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begegnen?

Klingsohr war nicht schön; er vernachlässigte sich in seiner Kleidung, er hatte etwas Sorgloses, sogar Verwildertes. Sie erfuhr, dass sein gang durchs Leben unregelmässig gewesen, kometenartig; sie erfuhr, dass er die Hoffnungen des immer rührsamen Vaters täuschte und sich der Uebereinstimmung mit demselben und seines Beifalls nicht rühmen konnte. Aber, was sie sogleich bei der äussern Unähnlichkeit dieser natur mit der eines Oskar Binder gefühlt hatte, dass das Auge hier geistige Schönheiten finden würde und diese dann auch allmählich das Aeussere heben, traf immermehr zu. Wenn dieser seltsame junge Mann im Mondenschein an der Parkpforte mit ihr auch nur einige Minuten verweiltedie Eifersucht des Kammerherrn war jetzt aufgeregt und sein heimtückischer Sinn gefiel sich in den hinterlistigsten Anschlägen –, das Bild, das sie von ihm empfangen, verklärte sich immermehr zu der Vorstellung von dem Mute, der Tatkraft der Männer überhaupt und der auch die Frauen hebenden heroischen Bestimmung derselben. Und wie verstand auch Klingsohr sein ganzes Sein mit einem poetischen Nimbus zu umgeben! Mitten in den kurzen Begegnungen, die sich allein möglich machten, brach er in Verse aus und verband dann mit der Wildheit eines Titanen, der noch die ganze Welt zusammenzurütteln gedachte, etwas Naives, Träumerisches, Kindliches wieder. Manches, was die gemessene Zeit zu sagen verbot, sprach er in geschriebenen Blättern aus, die er ihr in die Hand drückte, und schon häufte sich ihr durch Bauerknaben, Bettler und fahrende Musikanten ein geheim besorgter Briefwechsel. Dass sie auf seine hülfe und Befreiung aus ihrer gegenwärtigen peinlichen und unbestimmten Lage rechnete, das stand damals fest, als er ihr das unwürdige und schimpfliche los schilderte, welches zuletzt denn doch noch ihrer im schloss Neuhof warten würde; Vater und Sohn, sagte er, würden zuletzt um ihren Besitz streiten und der Alte würde siegen. Sie schauderte. Klingsohr versprach, sie mit nach Göttingen zu nehmen, um sich dort, wenn der Vater die Mittel gäbe, als Docent zu habilitiren. Sie sollte sein Weib sein.

Es war gegen Ende Juni. Schon lange war die erwünschte Regenzeit angebrochen und dauerte anhaltender, als sie der Landmann nun wieder haben wollte. Die auch durch strömenden Regen nicht zu tilgenden Reize des Landlebens, der Anblick der grünen und gelb gefärbten Fluren und der berauschende Duft der Linden und Tannen blieben sich gleich; besonders von dem schloss Neuhof selbst aus; nach vorn bot der volle Anblick in eine Landschaft voll Mannichfaltigkeit und Schönheit malerische Fernsichten, in nächster Nähe dufteten der Park und die nahe liegenden Wälder. An dem offenen Fenster, in der linken Ekkspitze des Schlosses, im ersten Stock, sass Lucinde des Tages jetzt fast ununterbrochen und suchte sich in ihrer wunderlichen Lage, die der der "Sklavin in goldenen Fesseln" nicht unähnlich war, zu beschäftigen, so gut es bei ihrem geringen Arbeitstriebe und den aufgewühlten Stimmungen ihres inneren gehen wollte. Wieder war sie ganz auf die Unterhaltung des Kammerherrn, auf seine Pflege angewiesen, denn der geistig Leidende kränkelte auch körperlich. Er gehörte dabei ganz zu den Kindern, die eine Tasse Milch nur von dieser Schwester, einen Teller Suppe nur von jener Magd wollen gereicht erhalten. Er nahm nichts als nur von Lucinden. Sonst trieb er sein altes Wesen. Er zeichnete, malte, porträtirte Köpfe, die ersten besten vom Oekonomiehofe oder aus der Brennerei, sogar Hunde und vor allen jetzt Türck, den nun von ihm besonders bevorzugten. Mishandelte er nicht die schönen Künste, so drechselte er, und wiederum verband er damit die stereometrische Philosophie des Sehers und Zukunftsphilosophen Laurenz Püttmeier zu Eschede, einem kleinen Städtchen nördlich von Witoborn, rechtsab vom dem sogenannten grossen nach dem Westen führenden "Hellwege", der auch in der Tat in manchen Dingen der einzige helle Weg, die Strasse des Lichts, durch eine grosse ägyptische Finsterniss genannt werden kann.

Das Eckzimmer gehörte zu einer Suite von Zimmern, die dem Reichtum und den gesellschaftlichen Ansprüchen der Wittekinds entsprachen. Das Schloss war geräumig, aber nicht eben luxuriös gebaut. Die nüchterne Stimmung des vorigen Jahrhunderts hatte in baulichen Dingen nur das Nützlichkeitsprincip im Auge. Desto gewählter war aber teilweise die Ausstattung. Einige dieser Zimmer waren geradezu fürstlich, sowohl in der Tapezirung wie in der übrigen Ausschmückung durch Marmor, Bronze und Glas. Nicht nur die Spiegel, auch die Tische, die auf geschweiften Füssen standen, boten die reichste Vergoldung; die Platten waren von köstlichen Marmorarten und spiegelblank. In den Ecken standen Spieltische mit getäfelter und ausgelegter Arbeit von seltenem Geschmack und hohem Werte. Das Schnitzen in Holz und Elfenbein ist von jeher in diesen Gegenden mit Meisterschaft getrieben worden. Die alten Bilder, wie die gelbsammtenen Ueberzüge der Möbel waren mit Staubvorhängen bedeckt. Diese Zimmer, wohl fünf bis sechs an der Zahl, jedes in einem andern Geschmack, verzweigten sich nach den Seitenflügeln und nach der Hinterfronte mit Corridoren, die an den Wänden in ganzer Höhe, von der Erde bis an die Decke, mit Spiegeln bekleidet waren. An den Plafonds waren Malereien angebracht von einem keineswegs nazarenischen Geschmack. Einzelne Vasen, die auf Marmorgestellen die Einförmigkeit dieser Corridore unterbrachen, zeigten vortreffliche Malereien aus der Schule Albano's. Dass diese Corridore an den Wänden von rings hinlaufenden Divans, die gleichfalls mit gelbem, blumenartig gepresstem Plüschsammt überzogen waren, begrenzt wurden, bewies, wie sie einst zu grossen Gesellschaften gedient hatten. Auch fehlten alte Kronleuchter von langhängenden Krystalltropfen und Glasberlocquen nicht. An den Wänden waren Vorrichtungen angebracht zu Girandolen, immer zu fünf und fünf Flammen