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aber Madame Schmeling hätte gesagt, dass es nichts auf sich hätte ...

Doctert die also auch, die holdwerteste! liess Müllenhoff einfallen ...

Schon war er weiter voraus, während der alte Tübbicke seinem Schutzbefohlenen still die Schulter klopfte und das Seinige zu tun versprach, ihn auf dem schloss zu empfehlen ...

Frau Schmeling aber war eine Landhebamme, mit der Müllenhoff gleichfalls im offenen Kriege lebte. Die Frau war an sich die Religiosität selbst. Sie verteilte Bilder, Amulette und Rosenkränze zur Unterstützung aller der Zustände, die auf ihre hülfe angewiesen waren; sie riet jedem, zur heiligen Barbara zu beten während eines Gewitters, zu sankt-Florian und sankt-Antonius gegen Feuer, zu Antonius II. gegen wasser, zum heiligen Dionysius gegen Kopfschmerzen, zum heiligen Blasius gegen steifen Hals, zur heiligen Lucia gegen Augenleiden, zur heiligen Palonia gegen Zahnschmerzen, zum heiligen Dominicus gegen Fiebersfrost, zum heiligen Rochus gegen die Cholera, und ihre Kreissenden und ihre Gebärenden hatten als zwei ihr immer assistirende Hebärzte im Himmel den heiligen Ramon und den heiligen Lazarus, aller der Marienbilder nicht zu gedenken, die unter jenem alten Gemäuer, in dieser alten blitzzerschlagenen Eiche, da und dort eine traditionelle Kraft für die wichtigsten Vorkommnisse im Frauenleben hatten und durch ein "gestiftetes" Lichtchen gerade ebenso zu sympatetischen Curen gebraucht wurden, wie die in Schiller und Goete lebende Bildung sich manchmal auch mit Sympatie die Rose vertreiben lässt. Alles, was nur zum christlichen Heidentume gehörte, war in üppigster Blüte bei Frau Schmeling und tot zu schlagen hätte sie angeraten jeden Ketzer, der bei einer Procession vor dem hochwürdigsten Gute nicht wenigstens den Hut abgenommen. Aber über alle diese Dämmerungszustände fehlte der Frau, wie der ganzen Bevölkerung, das teoretische, klare, formelle Bewusstsein. Sie meinte, trotz aller Aves und Rosenkränze liesse sich die Lust am Leben lieben. Die jungen Bursche hier ringsum, stattlichen Aussehens, waren drei Jahre im Kriegsheere gewesen und brachten fröhliche Welt, Leben und Lebenlassen heim. Nun sollten auf Müllenhoff's und vieler hoher Herrschaften Betrieb ein Jünglingsbund und ein Jungfrauenbund gestiftet werden und sich alles verpflichten, nicht zu fluchen, nicht zu trinken, nicht zu tanzen und besonders den Finkenhof nicht mehr zu besuchen. Da war Frau Schmeling eine Gegnerin des eifernden Pfarrers geworden. Ohne den Finkenhof gibt es keine Geburten mehr! fuhr sie Müllenhoff an, als sie gelegentlich von einer Nottaufe, die sie verrichtet hatte an einem sterbenden kind, Bericht erstattete und mit aufrichtiger Beredsamkeit auseinandersetzte, dass die Musikanten auch Menschen wären und auch etwas verdienen müssten. Ja sie liess sich bei ihren sechzig Jahren nicht von dem jungen Pfarrer abkanzeln und mit "sittenlosem Weibsbild" tractiren. Sie sagte, dass es Familienväter genug gäbe, die ihren Söhnen lieber statt Taschengeld die erlaubnis erteilten, sich's im Kegelspiel selbst zu verdienen, genug Familienmütter, die mit sechs bis sieben stattlichen Töchtern gesegnet wären und den Tanzboden für die beste gelegenheit halten m ü ss t e n , sie loszuwerden ... Von dieser Frau konnte Müllenhoff nichts hören, ohne im höchsten Grade gereizt zu werden.

Er war noch nicht in sein Studirzimmer getreten, als der alte Tübbicke schon mit einer der Mägde, die für ihn und den Pfarrer sorgten, darüber einverstanden war, dass der Freund seines Sohnes vorläufig gleich zu Mittag bleiben sollte ...

Müllenhoff fand Briefschaften vor und liess den Ankömmling ausser Acht ...

Es war dies aber ein williger Mann, dieser Herr Dionysius Schneid aus Strasburg, der sich jeder Arbeit unterzog. Einen Beistand bedurften der alte Tübbicke und die Katrein; der Domherr wohnte nicht auf dem Schloss, sondern hier in seinem geistlichen haus von sankt-Libori oben im ersten Stock; zu den jetzt doppelt notwendigen Hülfsleistungen fehlten die hände ... Aber war auch der Herr Dionysius Schneid schon etwas steif und schwerfällig, so war er doch keineswegs unbrauchbar, ob im Stall des Schlosses für die Pferde oder im Hausdienst zum Spalten des Holzes oder zur hülfe in der Küche oder selbst zur Pflege einer herrschaftlichen Garderobeja er wurde zuletzt auf das Schloss empfohlen und dort wirklich angenommen.

Wenn auch für Westerhof grosse Veränderungen bevorstanden, an Leben und Bewegung fehlte es nicht, und besonders da gerade jetzt, an demselben Sonntage, nach der Heimfahrt von der Kirche, alle Herrschaften, die in der Kirche gewesen waren, von der wenn auch nicht überraschenden, doch gerade für Schloss Westerhof nicht bedeutungslosen Nachricht empfangen wurden, dass in verwichener Nacht der Onkel der Comtesse Paula, der Kronsyndikus von Wittekind-Neuhof, gestorben war.

2.

Am Mittwoch nach diesem Sonntag Quinquagesimä war es, als die stille kalte Winterluft auf Meilen in der Runde von leisen Klagetönen erzitterte ...

Der Kronsyndikus von Wittekind-Neuhof sollte gegen Mittag begraben werden ... Die Glocken aller Kirchen ringsum waren an diesem Trauertage beteiligt ...

Denn welchem Heiligen, welchem Altar war nicht eine Spende zugeflossen von Schloss Neuhof herab in den letzten Lebensjahren seines Besitzers?

Der alte lange klapperdürre Herr hatte die wunderderliche Grille gehabt zu glauben, dass er im Leben jedermann beleidigt hätte. Er trachtete danach, sich vor seinem tod auch mit jedermann auszusöhnen. Tage lang stand er oben in den Bergen an den Fenstern seines hochherrlichen Schlosses Neuhof, winkte den Vorübergehenden und warf ihnen blanke Taler hinunter, nur damit sie sagen sollten: Ganz gehorsamsten Dank, Excellenz! Schon lange waren Wächter bestellt, die seiner Verschwendung Einhalt tun mussten. Es kam