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sei des Teufels Jahrmarkt; aber wie wollte man nur allen den jungen Weibsen die Lust daran nehmen? Sie brennten ja doch eben zu versessen darauf! Es ist nun einmal so! rief der fünfte, der Bauer Leiendecker; die Leute schinden sich in der Woche sechs Tage und am siebenten wollen sie aus dem Joch heraus! Es hat alles seine Zeit, Herr Pfarrer! Das Beten hat seine Zeit und das Vergnügen hat seine Zeit! In diesem Land ist denn doch unserm lieben Herrgott und seinen Engeln immer nur wohl gebettet gewesen!

Seid ihr nun fertig? sagte Müllenhoff mit einer lange mit sich selbst ringenden Mässigung und Geduld ...

Ja! riefen alle einstimmig und trotzig ...

Ich will euch sagen, Leute, lenkte Müllenhoff etwas ein; lasst uns in Güte reden! Die heiligen Kirchenväter, Chrysostomus an der Spitze, die kann ich hier nicht citiren! Es ist wahr, sie alle sind furchtbar gereizt gegen den Tanz. Es mag sein, weil manche von ihnen noch jenen schauderhaften Tänzen zu nahe gelebt haben, mit denen die Heiden ihre Götzen, die Venus, den Jupiter, die Minerva und ähnliche Affenschande verehrt haben. Aber glaubt ihr denn nicht, dass unter dem Unkraut in den Herzen der jetzigen Jugend, unter der Spreu auf der Tenne noch so viel edler Weizen liegt, dass man ein solches Frauenzimmerodernehmt's mir nicht übeleuere eigenen Weiber und Töchter, in aller Güte nehmen und ihr sagen kann: Kind, ein Wort im Vertrauen! Sieh Griete, Anne Marie, so ein Bursch wie der Siebdrat oder der Heikerling oder wie die Schlingel heissen, die kürzlich ihre drei Jahre abgedient haben und immer noch mit dem roten Streifen an ihren Mützen hier herumlaufen und selbst so in die Kirche kommen, in die Kirche, wo nur Eine Cocarde und Eine wahre Landesfarbe herrschen soll, das durchstochene Herz und das Blut unsers gnadenreichsten Erlösers Jesu Christi! – ich sage, wenn ihr sagen wolltet: Griete, Anne Marie, – Gott, Gott, diese heiligen Taufnamen! – wenn dir nun so ein Schlingel im feld begegnete, in dem hochwallenden Gotteskorn oder im heiligen waldnein, den hauen uns die Luteraner hier nächstens auch noch ab! – oder hinterm Gartenzaun und wollte dich nur so um die Hüfte fassen, wie er's auf dem Tanzboden tutMädchen, könntest du das denn leiden? Würdest du nicht über den Buben ausser dir sein? Würdest du nicht über die Schlenker, die man machen muss beim "pfaffen von Ystrup" Brust an Brust und Mund an Mundin den Boden versinken vor Scham? Und würdest du diesen Schlingeln mit den roten Streifen an den Mützen nicht hinter die Ohren schlagen, dass ihnen hören und Sehen vergeht? Nun sieh, würde' ich als Vater sagen, dergleichen duldest du nun alle Sonntage! Marie Anna, Magdalena, du, die niemand zweideutig ansehen darf, wenn sie im feld schanzt und züchtig sich schon die Kleider hält, nur wenn der Wind geht, du mein holdseliges Kindlein, du putzest dich Sonntags, behängst dich mit Ketten und Schaustücken, setzest dich in den Finkenhof auf die Bank und lungerst mit gierigem blick, ob dich denn nicht auch jemand nehmen mag oder ob du wohl gar sitzen bleibest und das Blut, hui! das spritzt dir förmlich vor Ungeduld aus den Wangen, wenn immer mehr antreten und du noch vacant bist! Gott, bei deinen hochheiligen Wunden, würde' ich doch so ein geliebtes teures Kind, die Freude einer Mutter, das Nestküchlein eines Vaters, so ein Bild der Unschuld und holdlieblichen Sitte, beschwören, dass sie sich vergleichen möchte, wie sie daheim sitzen könnte am Spinnrad, eine züchtigliche Maid, sanft und lieblich und unschuldsvoll wie eine Taube ... Und, mit dem Bilde vergleicht dann diese Ländler und diese Schottischen! Wie die Röcke fliegen! Wie der Boden kracht! O Familienväter! Schildert ihnen doch das um des entaupteten Johannes, um dieses ersten Pfarrers a u c h in einer Wüste, willen! Schildert den Eindruck, wenn nun später die Bursche anfangen von Bier und Taback und Branntewein zu glühen und die süsse Unschuld des Herzens, der zarte jungfräuliche Leib euerer liebsüssen Mägdelein, deren Kindeslallen euch ach! so inniglich erquickte, in die arme solcher Buben sinkt! Schildert ihnen, was diese beweinenswerten Lümmel nun die Dreistigkeit haben in ihr keusches Ohr für Gift zu träufeln! Wie sie sich hinsetzen, euern Töchtern das klebrige Glas vollschenken lassen und Hand in Hand sie auffordern, mit ihnen erst durch Redensarten hindurchzuwaten, durch den Pfuhl der Erinnerungen und Erfahrungen, die sie aus ihren gottesvergessenen luterischen Garnisonen mit heimgebracht haben, aus der Plage der allgemeinen Militärpflicht, die ihr schon so oft zu allen drei Teufeln, wo sie herstammt, hingewünscht habt! Unsere Bursche sind schön, herrlich gewachsen, wie ihr selber noch die strammsten Männer seid! O, so kommt es, sie standen fast alle bei der Garde! Nun kehren sie wieder aus der Residenz selbst, wo diese Unglücklichen leben müssen ohne die trauliche Verbindung mit unserer gnadenreichen Mutter, wo sie nur dürftig geniessen die heilige Zehrung, die Herzenserleichterung am Ohr eines geweihten Priesters, ja wo eine jammervolle Veranstaltung unserer Neunmalweisen sogar möglich gemacht hat, dass diese armen Tröpfe, diese guten lieben Kerle, euere Söhne, euere Neffen, euere jüngern Brüder, wohl gar in die Kirchen der Ketzer commandirt werden und ihr