hinmalte.
Eine Pause trat nun ein. Armgart durchlebte sie im Geist auf dem Nachen von Lindenwert. Benno stand mit dem Hut in der Hand sie grüssend, wie sie abfuhr vom Hüneneck ... Sie seufzte tief auf ... An ihrem Aschenbecher zog sie mit den Schmelzperlen ebenso auch schon manche Träne auf ... Sie sah kaum hin, als Püttmeier ihre Symbolik so unausgesetzt lobte und ausführlicher noch als im Briefe an die gute Angelika sprach:
Ja, Ihr Herz Gottes, mein sehr geehrtes gnädigstes fräulein, ist – ist eigentlich der bedeutungsvolle Kreis! Der Kreis ist – hm! – unser inhaltreichstes Symbol! Der Kreis drückt die Welt selbst aus, das All, wie schon die Alten die geringelte Schlange – hm! – noch tiefsinniger aber das Ei als den Urgrund alles Seins bezeichneten. (Die Tante replicirte im geist, dass doch die Hühnereier oval wären ...) Die Kugel – das runde Ei der S c h l a n g e – (das war fast wie ein Treffer auf den erratenen Einwand der berühmten Wirtschafterin) ist das Vollkommenste oder richtiger die Vollkommenheit selbst, der Begriff, die Monade, das Atom. Es ist – hm! – die ganze Einheit, die an den Dingen ihr wahres Wesen ausdrückt! Denn ob nun ein Weltball oder eine Kegelkugel – hm! – eine Kegelkugel – (die Tante dachte hier an den Finkenhof und die Reformen des eifernden Pfarrers) es ist dieselbe idee der harmonischen Beziehung eines Mittelpunktes – hm! – zu millionenfacher gleichzeitiger Entfernung. Was Sie sehen, meine gnädigsten Herrschaften, der Schnee da – hm! – der Vogel, der bereifte Baum, der Rauch eines Hauses, alles – hm! – ist die wirkung einer Ursache, die wiederum zu einer andern Ursache als ihrem Mittelpunkte zurücklenkt und so geht das ganze Dasein – hm! – centripetal auf ein Inneres, aber auch immer wieder – hm! – centrifugal auf ein Aeusseres, eine grosse Rundfläche aller Dinge. Die Allheit – die Allheit dieser Strebungen ist das Sein in Gott. Die Gotteit – ist die Kugel und alle Seelen sind – hm! – Sphäroiden. Das Suchen des Mittelpunktes der Welt gibt den Radius. Wohl dem, der den längsten gefunden hat! Den, der – der durch den Mittelpunkt der Welt geht! Dessen Denken ist – hm! – gleich Gott selbst!
Die Tante fand das alles im grund sehr schön und so beim Fahren zwischen sankt-Libori und Westerhof auch höchst merkwürdig, indessen meinte sie doch, um eine gewisse Opposition, die sich in ihr regte, nicht ganz zu unterdrücken: Oder sein G l a u b e n , Herr Doctor? ... Dann wandte sie sich, weil sie, namentlich für die hässlichen Schlangeneier noch irgendeine schärfere Eruption ihrer andern Ansicht von alledem haben musste, zu Armgart und sagte:
Armgart, Armgart! Was träumst du nur ewig!
Da Armgart kaum zuhörte, sagte Paula, die die dem Doctor ungünstig werdenden Gedanken der Tante erriet:
Liebe Tante, das Kreuz ist nie so schön verklärt worden, wie vom Herrn Doctor Püttmeier!
So? sagte die Tante fast verächtlich. Die K u g e l kann ich für nichts so Grosses halten!
Püttmeier streckte Nase und Kinn aus seinem Shawl hervor und erwiderte:
Ist nicht – hm! – meine Gnädigste – der Apfel des menschlichen Auges – Bitte, gnädigste Comtesse! wandte er sich dann, die Rücksichten der Etikette abwägend, sogleich wieder zu Paula, die zuerst gesprochen. Das Kreuz ist auch eben nur die O f f e n b a r u n g der Kugel ...
Nein, nein, nein, nein! rief die Tante. Gott ist k e i n e Kugel ...
Armgart nahm noch immer keine Notiz. Sonst würde sie schon längst gesagt haben: Aber ich bitte dich, liebe Tante! Das sind ja gar keine Gegenstände für dich! ... Paula blickte auf Armgart. Sollte sie denn nun heute Armgart's Rolle übernehmen und statt deren polemisiren? ... Sie sagte ganz heiter:
Ei, Tantchen, das sind ja doch nur Bilder –!
Ei, das weiss ich sehr wohl –! Ich bin nicht so dumm! ... fuhr die Tante auf ...
Mein gnädiges fräulein, beschwichtigte Püttmeier, wenn ich beim Grafen Münnich die Ehre haben werde, mein System an Beispielen zu erläutern, so zweifle ich nicht an Ihrer – hm! – gewogentlichsten Zustimmung ... Gott – hm! – ist die idee des Kreises, die Radien und Diameter sind die Begriffe – hm! – des Lebens. Die Linie ist das Gegenteil des Kreises, das ewig – hm! – Continuirliche, die Ausdehnung, der Raum und die Zeit. Nun sind aber nur diejenigen Linien vollkommen, die einer Wesenheit angehören und die höchste Wesenheit kann nur sein – hm! – im Mittelpunkte eines Kreises zu stehen – d.h. wie man ja schon im Leben sagt, ins Schwarze zu treffen – (Die Tante dachte hier an die bevorstehende grosse Jagd mit allen ihren Sorgen und möglichen Unglücksfällen.) Denken Sie sich Linien, die da- oder dortin gehen – hm! – an der Fläche der Kugel oder ein wenig in sie hinein, Tangenten, Sekanten, alles ohne den Urgrund, der da ist: Dem Mittelpunkt anzugehören! Alle Strebungen des bunten Lebens müssen im