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ihr's denn nicht schon? Vierundzwanzig steinreiche Herren und Damen wollen sich jetzt einschliessen und vierzehn Tage lang nichts tun, als hier fasten und beten!

Herr Pfarrer, die, die nicht zu arbeiten brauchen, die können daswollte der Moorbauer einschalten und tat es auch halb ...

Bitte –! unterbrach Müllenhoff, als wenn er denn doch allein jetzt das Wort hätte ...

Der Moorbauer schwieg und blickte scheu zu Boden ...

Vom Tanzfuhr Müllenhoff fort mit wechselnden Zügen aus der Pfeifevom Tanz kommt alles Elend der Gemeinden her! Herr Gott im Himmel, sollte man glauben, dass in einem land wie dem unserigen, wo die Schüler der Apostel selber gewandelt sind und wo wir bis auf den heutigen Tag den Ruhm behauptet haben, uns Gottes Augapfel nennen zu dürfen von wegen unsers Zusammenhaltens gegen Ketzer und Ketzergenossen, doch das tollste und lustigste Leben sich erhält und die Schenken nicht leer, die Tanzböden zerstampft werden, dass nur die Dielen so krachen! Hunde sind das, die der bessern Mahnung entgegenbellenaus euern verstockten Herzen; selbst dann schon wieder bellen, wenn ihnen der Mund noch nicht trocken ist von dem gesegneten leib des Herrn, den sie Vormittags genossen! Nachmittags auf dem Tanzboden ist alles, alles, alles verdaut! Schändlicher Frevel, zu sagen, dass ja David auch getanzt hat vor der Bundeslade, wie ich schon einmal von Euch, Finkenmüller, habe hören müssen! David hat getanzt, das ist wahr; aber David war lange Zeit ein König, wie meist die unserigen auch sind, zum Gotterbarmen! David war ein solcher Sünder, dass Gott nur um der allweisen Absicht willen, gerade aus seinem Stamm das Heil der Welt zu erwecken, diesen gekrönten Räuber, diesen purpurgekleideten Mörder, diesen ruchlosen Ballettänzer so lange hat leben lassen! Es ist wahr, David ging dann in sich und hat später die lieblichen Psalmen gedichtet zum Lobe des Herrn, aber nur als die fürchterlichste Reue und Busse über ihn gekommen war und ihn das zerknirschendste Beichtbedürfniss an das Ohr gottgesalbter Priester trieb und er in jammervollster Trauer sich auf dem Beichtschemel wand und ausrief: Herr, wo soll ich mich vor dir verbergen? Flieh' ich gegen Abend, so bist du da, und flieh' ich gegen Morgen, so bist du auch da! ... Menschen! Männer von Westerhof! – (Müllenhoff legte nun die Pfeife weg) Was hat denn den heiligen Johannes um seinen Kopf gebracht, als der sündenvolle, gottverfluchte Tanz! Herodias, diese Tochter Belials, tanzte sie nicht so wollüstig vor dem Auge des kindesmörderischen Herodes, dass ihr dieser saubre Souverän jede Gnade gestattete, die sie sich erbitten würde? Und was tat diese würdige Tochter ihrer Mutter, die die Maitresse des Herodes war und förmlich zur Nachfolgerin ihrer Mutter erzogen wurde? Diese Creatur verlangte nichts schlechteres, als ein heiliges Märtyrerhaupt! Gerade wie ein neues Kleid oder wie jetzt solches Gelichter von den neuen Herodessen Anstellungen für ihren Bruder oder ihren Buhlen im Steuerfach oder im diplomatischen verlangen würde! Du Gekreuzigter! Warum verlangten die beiden Weibsbilder gleich ein Märtyrerhaupt? Weil der gebenedeite Freund unsers heiligsten Erlösers in der Wüste predigte, dass die Juden Busse tun, nicht mehr fluchen, saufen, Karten spielen und tanzen sollten! Fragt doch nur einmal euere Töchter, fragt doch nur einmal euere Weiber, euere Mägde, wenn sie im Finkenhof gerast haben und mit den Burschen zur Seite gehen mit blutroten Wangen, fragt sie, ob sie nicht mit Freuden auf einer Schüssel auch den Kopf ihres Pfarrers herumpräsentiren könnten, wenn sie auf sein Geheiss dem pfaffen von Ystrup, euerm jahrhundertjährigen Allerheiligsten, entsagen sollten? Und wozu streichen denn die Teufel ihre Violinen? Wozu säet denn der Versucher die Töne wie Hanfsamen aus? Was will er denn fangen in seinem Tanzbodenstrich? Vögel für die Hölle! O dann kommen die Mädchen, etwa fünf Monate nach so einem "pfaffen von Ystrup", in den Beichtstuhl! Sonst schlank wie die Pfeifenstiele, jetzt wie die Bassgeigen, weil die Sünde zu Tage kommt! Dann, dann möchten sie nicht Euern Tanzboden, sondern Euere Mühlsteine haben, Finkenmüller, um sich in der Witobach zu ersäufen, da wo sie am tiefsten ist!

Der Finkenmüller wurde gereizt, zerdrückte seine Kappe und sagte, seines Amtes wär' es, die Rechte beisammen zu halten, die auf seinem Gute hafteten. Ihm könnte die Mühle genügen; aber da er beim Erwerb des Finkenhofs das Recht zu schenken und aufspielen zu lassen mit bezahlt, auch Steuer und Zehnten darauf genug zu geben hätte, so würde er erst auf seine Abfindung anzutragen haben, falls das durchginge, dass hier die jungen Leute jetzt in den Kirchen vor dem hochwürdigsten Gut förmlich beschwören sollten, nicht mehr zu tanzen ... Müllenhoff loderte so auf, als würde schon das hochwürdigste Gut als blosses Wort in solchem mund verunreinigt. Er schwieg, sah sich aber um, wie nach einem Donnerkeil aus Rom. Da suchte der Meier zu vermitteln ... Wie denn auch den Leuten erst zu beweisen wäre, sagte der Meier mit seiner stimme, dass sie etwas Unehrbares trieben! Die hohen Herrschaften tanzen alle und geschieht's in Ehren, Herr Pfarrer, so kann dabei auch keine Sünde sein ... Und der Moorbauer berief sich sogar auf den Widerspruch aller Mütter, selbst der ehrbarsten ... Die Väter, meinte er, wissen wohl, der Tanz