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vor, dass die Fenster vernagelt wurden, wenn er zu heftig rief: Das ist ja Jérôme's Testament! Leute, so lasst doch meinem Sohn seinen Willen! Ich hab's ihm vom Seinigen zu geben versprechen müssen, schon damals, als er die Bachstelze nicht heiraten konnte –! Die Lisabet allein, die noch immer oben war, konnte ihn begütigen. Sie gab ihm die Versicherung, die Bachstelze liefe ja schon längst in der Welt mit andern ... Dann nahm er sich zusammen ... Er wurde zuweilen so ruhig, dass man ihm seine Freude gewähren konnte, eine Staatskutsche anspannen zu lassen, vier Pferde davor, Kutscher und Vorreiter in Galalivree, und so hinauszufahren in die Gegend. Alle seine Orden trug er dann, sass am offenen Schlage und nickte jedem. Fuhr man durch den Düsternbrook, an der Eiche vorüber, wo er den Deichgrafen erstochen hatte, nach Kloster Himmelpfort, wo er einst Klingsohrn untergebracht, nach Schloss Westerhof, wo er ehedem der Beherrscher aller Verhältnisse, Vormund Paula's gewesen war, durch Witoborn, wo der Rittmeister von Enkefuss an seinen Schlag trat und ihm so lange von den Flöhen seines Pudels sprach, bis der Sohn des Kronsyndikus, der Präsident, zuletzt seine ganze Verschuldung arrangirte: so lachte zwar jedermann, aber der vornehme, alte, weisshaarige Herr mit den riesigen Augenbrauen nahm alles für Wohlwollen, grüsste und griff in die tasche, um auch die Freundlichkeiten zu bezahlen. Er glaubte durch Geld alles machen zu können. Seine Wächter nahmen ihm das Geld ab und erklärten, es später berichtigen zu wollen, womit er sich auch zufrieden gab. Von seiner Vergangenheit erschreckte ihn nichts. Er konnte im Düsternbrook die alte im Absterben begriffene Eiche sehen, an der sein Opfer niedergesunken war, und blieb sich in seiner immer zufriedenen Haltung gleich. Das Gedächtniss verliess ihn fast gänzlich. Wenn es da und dort in voller Helle noch dies und jenes Vergangene beleuchtete, knüpfte er Handlungen daran, die mit den Verhältnissen in keinem Zusammenhange standen. So erkannte er vollkommen wieder jenen Pfarrer von Eibendorf, Herrn Huber, der nach Witoborn als Pfarrer der dortigen kleinen, aber gut dotirten evangelischen Gemeinde versetzt war. Bei diesem liess er oft seinen Vierspänner vorm haus halten, liess sich von den Kindern, wenn Herr Huber selbst nicht da war, die Harmonica spielen, die seinen Sohn Jérôme so oft beruhigt hatte, fragte sogar Madame Huber nach der Bachstelze und übergab kurz vor seinem tod dem Pfarrer ein Testament mit dem heimlichen Bedeuten, es wäre seine wahre letzte Willensmeinung und nach seinem tod dürfte nichts anderes vollzogen werden, als was er in diesen Blättern niedergeschrieben hätte. Er erteilte darin Pensionen an alle Welt, ja an Namen, die schon lange in seiner Gegenwart niemand mehr nannte. So an den Bruder Hubertus, "meinen ehemaligen Jäger, obgleich er mir viel wild gestohlen", jährlich 10000 Taler; an Dr. Klingsohr, "wenn er exemplarisch lebt und seiner Mutter Ehre macht, ein für allemal 100000 Taler"; an eine gewisse Lucinde Schwarz, "aus der Familie derer, die das Pulver erfunden haben", "alle Kleider von meinen ehemaligen Maitressen, wenn sie dieselben in der Komödie brauchen kann"; an den Musikus Stammer "das Gnadenbrot und eine ehrenvolle Versorgung, wenn er sämmtliche Kinder von mir anständig erziehen und unterrichten will"; ... dem Küfer Stephan Lengenich "geb' ich 100000 Taler, unter der Bedingung, dass er die Lisabet heiratet und die Hochzeit auf dem Finkenhof ausgerichtet wird, wo ich alles freihalten werde" ... "Ansprüche meiner zweiten Frau erkenn' ich nicht an; auch wenn sie heiliggesprochen werden sollte" – "ihre Kinder soll Leo_Perl erziehen, aber wehe ihm, wenn er sie beschneiden lässt. Mein Freund, der Dechant von Asselyn bürgt mir dafür. Die Pension seiner Schwägerin, der Buschbeck, kann dafür verdoppelt werden" ... "Meine Dosen und Bilder vermach' ich meinem Freunde dem Dechanten Asselyn, aber ich wünsche, dass er weniger mit Juden, als mit Heiligen umgeht" ... "Seinem Bedienten Windhack hat er auf jeden Stern im Himmel in meinem Namen einen Taler zu legen, was Freiherrlich Wittekind'sche Kameralverwaltung berichtigen wird."

Pfarrer Huber schickte dies verworrene Geschreibsel an den Sohn des Testators und Universalerben, den Präsidenten ...

Die Untersuchung über die Ermordung des Deichgrafen war ein Jahr lang auf falscher Fährte geführt worden. Eine energische, gegen den Kronsyndikus gerichtete Wiederaufnahme hinderte die mannichfach verteilte Gerichtsbarkeit des hier einschlagenden, an mehrere Souveränetäten verteilten Terrains. Zuletzt trat der Geisteszustand des Schuldigen jeder Feststellung eines sichern Urteils entgegen. Im volk stand die Täterschaft des Kronsyndikus fest und Sagen gingen genug von einem Galgenrade, das er auf seinem Boden hätte aufstellen müssen, von einem Strick, den ihm der König unter seinem Ordensbande um den Hals zu tragen befohlen, von Geisterspuk und mitternächtigem Grauen aller Art. Der ringswohnende Adel ignorirte etwas nicht Erwiesenes; aber auch ohnehin war der Umgang mit dem schon lange gekennzeichneten mann seit Jahren abgebrochen. Bei alledem fehlte, des Präsidenten und der Verwandtschaft mit den Dorstes wegen, nicht ein äusserer Anteil an dem Leichenbegängnisse. Der Kronsyndikus wurde im Familienbegräbniss der reichen Klosterkirche Himmelpfort beigesetzt. Dem Trauerzuge, der ihn von Schloss Neuhof abholen sollte, wohnte der Adel der Umgegend bei. Die Frauen, vorzugsweise die Damen des Stiftes Heiligenkreuz und die weiblichen Bewohner des Schlosses Westerhof,