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er schlug den Nacht-Eilwagen, die Fahrpost, die Briefpost, die Diligence und mehrere landeskundige Hauderer als auszuwählende beste Retourgelegenheit vor. Die Tauben gab er leichter hin; die kosteten ihm ein "Schreckliches" an Erbsen und dem ganzen haus an Zeit. "Wer sich Tauben hält, ist immer ein verdorbener Millionär", war einer von den Sätzen, wie er dergleichen vor dreissig Jahren in sein Tagebuch zu schreiben pflegte.

Die Kutsche fährt ab; die Leute sehen ihr nach wie der Turn und Taxis'schen Post. Das Fremde kommt, das Fremde geht ... Gottlieb Schwarz steht vielleicht am längsten. Dann nimmt aber auch er erst nachdenklich noch eine Prise, die er sich "auch noch zu seinem Verderben" angewöhnt hat, und geht nunes ist Sonnabend Nachmittag, die seligste Zeit des Schullehrerlebensin die am Ende des Dorfes, vor dem grossen Berge liegende Fuhrmannsausspannung. Da pflegten die Fuhrleute und mehrere Conducteure der Turn und Taxis'schen Postcurse Vorspann, geistigen und leiblichen, zu nehmen. Es war immer eine muntere Welt dort; auch eine frankfurter Zeitung lag auf, die Lucindens Vater eifrig studirte, um auf den Ausbruch besserer zeiten gerüstet zu sein. Die zeiten, wo er im "Beiwagen" derselben gesucht hatte, ob nicht endlich seine letzten Einsendungen, die "Ferienphantasieen eines deutschen Dorfschullehrers", seine "jubel-Vorschläge zur Verbesserung der Volkserziehung", seine "Beobachtungen über die merkwürdige entwicklung eines Hagebuttenpfropfreises zur Erzielung veredelter Dornröschen", sein "Aufruf an die deutsche Nation zur Abschaffung des überflüssigen Dehnbuchstabens H", zum Abdruck gekommen waren, die lagen weit schon, weit, weit ... hinter ihm ... Um die Erinnerungen zu stopfen und sich gleichsam über die Versorgung seines Kindes zu freuen, trinkt er wohl heute einen Schoppen mehr von dem etwas schweren Bier, das die Fuhrleute lieben, ehe sie über den grossen Berg machen ... Wohl war es bedenklich, dass Gottlieb Schwarz unter ihnen mehr verkehrte, als seiner Stellung und besonders dem späten Heimwanken gut war, wenn Nachts die lieben Sterne blinkten und die vielen Brücklein von vier Bächen beachtet werden mussten, die da alle so still und kühl mit dem Leid der Menschen dahinfliessen.

2.

Und nun, da sitzt sie denn, die "lange Latte", die "Aufgespillerte", die "Dreege" (Magere), mit ihren um den kleinen Kopf gewundenen schwarzen Zöpfen, ganz das Abbild ihrer Mutter, einer Feldwebeltochter, deren Vater in der Residenz ein silbernes Porteépée hatte tragen dürfen und der sich unter dem "dummen Bauernvolk" als civilversorgter Kreissteueramtscontrolschreibereiassistent einen Steuerrat selbst gedünkt hatte. Trotzig und scheu, ängstlich und fest, nicht mit Absicht, sondern von natur so gemischt, hockte das halbreife Mädchen in einem verwaschenen ehemals rötlich gewesenen Kattunkleide, das ihr schon lange zu kurz und zu eng geworden war, in der Ecke der Kalesche, die langsam die Anhöhen hinaufschleicht, geführt von einem halbwüchsigen Burschen, der die Gäulesie waren gemietete, wie der Wagenschonen soll.

Die alte Dame, die ihr zuspricht sich nicht zu fürchten, sondern der glänzendsten und besten Schicksale gewiss zu sein, ist einem "Nachtmahr" nicht unähnlich. Wenigstens hat sie eine Nase, die in einer beständigen Neigung scheint auf das vorgestreckte Kinn einen zärtlichen Kuss zu drücken. Zwischendurch ist nach den allgemeinen Gesetzen der natur, insoweit sie sich auf die Bildung eines menschlichen Antlitzes erstrecken, bei dieser edlen Frau ein Mund anzunehmen; doch suchte man vergebens nach etwas, was wie zwei Lippen ausgesehen hätte. Sind wirklich die Versinnlichungen solcher Begriffe zwischen der liebevollen Nasen- und Kinnbegegnung der fremden Dame vorhanden, so presst sie doch die glückliche Inhaberin derselben so zusammen, dass sie nach oben in der Nase, nach unten im Kinn gleichsam mit aufgegangen scheinen. Versucht die Dame ferner, was sie oft tut, über die Oeffnung, die man Mund nennt, ein Lächeln zu zaubern, so sieht man einige Zähne, die wie die einsamen, geköpften Weidenstumpfe an den Bächlein standen, die man hier zu passiren hatte. Die Sprache der Dame ist hochdeutsch, soweit ein gewisses Röcheln und Schnurren unartikulirter Zwischentöne es erkennen lässt, sonst sogar was man gewählt nennt und "nicht frei von Bildung". Leider kommt diese Sprache aber so seltsam zu Gehör, als wenn jeder Satz sich in den inneren Gängen der Brust verliert. Wie die herabgelassene Eimerkette eines grossen Ziehbrunnens verrollten die hübschesten Anfänge ihrer Reden für das aufmerksame Ohr des sie zuweilen ebenso unheimlich anschielenden Kindes in dunkle und unverständliche Abgründe.

Den Namen ihrer Wohltäterin und ihren Stand kannte Lucinde, die bereits hinter Langen-Nauenheim der Bequemlichkeit wegen kurzweg in Henriette und hinter dem ersten Nachbardorfe schon noch kürzer in Jette umgetauft wurde. Sie fuhr mit der verwitweten Frau "Hauptmännin" von Buschbeck. Die Dame behauptete in der Nähe auf irgendeinem Rittergute Kapitalien liegen zu haben, welches "Liegen" sich Lucinde (oder müssen wir nun auch sagen Henriette?) ganz figürlich vorstellte. Beim Vorbeifahren an Langen-Nauenheim wollte die Frau Hauptmännin sich über den Dorfsegen ergötzt haben, der gerade aus dem Schulhause strömte, an den lachenden, fröhlichen Kindern, und am meisten hätte ihr "Lieb-Jettchens" Erscheinung gefallen, die die Kinder gerade aus der Tür entliess und jedem, der nicht Ordre parirte, tüchtigsie erzählte das soeben lebendig und mit manchem wohlwollenden, leider im Husten erstickenden Hi! Hi!