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nur nach dem, was sie euch zu euerm eigenen zufälligen Nutzen oder Schaden sind! Die Mutter Monika's, die Grossmutter Armgart's konnte Tante Benigna, fräulein von Ubbelohde, allerdings sein; aber von einer Hexe, von einer Kindesräuberin hatte sie gar nichts. Wie lange lag auch jener furor saxonicus schon hinter ihr! Ein schwarzer Trauer-Sammetut mit Kreppbändern zeigte das Antlitz einer funfzigjährigen Jungfrau, deren Augen etwas ermüdet waren, die Lippen weit mehr bedacht eine kleine Zahnlücke als heroische Entschlüsse zu verbergen ... Onkel Levinus, ihr Schwager, war ihr Verlobter, mit dem sie sich zu verheiraten vergessen hatte. Sie setzten beide ihren Brautstand mit der immer gleichen Courtoisie fort, die schon bei ihrem ersten Verspruche stattfand. Sie lebten unter Einem dach, führten die gleichen Geschäfte, die Verwaltung der Güter des Grafen Joseph, zankten sich nicht selten, aber die wirkliche Ehe war in Vergessenheit geraten. Ob das traurige Beispiel von Bruder und Schwester sie erschreckte? Ob sie Reue hatten über ihre wilde Einmischung in diese unglückliche Ehe? Ob sie in der Erziehung Armgart's sich hinlänglich verbunden fühlten? Möglich; aber Tante Benigna war keine MegMerilies. Ein Kind nimmt geistige Grösse für physische und erinnert sich seines kleinen alten Lehrers immer in der Gestalt eines Riesen. Monika war zwanzig Jahre, als sie Benigna zum letzten male sah und ihre um so viele Jahre ältere Schwester stand ihr noch immer in der leidenschaft vor Augen, von der sie damals gegen sie beseelt war. Wie war aber auch Benigna zusammengegangen! Es ist ein ganz mässig gebautes, fast anspruchsloses Wesen. Sie kichert verlegen, wenn von Levinus von Hülleshoven als ihrer ersten und einzigen Liebe die Rede ist, wie eine jede andere alte Jungfrau in gleicher Lage auch getan haben würde. Längst war diese Beziehung unter die Dinge geraten, deren Lösung der Mensch dem Jenseits überlässt. Tante und Onkel, beide hatten so viel mit ihren Aemtern und nächst diesen auch mit sich selbst zu tun, dass es zu keiner Wiederanknüpfung an die alte Zeit mehr kam; beide vertrockneten in sich selbst. Die Zeit, die Onkel Levinus an der Verwaltung erübrigte, gehörte der Gelehrsamkeit, den Altertumsstudien, den Entdeckungsreisen ins Innere Afrikas und seinem chemischen Laboratorium. Die Zeit, die Benigna erübrigte, gehörte der "Erziehung" Paula's und Armgart's, die indessen umgekehrt beide mehr die Tante erzogen. Benigna ist allerdings reizbar, sehr streitsüchtig, gutmütig wohl, aber erst nach Anfällen heftiger Strenge, überfromm und sittenrichterisch bis zum Unschönen. Wenn sie dann von allem erschöpft Abends in den Sessel sinkt, schläft sie freilich so gut ein wie andere; ja sie spricht sogar im Traume, nie jedoch etwas Geistreiches. Die beiden Pfleglinge haben sie ganz in der Gewalt; Armgart mit List, Paula mit Güte; und manchmal entwickelte auch sie Neckerei. Trotzdem dass Tante Benigna heute aus ihrem Mantel ohne Pelz ("man muss sich nicht verwöhnen") und ihrem hut ohne Schleier ("Schade was für eine rote Nase!") gedankenvoll in die Gegend schaut und immerfort an den beschlagenen Fensterscheiben wischt, um zu sehen, welcher Gottesfriede und welche nächstjährige Erntehoffnung auf der Wintersaat ruht und am wievielten Chausseestein man sich befand, hätte sie doch ganz gern auch ein bischen den Doctor geneckt. Denn sein Frack war doch auch gar zu altmodisch! Wie hatte man ihn in Eschede "eingemummelt"! Wie eine alte Meerkatze sass er da unter seinen Tüchern und Pelzen ... Da aber Armgart die Ernsteste im Wagen blieb, musste Tante Benigna schon ihre Nekklust zügeln und stumm den Gedanken Audienz geben, die sie hinlänglich quältendiese Entäusserung des alten Besitzes, die Zukunft Paula's, die Leiden und Visionen derselben, der Zustrom so vieler Menschen, die die "Seherin" beunruhigten, und die Sorgen wieder um diese gar "nicht zu berechnende" Armgart, um die Nähe ihrer Schwester, um die Ansiedelung ihres Schwagers in Witoborn, sein "unstandesgemässes" Fabrikproject mit Hedemann, endlich auch die unruhige Zeit, die Aufregung der Gemüter, die Zänkereien des neuen Pfarrers mit den Gemeindegliedern, und dazu der Pferdestall, die Kühe, die Schafe, die Schweine, die Fruchtpreise, alles, was zwar schon in die Verwaltungssphäre des Onkel Levinus hinübergriff, von diesem jedoch oft so gefährlich vernachlässigt wurde, wenn er hinter seinen Tiegeln und Retorten kauerte oder eine Entdeckung machte von fossilen Tieren in einem Kalksteinbruch oder ihm ein alter Römerhelm überbracht wurde, über dessen mutmasslichen ehemaligen Besitzer er sämmtliche Bücher des Tacitus wieder noch einmal frisch durchlesen musste und dann Abhandlungen schrieb und sich in gelehrte Streitigkeiten mit Provinzblättern verwickelte.

Armgart, wie gesagt, ging auf die Necklust der Tante nicht ein ... "Herr! Cröne Mein Beginnen!" sprachen, wie tief innenwärts gewandt, ihre braunen Augen. Auch bei ihr war der Hut von durchbrochenem schwarzen Flor. Ihr dunkelbraunes Haar sah man wenig und auch über das heute wachsweisse, nur am Näschen etwas von der Kälte gerötete Antlitz zog sie zuweilen rasch einen schwarzen Schleier, den sie trotz des "Schade was" der Tante trug. In ihrer Brust gab es wilde Kämpfe; auf ihrem Antlitz fürchtete sie, die Spuren davon zu verraten. Gleich nach ihrer Ankunft von Lindenwert hatte sie am Altar der Stiftskirche zu Heiligenkreuz der Gottesmutter gelobt: "Nicht Vater! Nicht Mutter! Beide!" Das führte sie durch. Das nähte sie in ihren Drachen. Das stickte sie