guten "Hirten"! Wie nahe kam da schon die gerade Linie der Ahnung, dass nur noch die grosse Veranstaltung zum Kreuze fehlte! Moseshm! – schlug schon mit einem Stab aus Felsen wasser! Aesculap, der Gott der Heilkunde, trägt einen schlangenumwundenen Stab! Ja im frühgebrauchten Zeichen der Venus, des Sternes der Liebe, sind der Kreis und schon das Kreuz verbunden – °. Das ist dannhm! – der freundliche Morgen

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und Abendstern, der Stern des Morgenlandes, der die Wahrheit halb schon ahnte, die dann an der Krippe Jesu erst ganz vernommen wurde, diese Wahrheit, die, wenn man sie ganz bezeichnen wollte, einem R a d e gleichkäme, ich meine, dieser Figur: . Die drückt die ganze Schöpfung aus!

Alle schwiegen ... Teils vor Bewunderung, teils vor Nichtverständniss, teils aber auchvor Schauder an dem Bilde des Rades, das Püttmeier an die Fensterscheiben malte ... Armgart und Paula kannten die Sage von dem Rade auf dem Schloss des Kronsyndikus ...

Püttmeier begriff das eintretende Schweigen nicht. Er war gewohnt, solche tiefkatolische Philosophie lebhafter applaudirt zu hören. Dennoch hob ihn bald wieder die Aussicht auf den vornehmen Comfort des Schlosses und auf das Mittagsmahl ...

Noch war das Schloss nicht ganz erreicht. Man sah es aber schon. Schloss Westerhof lag auf einer kleinen Insel. Ohne Zweifel war die brücke, die jetzt von einem Heiligen gehütet wurde, in alten zeiten eine Zugbrücke gewesen und hatte zu einer Burg geführt, von welcher noch jetzt vielleicht die vier starken Ekktürme des Schlosses herrührten. Der Herrensitz der grossen Gütermassen der Dorste-Camphausen stammte aus der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts und war jedenfalls nach den Verwüstungen des Dreissigjährigen Krieges neu auf alten Trümmern erbaut. Von allen Seiten mit hohen Pappeln geziert, bot das Schloss nicht etwa einen Prachtbau dar; Glanzliebe würde nicht dem Charakter der Gegend entsprochen haben. Vier bewohnbare Türme erhoben sich an den vier Ecken eines Quadratgebäudes, oben sich zuspitzend zu einem schieferbedeckten Runddach mit kupfernem Knauf. Zwischen diesen vier Türmen gingen vier gleichmässige Seiten von zwei Stockwerken und zwölf Fenstern der Länge nach, im zweiten Stock an jeder Seite ein Balcon von altem künstlich gewundenen Schmiedeeisen. Ein dritter Stock verengte sich in einen Giebel, der gleichfalls spitz zulief und in einem Knopfe endete, sodass das ziemlich regelmässige Gebäude acht Spitzen hatte und recht gut auch einem Kloster entsprochen hätte. Die Wirtschaftsgebäude lagen weiter ab und ausserhalb der Insel, die ihrerseits gross genug war, auch noch an der Hinterfronte des Schlosses einen parkartigen Garten zuzulassen, der sich jenseit einer zweiten brücke verlängerte und jetzt schon manche Anlage aus dem Schnee heraus