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hörten gleichzeitig eine Todtenmesse, die in sankt-Libori gehalten wurde. Das unausgesprochene, aber laute geheimnis über diesen wilden Nachbar lag seit Jahren schwer und drückend auf allen Gemütern und wohl empfand man mit atemloser Beklemmung, wie ein einziger Mensch so einen ganzen Landstrich und tausend Herzen in Beunruhigung hatte versetzen können. Im Mittelalter war alles das gewöhnlich. Auch jetzt noch hatte man ein Gefühl, dass im Lutterberge, dem Fegfeuer des dortigen Adels, eine Seele vergebens auf Erlösung harrte. Nach Armgart's uns bekannten Zeichnungen flog hier ein geflügeltes Kreuz im Gottesherzen nicht aufwärts, den Flammen der göttlichen Liebe zu, sondern kopfüber geradeswegs zur Hölle.

Da ein ganzer Volksstrom zum Gebirge hinaus war, um dem prächtigen, von den Franciscanern begleiteten Leichenconduct beizuwohnen, so war die Kirche nur wenig besucht und ausschliesslich von der vornehmen Welt. Zu dieser Sphäre stand Norbert MüllenhoffBonaventura war beim Leichenbegängnissin einem gleichsam nur hinter dem rücken derselben strengen und schroffen verhältnis. Hinterrücks hatte er alle Floskeln von "breiweicher Sentimentalität", "Empfindungsrührei", "Stunden der Andachtspinselei", "Lavendel-Christentum", immer in Bereitschaft, aber ein Schwindel überkam ihn, davon etwas in unmittelbarer Gegenwart der hier ohnehin höchst andächtig gestimmten Vornehmheit selbst anzuwenden. Und heute war ihm förmlich beklommen zu Mute; denn er hatte eine Einladung nach Witoborn erhalten zu einer hochfrommen Frau von Sikking, die mit ihm eine Beratung anstellen wollte über die auf Ostern hin zum ersten male hier zu land zu versuchenden "Exercitien". Ein ganzer Kreis vornehmer Gläubigen von nah und fern wollte zusammentreten und in einem von Frau von Sicking bewohnten, zwischen Witoborn und Westerhof gelegenen Landsitz zum ersten male vierzehn Tage lang bei verschlossener Eingangspforte desselben unter geistlicher Oberleitung religiösen Uebungen obliegen. Die Dame entschuldigte ihre Nichtanwesenheit in der Kirche und bat den Herrn Pfarrer bei ihr zu Mittag zu speisen und das Nähere gemeinschaftlich zu besprechen ...

Müllenhoff war von dem Wohlgeruch des feinen Billets ganz betäubt und verrichtete seinen Gottesdienst mit einer Zerstreuung, die ihm sogar die Anwesenheit des Schulmeisters als Messners statt Tübbikke's gleichgültig machte, ja ruhig mit anhören liess, dass der Schulmeister berichtete: Tübbicke's Herzblättchen liegt auf den Tod; er ist nach Witoborn und will, wenn nichts hilft, nach dem Schloss und die Gräfin um hülfe bitten! ...

Gräfin Paula, die Kranke durch Gebet und Berührung heilte, war in der Kirche anwesend. Armgart sass neben ihr, das ganze Stift und Tante Benigna. Ja er hörte, dass der Zeichner des Teppichs, Herr Dr. Laurenz Püttmeier, der berühmte "Philosoph von Eschede", auch der Messe heute zuhörte, die auf dem von ihm gezeichneten Teppich gelesen wurde ... Einigemal verklingelten sich die Ministranten ... aber Müllenhoff liess alles geschehen ... Er dachte nur an die Einladung der Frau von Sicking, an Exercitien mit Höhergebildeten ...

Nach der Messe war es schon elf Uhr, die Baronin erwartete ihn um zwei; er eilte etwas zu frühstücken und dann rasch noch etwas die bekannte Anleitung zu Exercitien von Ignaz Loyola durchzusehen ...

Es war schon still und einsam um die Kirche her. Der Schulmeister begleitete ihn und erzählte, dass Tübbicke schon den "Bruder Strasburger" auf dem schloss untergebracht hätte. Müllenhoff hörte nichts, zog nur das zarte Billet aus der tasche und atmete seinen Duft ein ... Frau von Sicking war eine der gottseligsten Witwen der Gegend, noch höchst anmutig, sehr reich und sehr selbständig ... Er musste mit sich kämpfen, in der Praxis dasselbe zu bleiben, was er mit der vornehmen Welt in der Teorie war.

Da geschah es zum Glück, dass die Katrein sagte:

Herr Pfarrer! Der Meier ist da, der Moorbauer, der Finkenmüller, der Hennicke und auch der Leiendekker!

Katrein musste das zweimal berichten ...

Nun besann er sich.

Es waren die Mitglieder des Kirchenconvents und des Rügengerichts ... Die Männer waren gekommen, weil heute doch die ganze Gegend feierte ... Es galt dem nun überall in Deutschland beginnenden ersten Ausbau des kirchlich-sittlichen Lebens und wenn auch Müllenhoff gern gehabt hätte, sein Vorgesetzter, der Domherr, wäre bei dieser Scene zugegen gewesen, so ergriff er doch die gelegenheit, den gefährlichen Schwindel, den ihm das Esbouquet der Frau von Sikking verursachte, jetzt männlich zu bekämpfen, ass sein Frühstück, gerührte Eier mit Schinken, hieb in das schwarze Brot hinein, trank einige Züge kräftigen Biers und trat in sein Empfangszimmer, wo ihn aus dem ehrerbietigen Grusse von fünf Männern "der verstockte Geist des ganzen Jahrhunderts" zum Kampfe herausforderte ...

Aha! Aha! rief er, mit der Serviette in der Hand und sich noch den Mund wischend, als er eintrat und die stehenden Männer aufforderte, sich zu setzen ...

Er fand fünf Männer, den Meier von Westerhof, den Finkenmüller, der das Wirtshaus zum Finkenhof hielt, den Moorbauer und zwei andere aus der Gemeinde, nicht zu gewaltige Gestalten, eher schmächtige, mit tief herabhängendem Haar über den kleinen Stirnen, im Auge eine etwas ungewisse und scheue Lebhaftigkeit ...

Der Meier überreichte ein langes Schreiben, worin er alle Punkte aufgesetzt hatte, die sie nach langem Streit endlich von ihrem Pfarrer beherzigt wünschten ...

Müllenhoff nahm das Papier, als wäre es ein alter schmutziger Lumpen, und fragte:

Wer hat das – – gesudelt?

Der Meier stockte,