1858_Gutzkow_031_404.txt

sagte aber zuletzt:

Der Schreiber vom Herrn Landrat!

So? Also an ketzerisches Volk wendet man sich hier? ...

Damit schnitt er sich eine Feder zum Zahnstochern ...

Der Schreiber ist ja katolisch! ... hiess es.

Und er schrieb's bei mir ... ergänzte der Finkenmüller ...

Aha! Aha! Drum riecht das Papier so nach Taback und Branntewein! ... Nun gut! ... Wir werden's ja sehen ... Was steht denn nun hier?

Im Grund war Müllenhoff froh, wieder auf die Art in sein rechtes polemisches Fahrwasser zu kommen ...

Er las das Geschriebene und begleitete jeden Satz mit einem ironischen: Ei, ei! Sieh! Sieh! Auch gut! Bravo! ... allmählich kam er in ein lauteres Lesen und trug vor:

– – "Und da wir Leute von Westerhof doch wenigstens bei unserer gnädigsten Gutsherrschaft verbleiben werden und keine Gefahr ist, bei der grossen und bevorstehenden Umänderung der Verhältnisse mit den andern Gütern an die fremde Linie zu kommen, so stehen wir auch für unsere Rechte und Pflichten ein. Wenn auch hochgräfliche Gnaden sollten den Schleier nehmen und ihr gottseliges, wunderbares Leben im Kloster zu beschliessen wünschen, so hat uns Herr von Hülleshoven doch versichert, dass er die Verwaltung wie bisher fortführen und sorgen würde, dass rechtgläubige Seelen hier an ihrem ewigen Heil keinen Schaden nehmen. (So? – unterbrach sich der Lesendedafür kann der Herr von Hülleshoven sorgen?) Auch hat der Herr Referendar Benno von Asselyn alles geordnet, was bei diesen Aenderungen sowohl der Landschaft wie der Kirche an Rechten vorbehalten bleiben muss, selbst bis auf das Waldleseholz in dem von Herrn Tiebold de Jonge verkauften wald, wo Herr von Terschka sich bereit fanden zur Abkaufung mit einer namhaften Summe ein für allemal, die nun unsern Armenkassen zugute kommt. Herr von Asselyn hat im Namen des Herrn Oberprocurators Nück nicht nachgelassen, dass der Finkenhof nach wie vor 47 Taler 20 Groschen 7 Pfennige jährlich an das Rochusspital in Witoborn zu entrichten hat, was Finkenmüller nicht auftreiben kann, wenn ihm der Tanz abgesagt wird –"

Aha! Da platzt die Bombe! schloss vorläufig der Pfarrer und stocherte die Zähne.

Ja, das kann ich nicht! polterte der Finkenmüller seine so lange verhaltene Stimmung rundweg und bestimmt heraus ...

Müllenhoff las wieder für sich und langsamer. Er stopfte sich dabei in aller Gemütlichkeit eine Pfeife, während der Bogen auf dem Tische lag und von seinen feurig lebendigen Augen in weitester Distanz gelesen wurde ...

"Fünftens, begann er dann wieder, ist der 'Pfaffe von Ystrup' ein Lieblingstanz der Leute, der seit hundert Jahren hier zu Land getanzt wird. Sechstens sind die Jünglings- und Jungfrauenbündnisse schon deshalb eine reine Unmöglichkeit, weil jedes Gemeindeglied nicht bloss einer, sondern schon mehreren Bruderschaften angehört undmit der grössten Ruhe zog Müllenhoff schon den Rauch seiner Pfeife ander Fleiss und die Arbeit schon genug darunter leiden. Siebentens wollen die Musikanten auch leben und fallen sie, wenn sie nahrungslos sind, der Gemeinde zur Last. Achtens bitten wir, den buckeligen Stammer vom Kirchenbann zu befreien, damitwieder tat er einige Zügeder Krüppel sich sein Brot verdienen kann, seitdem er von Schloss Neuhof weggejagt und nun eigentlich hierher gehört, wo er geboren ist. Neuntens bitten wir, nicht immer die Frau Schmeling ungebührlich auf der Kanzel zu nennen (jetzt stellte Müllenhoff die Pfeife als verstopft hinweg: diese Hebamme reizte ihn am meisten), da die Frau ehrlich ist und alle, die hier leben, durch sie in die Welt gekommen sind! Zehntens ersuchen wir den Herrn Pfarrer, unter allen Umständen auch ins Rügengericht und den Kirchenconvent zu treten, damit wir von dieser ganzen neuen Reformation nicht den Aerger allein haben."

Ist das nun alles? sagte Müllenhoff und holte sich aufs neue die Pfeife, die er wieder anzündete.

Ja! war die einstimmige Antwort der Männer ... Sie lautete fest, aber doch treuherzig. Und durcheinander gingen die Versicherungen der sich Erhebenden, dass sie alle in Güte und in bester Hoffnung auf ein schönes Zusammenwirken und kräftiges Zusammenleben hierher gekommen wären ...

Ruhe! sprach Müllenhoff mit aller Fassung, machte sich einen Fidibus, zündete wieder an und fuhr dann in den Intervallen des Rauchens fort:

Dass ich mich nur nicht vergriffen habe und da euere Staatsschrift nahm –? Nein! Gott sei Dank! Na, setzt euch jetzt wieder! Also das ist denn nun auch etwas, dergleichen zu erleben in einer Zeit, wo die Gesalbten des Herrn in Kerkern schmachten, der Heilige Vater in Rom auf die Treue seiner Kinder zählt und diese Herrschaften hier in die hände der Ungläubigen kommen sollen!

Nicht Westerhof! – fiel man einstimmig auf den sich fast für überwunden gebenden Ton des Pfarrers ein ...

So! entgegnete Müllenhoff und zog den Brand seiner Pfeife an. Männer, ihr redet, wie ihr's versteht! Geht die Comtesse ins Kloster, wie lange macht denn der Herr von Hülleshoven noch, derfür euere Seelen gutsagen will? Wird ihn nicht der Aerger um seinen Bruder und die Schwägerin, die hierher ziehen und sich gegenseitig zum Tort leben wollen, schon unters Grab bringen? Wer bürgt uns, dass sich die Zustände hier über Nacht nicht sämmtlich ändern! Leute, Leute, nehmt ein Beispielan den Vornehmen selbst! Wisst