kanonische Alter hatte, eine jüngere, die nicht beim Pfarrer, sondern bei ihr diente, kamen herbei und verwunderten sich "des Todes" über den Korb ...
Alle hatten die Ahnung, dass sich jemand ins Hans geschlichen und an der Türschwelle des Pfarrers – ein Kind ausgesetzt hätte ...
Zornentbrannt und doch voll tiefster Verlegenheit riss Müllenhoff die roten Vorhänge des Korbes auf und richtig! in Betten versteckt, lag mit weissem Häubchen ein Kind, wie sich jedoch die Katrein sofort überzeugte, kein lebendes, sondern ein allerliebstes, niedliches Wachspüppchen ...
Unter Gelächter zog sie es hervor ...
Die Männer wagten nicht in das Gelächter mit einzustimmen, sondern hielten die Hand vor den Mund und entfernten sich rasch, um erst draussen, wie man zu sagen pflegt, "loszupruhschen" ...
Das ist – das ist ja ein niederträchtiger Streich – ein Streich nur von der Schmeling! rief der Pfarrer. Meier! schrie er diesem nach. Sie untersuchen das! Melden's gleich dem Landrat! Er soll euern Schreiber schicken! Auf der Stelle! Da seht ihr nun euere Zucht und Ordnung! Ich werde das Schandstückchen von euch auf die Kanzel bringen!
Der Meier stand verlegen an der Haustür ...
Es wurde gefragt und geforscht, ob man denn nichts erblickt, niemanden im haus gesehen hätte ...
Den Jean Tübbicke, den buckeligen Stammer, den Perrükenmacher Schneid, alle Verdächtigen rief Müllenhoff der Reihe nach auf ... In Witoborn sollten alle Korbmacher, alle Puppenverkäufer, alle Händler mit Betten und rotem Kattun Haussuchung bekommen ... Dann wieder fiel ihm die Lächerlichkeit des ganzen Vorfalls auf. Schäumend warf er die Tür hinter sich zu und schrieb nun selbst an die Polizei in Witoborn. Hätte er nur den Tübbicke gehabt, um seinen Zorn ganz auslassen zu können!
Erst allmählich kehrte ihm die Ruhe zurück beim Blättern in den Exercitien Loyola's und beim Wiederlesen des Billets der Frau von Sicking ... Dann ordnete er seine Toilette, rüstete sich mit einigen "geistreichen Gedanken" für das Diner und ging, ganz ein Papst Hildebrand vom dorf, mit festem Schritt hinaus in den frischen Wintertag.
3.
Inzwischen lugte auch auf Augenblicke freundlich die Sonne hervor aus der unermesslichen Wolkendecke, die ab und zu sich ihrer Schneeansammlungen aufs neue entledigte.
Da, wo die Sonne verborgen gestanden, bekam der Himmel das Ansehen, als wär' er ganz von geschliffenem Achat, von durchsichtigem, gelbrötlich geflammtem ...
Um die Kirche her standen die Bäume in ihrem weissen Krystallschmuck. Im Sommer konnte man sich hier, wenn rings die Ulmenäste wogten und ihre langen Schatten warfen, an einen alten Opferhain erinnert fühlen. Jetzt war es licht ringsum. Schon unter den gefrornen Eiszapfen, die wie die Orgelpfeifen über dem Portal des Ausgangs der Kirche hingen, sah man weit in die schneeverhüllte Ebene hinaus, wo die Wintersaat schlummerte, die Hasen dahinschossen, die Krähen einsam auf rauchenden Dächern stolzierten ...
In einer grossen, etwas altertümlichen, nicht aus Hoffart, sondern des Schnees wegen von vier Pferden gezogenen Kutsche sass Paula im Fond mit Tante Benigna, auf dem Rücksitz Armgart und der Doctor Laurenz Püttmeier, der Philosoph von Eschede, langjähriger Verlobter der jetzt in Paris bei den Fulds weilenden Angelika Müller. Der plötzlich gekündigten Lehrerin von Lindenwert hatte die kleine freundliche Bettina Bernhard Fuld diese Stellung als Reisebegleiterin und Gesellschafterin bei sich angeboten und Angelika sie angenommen ...
Ein so enger Raum! ...
Und wie mächtig dehnt sich doch die Lebensbeziehung einer jeden dieser vier Personen in die Welt aus, weit, weit über diese winterliche Fläche und das Echo der wieder beginnenden Glocken hinweg! So aber ist das Leben in seiner Wirklichkeit. Auf der Bühne, da treten Helden durch weit aufgerissene Flügeltüren ein und die Spannung steht, wie eine sich verbeugende Kette von Kammerherren und Lakaien, um einen Fürsten oder – Bettler, wenn gerade das Interesse auf einem Bettler ruht, auf die Scene treten zu lassen. Im Leben aber ist so ein gefeierter Philosoph wie Püttmeier plötzlich da wie unsereins! Dieser grosse Mann, für den nun sogar am Ufer der Seine ein treuliebend Herz Propaganda macht und ihn jetzt sogar in einem Bankierhause Wechsel auf die Zukunft ziehen lässt, auf diesen unerschöpflichen Reservefonds aller unverstandenen Geister der Gegenwart, sass hier völlig unerkennbar, tief verloren in einen Mantel, Muff, Shawl und Fusssack –
Laurenz Püttmeier war heute ein völlig von den toten Erstandener ... Eschede ist ein kleines Städtchen und Püttmeier bewohnte daselbst zwei Zimmer im Erdgeschoss seines eigenen älterlichen Hauses. Ins grüne Freie, einen Hausgarten, ging er nur, wenn ihm sein Hund und seine Katze die Nelkenbeete verwüsteten – die Nelke war ihm die liebste Blume; sie hat eine schöne Symmetrie und an ihrem Stengel erhebt sich die geschlossene Knospe in einer konischen Gestalt. Und hatte nicht auch sein eigenes ganzes Wesen das eines grossen alten Katers? Armgart wenigstens meinte gleich heute in der Frühe, als ihn eine gräfliche Kutsche von Eschede brachte, es fehlten ihm nur an dem glattrasirten Kinn und der langen Oberlippe ein paar spitzabstehende Härchen – und Hinz wäre fertig. So berichtete sie auch schon neulich, als sie zum ersten mal des Doctors Bekanntschaft machte. In Lindenwert wurde oft Püttmeier's Porträt den Mädchen als Medaillon in Aquarell gezeigt. Da hatte er noch blonde Haare, eine scharfe, nicht gar zu spitze Nase, graue, entschlossene Augen, eine bläuliche Färbung