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des abrasirten Barts und eine ungeheure weisse Halsbinde, in der sich ein vornehm spitzes Kinn verstekkte. Nun aber in Wirklichkeit spielte bei dem schon tief Vierzigjährigen alles grau in grau. Der Doctor war ein Sonderling geworden. Man erzählte von dem Sophahocker, dass er eine Wasserflasche, die dem Sonnenstrahl ausgesetzt war und die gegenüberliegenden Gegenstände als Brennspiegel entzündete, nicht etwa aus dem Sonnenstrahl heraustrug, sondern mit einem Makulaturbogen seines Werkes: "Christus und Pytagoras", umhüllte, bloss weil er zu träge war, um aufzustehen und einen Schritt weiter mit seinen schöngestickten Angelika-Pantoffeln zu schlorren und die Flasche in den Schatten zu setzen. Ins Freie ging Püttmeier dann nur noch jeden Abend, wenn er das beste Hotel von Eschede "bei Schönian's" und jeden Sonntag die Kirche besuchte. Seine Verehrerinnen mussten ihn in seiner wohnung aufsuchen. Und diesen Mann mobil zu machen, das war Armgart gelungen! Gleich nach ihrer Flucht aus Lindenwert hatte sie ihn wie eine verschüttete pompejanische Ruine entdeckt. Sie hatte die unendliche Liebe und Dankbarkeit, die sie für ihre Lehrerin besass, für die arme, die ihretwegen so hart bestraft wurde, auf den Freund des Herzens derselben übertragen und mit jener dem jugendlichen Alter so schön stehenden Liebesübertreibung in ihm aller Welt den Propheten nachgewiesen, der in seinem Land verkannt würde, während die wissenschaftliche Welt von Alexander von Humboldt in Berlin an bis zum alten Windhack zu Kocher am Fall voll von seinem Ruhme wäre. Ruhm verbreitet sich, hatte Angelika oft genug gesagt, in concentrischen Kreisen. Wie auf dem Wasserspiegel die erregte Wellenlinie erst in der Nähe des hineinfallenden Steines klein, dann wachsend und wachsend und in ihrer wahren Grösse erst in ihren äussersten Nachschwingungen sichtbar würde, so auch die Anerkennung des Genius, zu dessen wahrer Würdigung dann ja oft auchdie Steine gehörten. Niemanden hasste Armgart so, wie einen gewissen Philosophen Namens Joseph Schelling, der so unersättlich nach Ruhm wäre, dass er auch noch den Lehrstuhl Hegel's, den bis dahin ein unbedeutender Schüler bekommen, einnehmen und dadurch gleichsam beweisen wollte, dass er von Hegel nicht überwunden worden. Das war in Eschede ein aufsehen, als eines Tages eine gräflich Dorste'sche Kutsche ins Tor fuhr und ein Livreebedienter nach dem Doctor Püttmeier fragte! Und schon am Abend, wo Püttmeier nicht "bei Schönian's" erschien (wo sich regelmässig vier oder fünf Stammgäste einfanden), wusste es die ganze Stadt, dass fräulein Armgart von Hülleshoven auf Stift Heiligenkreuz den Doctor aufgesucht, ihm eine Vision der Seherin von Westerhof erzählt und ihn veranlasst hätte, diese zu zeichnen, auszutuschen und matematisch in vierundzwanzig Teile zu zerlegen zum Muster eines Teppichs. Für den Doctor war dieser Auftrag gewesen, wie wenn man bei einem Drechsler in Witoborn ein Linienschiff für die englische Marine bestellt hätte. Er hatte seine katergrauen, etwas gelbgesprenkelten und schon ganz tageslichtscheu gewordenen Augen aufgezogen, wie wenn der Cultusminister bei ihm wäre vorgefahren gekommen in Begleitung des Oberpräsidenten und ihn zum Mitglied der Akademie gemacht hätte. Er konnte von stunde an nicht mehr regelmässig denken, nicht schlafen; er verjüngte sich, als kämen seine alten Tage wieder, wo seine Ideen zum ersten male über das vaterländische Heidekraut flügge ins Land aufstiegen wie Märzlerchen und alle Drechselbänke der adeligen Höfe ringsum seine mystischen Dreiecke, Kubusse und Konoiden darstellten. Püttmeier zeichnete den Teppich, mass ihn, klebte ihn in natura zusammen, wie einen Drachenvoller Drachen. Das erschütterte dann sehr seine Gesundheit. Erst heute hatte man ihn können aus Eschede abholen lassen. Er war wie der selige Nikolaus von der Flüe, den die Eidgenossen aus den wilden Bergen holten, um ihre Streitigkeiten zu schlichten, und den man tragen musste, weil er das Gehen verlernt hatte. Alles war ihm neu. In Witoborn behauptete er viel mehr Türme zu sehen, als sonst, während doch einige abgetragen waren. Die Vögel, die am Wege im Schnee hüpften, betrachtete er, als wären es neue Species, die inzwischen der Schöpfer geschaffen. Und dass es sich so treffen musste, an diesem Tage waren sämmtliche Männer der gewählteren Gesellschaft ins Gebirge nach Schloss Neuhof! Nun konnte er doch sowohl in Schloss Westerhof, wie in der Kirche und jetzt wieder auf der Rückfahrt, so recht geniessen, als zweiter Frauenlob, mitten unter dankbaren nur weiblichen Händen und Herzen gehegt zu werden. O tat das wohl! Gleich einem alten Papagaien hatte er gegurrt und gegrammelt vor Behagen, als ihm die Frauen und fräulein auf dem Chor vor und nach der Messe so viel Zuckerbrot in Worten gaben, seine Güte, seinen Geist, seinen Geschmack lobten. Wie der grosse Pfau des Libori wedelte er! Noch stand ihm das einfache Familiendiner im Schloss, für den Nachmittag die Rückfahrt nach Eschede und für einen der nächsten Tage noch eine grössere Huldigung bevor. Bei einer Jagd, die in dem von Terschka für Tiebold de Jonge bestimmten wald gehalten werden sollte, einer Jagd, deren Honneurs der Trauer der Dorste's wegen ein nachbarlicher Graf Münnich übernommen hatte, sollte Püttmeier den Damen, die auf Münnichhof die heimkehrenden Nimrod's erwarteten, sein philosophischmatematisches System in der Art erklären, wie er dies alle Jahre einmal in Eschede tat, durch Ombres chinoises, d.h. Transparentfiguren in einem dunkeln, weihrauchgefüllten Zimmer.

Und Tante Benigna! Die vielbesprochene Schwester Monika's! Die sogenannte Meg-Merilies sitzt da mm auch vor uns! ... Wie beurteilt ihr doch die Menschen immer