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mit Rotwein und machte, dass ihre Mutter, die hineingriff, um das teuere Kleid zu retten, sich mit den Scherben einer zertrümmerten Flasche empfindlich in die Hand schnitt. Die Verwirrung war so gross, dass nicht viel gefehlt hätte, der Kronsyndikus wäre seinerseits aus der Rolle gefallen und hätte nach dem ihm der Hunde wegen immer nahe liegenden Kantschu gegriffen und den Sohn vor allen Leuten durchgebläut. Denn dass dieser der Anstifter, war sogleich erkannt ... Die Tafel war zu Ende. Die Tüngel-Appelhülsens reisten ab, die Tüngel-Aus-dem-Winkel folgten, dann die Hülleshoven, die Ubbelohdes, Graf Münnich, die vornehmsten von allen, die DorsteCamphausens, eines nach dem andern ...

Lucinde, die von ganz andern Gedankenreihen bewegt war, hatte zu alledem noch die lästige Aufgabe, die Furcht des Kammerherrn, der sich nun nicht getraute ins Schloss zurückzukehren, zu beschwichtigen. Der Vater liess sich nicht sehen, ein Omen, worüber der Schuldbewusste in Angst geriet. Zuletzt musste sie sich selbst entschliessen, in der schon eingebrochenen Dunkelheit den weiten Weg nach dem Schlosshof ihn zurückzubegleiten und ihn unter vielen Umständlichkeiten und gewagten Scherzen ihrerseits mit dem Alten auszusöhnen.

Glücklicherweise war aber der Kronsyndikus nicht allzu heftig ergrimmt. Bei solchen Familienconventen gab es immer Zank; ihm kam jede Lebensäusserung der ihm doch Gleichgestellten anmassend vor. Da wurden Erinnerungen durchgesprochen, die ihn verstimmten; alte Wunden riss man auf, die kaum nach einer Generation ganz vernarbt waren; wieder sah er, wie alles ihn hasste und fürchtete. Dann beschäftigte ihn mit Meldungen aller Art die "Regulirung", die schon zu einem Schreckgespenst für ihn und das ganze Schloss geworden war, da sie ihn in Sinnen und Brüten bis zur Abwesenheit mehr treiben konnte als die Narrheit seines Sohnes.

Die gute Stunde, von dem Doctor Klingsohr zu sprechen, war noch nicht gekommen, wenn auch der Abend leidlich vorüberging und die Aeusserungen des Kronsyndikus: "Ja, Lucinde, mit Portiuncula ist's nun nichts!" öfter wiederholt wurden und ganz harmlos herauskamen.

Klingsohr jedoch erschien wieder und wieder ...

Noch mehr, er machte seine Drohung wahr, sich "auch als Original" zu zeigen.

Welches die geistige Verwandtschaft zwischen ihm und dem Kammerherrn war, begriff Lucinde nicht: aber seltsam genug, dass auch bei dieser ihr dargebrachten neuen Verehrung ein Bedürfniss zu grund zu liegen schien, in ihr mehr zu sehen, als sie sich selbst erscheinen konnte. Auch Klingsohr schmückte sie phantastisch aus und überhäufte sie mit dem Reize von Schönheiten, die sie trotz ihrer Eitelkeit als reine Erdichtung erkennen musste. Auch ihm wurde sie zur Erscheinung, die bald dem Reiche der Luft, bald dem wasser angehörte. Bald war sie Sylphe, bald Undine. Sie sollte wohl glauben, dass es ihr eigener Wert war, der sie den Männern so erscheinen liess.

Es brach die Zeit eines wunderbaren Rausches für sie an, eines Zustandes, den sie in dieser Art noch nicht gekannt hatte. Sie hatte die üble wirkung beobachtet, die schon die Nennung des Namens Heinrich Klingsohr im schloss hervorbrachte. Der Kammerherr lohte in Eifersucht auf, der Kronsyndikus sprach nur von der "undankbaren Bande" und bestätigte nicht nur alles, was Heinrich ihr von der Vergangenheit über ihn und den Vater gleich beim ersten Zusammentreffen erzählt hatte, sondern was sie auch aus dunkeln Andeutungen des verschwiegenen alten Paares, bei dem sie wohnte, von vergangenen und vielbewegt gewesenen Tagen entnehmen konnte.

Ja! ich habe den Schlingel auf meinen Knien geschaukelt! sagte der Kronsyndikus, als vom Doctor die Rede war. Ich habe auch die Frau erhalten, als der Elende in die Wälder lief und Aufruhr predigte. Ich habe den Pacht mir durch meinen Eifer selber verdienen müssen. Und dieser Hund will jetzt Herr über das ganze Land werden? – Fritzer meinte den RegierungsratFritz nimmt ihn auch noch in Schutz! Alle die Leute hier! Mein eigener Schwager, Graf Joseph! Aber im Düsternbrook, das sag' ich, lass' ich mich nicht um eine Hand breit aus dem alten Nutzen bringen, das schwör' ich, oder ich will in alle Ewigkeit nicht aus dem Lutterberg bei Witoborn herauskommen!

Er meinte damit: aus dem Fegfeuer; denn man glaubt in jener Gegend, dass in diesem Berge für den westfälischen Adel der Eingang zum Fegfeuer liegt.

Die Begegnung mit Stephan Lengenich war ihm natürlich auch sogleich bekannt geworden. Dieser arbeitete aber täglich frisch unten fort, fällte Stämme nach wie vor und hatte in dem Düsternbrook eine ganze Werkstatt eingerichtet. Planken und Bodeneinsätze lagen ringsum, frisch erst aus dem wald herausgehauen und gesägt.

Da Lucinden, die einige Geständnisse gemacht hatte, jede fernere Begegnung mit dem Doctor, der "zu allem nun auch noch seinen gelehrten Senf hinzugäbe", verboten wurde, so konnte sie mit ihm nur geheim zusammenkommen. Leider fand sie unter der Aufsicht der Alten, die mit ihr den Pavillon bewohnten und im allgemeinen mürrische und strenge Leute waren, Schwierigkeiten. Diese wuchsen so, dass sie ihren Entschluss, von allen diesen Fesseln, möchten sie für die Zukunft versprechen welches Glück sie wollten, sich frei zu machen, immermehr reifen liessen.

Ist denn das nicht die eigentliche und wahre natur des Mannes? sagte sie sich, wenn sie sich im geist Klingsohr's Bild entgegenhielt. Sind denn die Männer, die das Leben zu bezwingen verstehen, wirklich solche, wie sie uns in schönen Bildern