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treues herz, ihr manchmal doch noch reines, unverdorbenes Gemüte die Weisheit solcher Geistlichen von einer Kanzel herab hören müssen, deren wir ja sogar jetzt einen in Witoborn habenGott im Himmel erbarme dich! einen "Priester" mit sieben lebendigen Kindern! ... O, ich beschwöre euch, Familienväter, tut das Eurige, euere Kinder und Kindeskinder, an die ihr mit Stolz denken könnt, nicht zu verkaufen an den, der ausgeht, sie zu verschlingen! Uebernehmt, obschon nicht geweiht, das Amt des Priesters! Sprecht am brennenden Kienspan in jeder Hütte von der Sünde, die ja schon darin liegt, nur etwas zu wagen, was möglicherweise Sünde w e r d e n könnte! Grabt es ihnen im Bilde vor, das Grab der Unschuld und Tugend! Sagt ihnen: Wandle, MenschMensch, wandle dort, wo du wünschen möchtest einst dein Sterbebett hingestellt zu haben! Kannst du, o Jungfrau, o Jüngling, dir unter Gefahr einer Todsünde nur v o r s t e l l e n , dass der Tanzboden dein Sterbebett wäre? Kannst du dir denken, dass an diese Stelle ein Priester hinkäme und dir das heilige Oel brächte? Kannst du dir denken, dass die Gliedmassen deines Leibes dir dort gesalbt werden könnten zum letzten Pfade an die Pforten der Ewigkeit? ...

Längst schluchzte der Meier ... Diesem kam die Wehmut am ersten zu und sie war ihm natürlich. Sie war ihm das schon von der Anstrengung seiner Nerven und dem stärkern Druck derselben infolge seiner schwierigen Zwischenstellung zwischen Gemeinde und Pfarrer ...

Auch der Moorbauer wandte sich ab ... Auch die beiden andern äusserten Bedürfniss, sich ihre Nasen zu putzen und suchten nach ihren blauen Sacktüchern ... Nur der Finkenmüller blieb kalt und wagte ein:

Bitte, Herr Pfarrer

Schweigen Sie! fuhr ihn Müllenhoff an, ganz aus der sanften Rolle fallend ...

Als der Finkenmüller dann schwieg, fiel er auch gegen ihn wieder in den sanftesten Ton zurück und fuhr fort:

Soll denn die Heiligung der Sitten nur möglich sein da drüben in den Berg- und Fabrikdistricten, wo die luterischen Pastores nichts vom Christentum kennen als die Bibel, und von ihren eigenen Weibern und Kindern so in Anspruch genommen werden, dass sie für euer Seelenheil keine Zeit mehr übrig haben? Sollen wir nicht zeigen, was gerade wir vermögen aus u n s e r m grund, der da ist der Fels Christi? Sollen sie uns verspotten um unsern heiligen Liborius und sagen: Seht, soviel Kinder kommen ausserhalb der Ehe bei uns und soviel bei denen! Schlagt mir den Tanzboden ein, sag' ich, oder ich prophezeie nichts Gutes für unsere Mutter Kirche! Finkenmüller! Geh in dich! Denke, dass die Gemeinde dir ein Opfer bringen wird! Sie wird dir den Ausfall deiner Einnahmen ersetzen! Sie wird den Jungfrauen- und Jünglingsbund nicht abhalten, dennoch bei dir einige Stunden des Sonntags der Erholung und der Freude zu widmen! Ich schlage vor, dass jedes Mitglied in eine Büchse einen Groschen wirft zur Abkaufung des Tanzes! Der heilige Augustinus, der auch erst ein lasterhafter Heide war, ehe er zur erkenntnis kam, wird diese Spende segnen! Die heilige Afra wird sie segnen, sie, die einst Spiel und Tanz zu Augsburg in ihrem haus zur Anlockung der Sünde hatte und durch den heiligen Paullinus bekehrt werden musste, wird sie segnen! Es ist wahr, der heilige Franz von Sales hat unter gewissen Umständen den Tanz gestattet. Aber so innig ich ihn sonst verehre, den frommen Bischof, ich fürchte, er lebte in zu vornehmen Verhältnissen, um sich – (Müllenhoff stockte jetzt etwas) einen Zustand, wie den um Witoborn herum vergegenwärtigen zu können ... Er kannte diese Menschen nicht, die jetzt aus dem ihm auffallenderweise sehr werten Paris kommen ... Er kannte Menschen nicht, die dort die Teilung der Güter proclamiren, diese Handwerksburschen, die keinen Hof sehen können, ohne zu sagen: Aber der Garten dazu ist mein! keine Kuh, ohne zu sagen: Aber das Kalb gehört mir! keine Henne, ohne zu sagen: Aber die Eier legt sie für mich! Haben wir nicht etwa auch schon solches Volk unter uns? Maîtres-tailleurs und ähnlicheSchneider?

Schneid hiess der neue Hausknecht, der in Schloss Westerhof eingetreten und dem Meier noch nicht ordentlich gemeldet war ... Jean Tübbicke bürgte für ihn ...

Müllenhoff hielt eine Secunde inne. Da fand der Finkenmüller Zeit, einzuwerfen:

Ich bin aber gewiss, der Herr Archipresbyter

Was sind Sie gewiss? unterbrach Müllenhoff. Ich, ich, auch ohne den Archipresbyter, ja ohne den Heiligen Vater in R o m , hätte die Macht, im Beichtstuhl zu strafen! Ich könnte denen, die in den Stand der Ehe zu treten gedenken, nur eine stille Messe lesen, wenn sie nicht das Versprechen zur heiligen Dreieinigkeit ablegen wollen, auf ihrer Hochzeit nicht tanzen zu lassen! Ich tu' das nicht. Ich will euch in Güte gewinnen. Hier ist das Büchlein über die Stiftung der Bündnisse. Da habt ihr zwanzig Exemplare zur Verteilung. Zu nächsten Ostern ist alles in Ordnung. Am Charsamstag hält der Bund eine Procession und lasst nur die Buben stehen und lachen und die losen Weiber und die Hebammen an der Spitze, wir werden die Lästerer schon auf die Knie bringen, wenn in der Mitte der Jugend