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Ihr, Finkenmüller, selbst die Fahne tragt und ich gleichfalls hinterher gehe, die Hand mit dem hochwürdigsten Gute!

Vor diesem magischen Wort schwiegen nun wohl die Männer ... Der junge Kämpfer siegte ... Alles blieb still ... Müllenhoff holte von einem Bücherbret zwanzig kleine Broschüren und zählte sie ihnen ab ...

Herr Pfarrer ... sagte der Meier inzwischen. Sie sehen, wir werden das Unserige tun! Es wird einen schweren Kampf kosten! setzte er seufzend hinzu. Schon heute, wo infolge des Leichenbegängnisses alles auf den Beinen ist, schon heute sollt' es auf dem Finkenhof zwar ein bischen lebhaft werden

Dem Lutterberg zu Ehren! meinte Müllenhoff im Zählen. Ja, was werden die Teufel heute im Lutterberg rumoren!

Aber tanzen lass' ich heute nicht! sagte der Finkenmüller. Aber in Zukunft

Ja habt doch nur Mut, Leute! unterbrach Müllenhoff; habt doch Mut! Das Uebrige macht das Rügengericht und der Kirchenconvent –!

Ja, Kirchenconvent und Rügengericht –! riefen alle durcheinander ... Es war ein Tema, dessen Erörterung noch im Rückstand blieb ...

Nun? lautete Müllenhoff's erwartungsvolle Frage ...

Sie haben das Rügengericht eingeführt, Herr Pfarrer, sagte der Meier, und ziehen sich nun selbst zurück? Schieben uns nur so vor? Jeden ersten sollen wir zu Gericht sitzen und wenn die Weiber uns auslachen und die jungen Bursche uns den Buckel voll Schläge androhen und wir nicht wissen, wie wir unsere Autorität aufrecht erhalten sollen, wollen Sie im Feld spazieren gehen oder in Ihren Büchern studiren? Nein, mit Vergunst, Herr Pfarrer! Wenn das Rügengericht sich halten sollund ich habe nichts dagegen, wenn wir sorgen, dass nicht jeder Plunder an den Landrat oder die Gerichte kommtso müssen Sie den Vorsitz führen, Herr Pfarrer!

Und Sonntags Nachmittags müssen Sie die Kirche dazu hergeben! fielen alle ein ...

Erst wollte Müllenhoff ironisch ausweichen. Aber auf das Wort "Kirche hergeben" rief er, als sollte man es hundert Schritt weit hören:

Ich bin das ewige Gericht und sitze zur Rechten des Schöpfers himmels und der Erden!

Nein, setzte er dann den auf den Tod Erschrockenen hinzu, gebt euch nur getrost diese Autorität selbst!

Die aberdasdas können wir nicht!

Wird kommen, wenn ihr selbst nicht mehr bis Elf im Finkenhof unter den Zöllnern sitzt!

Halten wir uns von den Leuten apart, Herr Pfarrer, so vermögen wir erst gar nichts! sagte Hennicke ...

P r o Deo! rief Müllenhoff mit feierlich lauter stimme. Nicht P e r Deum! So fängt jedes Concordat an und ich will euch das übersetzen ... Glaubt ihr, guten Leute, dass ihr dem allmächtigen Schöpfer nichts anderes schenken könnt, als was ihr von ihm ausdrücklich zum geben e m p f a n g e n habt? Wollt ihr ihm denn gar nichts geben von dem Eurigen, von euerer eigenen Tugend, von euerer eigenen Moral, euerer eigenen Gerechtigkeit? Könnt ihr nichts, nichts beisteuern zur Herstellung der Ordnung in der Welt? Ihr lieben Leute, diese Opfer bringt getrost aus euch selbst! Schenkt dem Gekreuzigten euere eigene Kraft, nicht immer die, die ihr erst seinen Stellvertretern auf Erden verdankt! Ein Seelsorger soll sich nicht in die weltliche Auffassung euerer Händel mischen. Nur v o r a r b e i t e n sollt ihr seinem Wirken, sollt ihm in die Hand arbeiten, sollt

Wir sollen nur so vorm Schuss stehen, Sie hinter unserm rücken! rief der Finkenmüller, der wieder Oberhand gewinnen wollte und der Groschenbüchse am verschlossenen und doch von ihm neulich frischgedielten Tanzsaal nicht recht traute ...

Wenn ich u n s i c h t b a r unter euch bin, antwortete Müllenhoff, schon siegestrunken, aber doch scheinbar gelassen und milde, so ist das für euch eine Schande, Männer? Ich werde, wenn wir auf unserm Wege fortgehen und wir die Bündnisse erst haben, nicht verfehlen, das Rügengericht im Beichtstuhl zu unterstützen. Ich werde auch die schwierige Aufgabe, die wir die V i s i t a t i o n nennen, nicht von mir weisen. Ich werde nicht zurückbleiben hinter meinem Amtsbruder in Borkenhagen, der zu den gottverlorenen, unglückseligen Menschen, dem im Kirchenbann lebenden alten Hedemann und seiner Frau, sich nicht die Mühe verdriessen lässt wöchentlich einmal zu gehen, anzupochen, an ihren Herd sich zu stellen und sie zu bitten, an den heiligsten Ort der Welt zurückzukehren und von dem Tisch des wahren Brotes und von der Ruhe in geweihter Erde sich nicht mit Gewalt auszuschliessen. Ihr wisst, wie grillig diese alten im Kirchenbann lebenden Leute sind, und wisst, warum?

Ja wohl, Herr Pfarrer!

Die Schuld traf

Den Pfarrer Langelütjesagte der Finkenmüller ...

Den Landrat! betonte Müllenhoff mit berichtigender Schärfe. Sogleich fuhr er wieder sanfter fort: Es soll mir ein Stolz sein, wenn solche VerstocktWenn Sie nur wenigstens, Herr Pfarrer, sagte der Auch das nicht, lieb' Väterchen! Ich bedanke mich, h e i t wollte er bloss andern geben, sich den M i t e i n t r i t t ins Paradies zu erwerben. Und in dieser göttlichen Güte ahmen ihm jetzt seine geweihten Priester sowohl beim Rügengericht wie beim Kirchenconvent und noch in vielen andern weltlichen Dingen nach. Ihr könnt alle Tage