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donnerte gegen den "vornehmen Kirchenpöbel", der während der Messe nicht knieen wollte oder, wenn er knieete, nur so eine leise Andeutung machte, als wäre "Gott eine Excellenz oder eine Durchlaucht", vor der eine höfliche Verneigung genüge. "O diese kniesteifen Heiden!" rief er dann wohl, wieder zu den Bauern zurücklenkend, aus; "man sollte sie nur sehen, wenn sie Kegel schieben und dabei die Beine wie mit Oel geschmiert ausgrätschen könnendass dich! – als hätten sie's von den Possenreissern gelernt auf dem Liborimarkt zu Witoborn!" Sanft und lieblich und wie mit Lerchentrillern aufsteigend schilderte er dann wieder ein wahrhaft frommes Leben, das alle Ceremonien wie ein gutgeartetes Kind mitmachte; aber gleich schlug er wieder mit Hämmern drein, wenn es "klapperdürren Vorurteilen" galt oder "fadenscheinigem Tagesruhm". Wie der heilige Augustinus sagte er: "Die Menschen lieb' ich, aber ihre Irrtümer schlag' ich t o d t !" – eine Procedur, gegen welche selbst Onkel Levinus im Abendgespräch auf Schloss Westerhof geltend machte, dass der Herr Pfarrer auf die Art denn doch wohl auch manchmal in die Lage jenes Bären kommen könnte, der auf der Stirn seines schlummernden Herrn die störende Fliege mit einem schweren Steine und somit ihn selbst erschlug.

Müssen Sie sich denn ewig in alles mischen? fuhr jetzt Müllenhoff heraus zu dem im Schnee hinter ihm hertrottenden Alten, der mit ihm in einem und demselben haus wohnte ...

Es würde, da Tübbicke zu erwidern liebte, unfehlbar zu lebhafterer Discussion gekommen sein, wenn nicht eben aus den kahlen, schneegepuderten Gebüschen jemand herausgetreten wäre, der, halb dem davonfliegenden Schlitten nachschielend, halb die Ankommenden und auf das Pfarrhaus Zugehenden höflich begrüssend, mit scheuer Unterwürfigkeit einen Brief in die Höhe gehalten hätte, den sofort der Pfarrer ergriff ...

Der Fremde sprach mit etwas fremdartigem Accent:

Erlaubnis, Herr –!

Er deutete auf den Alten, dem der Brief bestimmt war ...

Müllenhoff las die Aufschrift und gab den Brief an Tübbicke ...

Er musterte schon den Fremden von oben bis unten ...

Von Ihrem Herrn Sohnin Witobornwenn ich die Ehre habeHerrn Tübbicke –? sprach dieser mit einer eigentümlichen Betonung ...

Müllenhoff ging weiter und murmelte:

Aha! Vom maître-tailleur –!

Auch die andern schritten, sich ihm anschliessend, dein Pfarrhause zu und der Messner suchte mit den Worten: Von meinem Sohn? Was ist denn nur? Was soll es denn? eifrigst nach seiner Brille ...

Ich werde lesen! wandte sich Müllenhoff und erbot sich, den Inhalt mitzuteilen, da Tübbicke nicht sofort die Brille finden konnte ...

Bitte, Herr Pfarrersagte dieser zögernd ...

Einige Raben krächzten, flogen auf und schüttelten den Schnee von den Zweigen, auf denen sie gesessen hatten, und gerade auf den Brief ...

"Liber Vater!" las schon Müllenhoff und unterbrach sich sofort: Schreibt der Kerl "Lieber" ohne E! – "Lieber Vater! Dieser überbringer" – "Ueberbringer" klein! – "ist ein guter Freund zu mir!" – "Zu mir"! Das ist wohl ein Ueberbleibsel aus Paris? – "Es ist ein gelernter Friseur" – Sieh! Sieh! Das Wort schreibt er richtig! – "und sucht ein Enkagement" – Heidengugguck! Der Franzos! – "wo möglich bei grossen herrschaften als Bedienter" – Klein die "Herrschaften", obgleich er sie "gross" nennt; Bedienter gross! Reiner Communismus! – "Lieber vater" – sankt-Libori! Was ist hier das Schulwesen vernachlässigt! – "Könnten Sie es machen, so recomman –" – Brich dir den Hals nicht! – "tiren Sie ihn auf das Schloss" – als LaLaLagay! ... Geier! Als Lakai! ... "Tante Schmeling" – Aha! "Lässt grüssen und sorgen Sie doch bei DemSie wissen schon von wegen!" – Das bin ich? – "Fanchon ist recht krank, wenn's nur nichts auf sich hat" – Wer ist Fanchon? Eine Hündin, die geworfen hatvon wegen der Schmeling –?

Jesus Maria! rief der Alte. Mein Enkelchen!

Ist Fanchon krank? – wandte er sich zu dem Ueberbringer ...

Dieser war teils mit gespanntester Aufmerksamkeit der Vorlesung des Briefes, teils den Zwischenreden des gestrengen Herrn Pfarrers gefolgt und fand sich nicht sogleich zurecht ...

Mein Herzblättchen?! Steht denn nichts weiter im Briefe, Herr Pfarrer? ... rief Tübbicke ...

Fanchon! Fanchon! Hat den Namen hier ein christlicher Pfarrer gegeben?

Franziska! Herr Pfarrer! Das Kind ist mein Augapfel!

Der Fremde, der einen wassergrünen Winterrock von langhaarigem Flaus trug, eine tief in die Augen gedrückte Pelzkappe, einen roten Shawl um den Hals geschlungen, Pelzhandschuhe und Filzüberschuhe an den Füssen, gab die Auskunft, dass er eigentlich auf einer Reise nach Polen begriffen wäre, aber gern auch hier bleiben würde, wenn er Condition finden könnteHerr Tübbicke wäre eine alte Bekanntschaft von ihm aus Pariser hätte ihm seine Fürsprache empfohlen für die herrschaft auf dem schlosser könne "frisir", spräche französisch, könne auch Pferde "dressir'" – Fanchon hätte sich erkältet, läge im Bette