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in ihre Cigarrentasche. Das häkelte sie in ihren Aschenbechersie verlor diese Vielliebchen, weil sie nur dem Gedanken lebte, dass die Mutter oder der Vater in jeder Stunde kommen könnten. Auch sie wischte mit dem weissen Tuche, das sie, als könnte sie plötzlich weinen, immer in der Hand hielt, das beschlagene Fenster neben sich ab. Sie tat es, um sich zu überzeugen, ob kein Gespenst ihrer Furcht oder Hoffnung hereinschaute ... Wie anbetend blickte sie dabei zuweilen zu ihrer lächelnden Freundin Paula hinüber, zuweilen auch wieder in den geflammten Achat am Himmel. Dass es für gewisse Seelen und gewisse Zustände Engel gab, ganz so wesenhaft sichtbar wie die kleinen dicken Jungen, die in der alten Kirche zu sankt-Libori den Baldachin über dem geschmacklosen Hochaltar hielten, das war in dieser Sphäre eine ganz vollendete Tatsache.

Und Paula, die wir nun auch hätten wiedersehen sollen, nur im Concert der Sphären, nur so, wie sie in Bonaventura's nächtlichen Träumen auf klingender Luft schwebteda sitzt nun auch die "Seherin" – in der Ecke eines altfränkischen Wagens – (die Staatskutschen waren beim Leichenbegängniss), fährt hoch auf bei jedem Verlassen des gefrorenen Gleises und bekommt dann von der Seite einen Ruck der Tante und fast die Berührung der Nasenspitze des Doctors ... Es ist so, wie das Leben auch die Kaiser und die Könige auf die Erde eintreten lässt, ohne Krone, auch die künftigen Heiligen ohne allen Heiligenschein. Aus ihrem weiten schweren schwarzen Sammetpelzmantel und dem schwarzen Sammetute heraus ist jetzt nur das längliche edle Antlitz Paula's ersichtlich. Es besitzt den schärfsten Ausdruck aller Schönheitslinien. Die Nase ist geschwungen; die Augen sind dunkelblau, hochgewölbt, beschattet von vollen Brauen und Wimpern, die im Gegensatz zum goldgelben Haar des Hauptes schwarz wie mit Kohle gezeichnet sind. Die Stirn ist klar und frei, das Kinn ist oval, der Mund lächelnd und die Lippe sonst rosig, heute nur von der Kälte der Kirche etwas erblasst und auch das Antlitz bleich. In Paula's Art, das sehen wir auch jetzt aus den eigentümlich langgesponnenen Fäden ihres Blickes, lag etwas von den Geisterjungfrauen, die zwischen Tag und Nacht im Nebel über die Erde schreiten. Sie würde nicht selbst gesucht haben eine Velleda zu sein und im heiligen Hain des Irminsul zu opfern, aber die Völker ringsum hätten sie an den Altar geführt und ihr Iphigeniens Opfermesser in die Hand gedrückt. Wenn sie ihr Auge mit den seltsam schwarzen langen Wimpern aufschlug, da zog es jede Weltlichkeit empor und wiederum blieb das Geistigste, das sie anregte, doch nicht ohne einen Reiz für die Sinne. Kaum gibt es Bestrickenderes, als allein schon der blick auf dies Naturspiel: goldblondes Haar und auf den Augenbrauen und Wimpern ein dunkelstes Schwarz.

Paula's Sinn war so mild, so gütig. Und immer nahe stand der Armen jener Traumgott mit dem Mohnblumenkranz, der nur sanft, sanft die Hand über ihre Augen zu streifen brauchte, und sie entschlief mit rätselhaften Organen, mit denen wir andern nicht schlafen. Dann sprach sie in verworrenen Worten, sah Entferntes mit geschlossenem Auge, hörte selbst das Ticken einer Uhr in entlegensten Räumen. So krank sie sich bei dieser zweifelhaften Gabe des Geschickes fühlte und so unendlich müd sie mit ihrem schlanken Wuchs dahinwallte über die Erde (gegen ein Hüftleiden hatte sie einst lange im Streckbett gelegen): dennoch war ihr Sinn selbst nicht zu ernst oder feierlich. Ei, jetzt am wenigsten, wo Wonnetage ihr aufgegangen waren; erst die Ankunft Benno's von Asselyn, den sie noch wenig kannte, der aber ein Vorläufer Bonaventura's war; und dann dieser selbst! Kein Wunder, dass sie trotz der Messe, trotz der Trauer um ihren Oheim, trotz der etwas lauernd grübelnden Miene der Tante Benigna, trotz Armgart's seit einiger Zeit gar nicht mehr wiederzuerkennender Art und ewig verstörter Abwesenheit, über den Anblick des Doctors Püttmeier lächelte und höchst freundlich blicken musste. Schon den ganzen Vormittag war sie durch ihn heiter gestimmt ...

Sie kannten ja den unglücklichen Sohn des Onkel Kronsyndikus, Herr Doctor? begann sie mit süssmelodischer, wenn auch leiser stimme und sprach das fast im Neckton ...

Der Doctor erkundigte sich bei jeder Frage immer erst mit einem: Wie befehlen –? Taub war er nicht, es war ihm nur ermutigender, jede Frage zweimal zu hören und inzwischen sich die Antwort zu formuliren.

Als die Frage von Armgart, die wie ein dienender Cherub zu den Füssen ihrer Heiligen sass, wiederholt wardie Tante musste sich schon lange innerlich sagen: Passen Sie doch besser auf, mein bester Herr! – bestätigte Püttmeier diese Bekanntschaft in einer eigentümlichen Vortragsweise. Er pruhstete nicht gerade, räusperte und schnurrte auch nicht, aber sein Stimmchen war höchst fein und konnte erst durch mancherlei Manöver zu hinlänglich ausreichendem Atem kommen ...

Durch seine Mitteilungen gab es dann Rückblicke auf manches Düstere und Schauerliche, das lieber in diesem Kreise vermieden gewesen wäre. Der Mönch Sebastus wurde erwähnt, der krank lag im Kloster Himmelpfort, wohin ihn die Regierung hatte zurückbringen lassen. Das Pentagramm und die Tannenfahne (Tanfana), beides Symbole der göttinger Bierhäuser, kamen zur Sprache und bei gelegenheit der Taten des Kronsyndikus und der ewigen Ruhe desselben rühmte Püttmeier wieder Armgart's Symbolik des Fegefeuers. Die Tante war es, die streng mit ihrem schwarzen Handschuhfinger das niederwärtsfahrende geflügelte Kreuz am beschlagenen Fenster ohne alle Rücksicht