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war offene Fehde zwischen beiden. Tübbicke verteidigte das alte Herkommen und die Schwäche aller Creatur, Müllenhoff aber das Gesetz, den hochheiligsten Buchstaben und die neukatolische Reform.

Bonaventura musste zuletzt sogar des erneuerten Streites lachen. Als wenn Tübbicke alle gegen ihn in seiner Abwesenheit erhobenen Anklagen gehört hätte, brachte er den Leuchter, den er gereinigt hatte, zeigte ihn stumm seinem Vorgesetzten, drehte ihn vor den Augen desselben rundum und schloss ihn ebenso schweigsam in einen Schrank.

Müllenhoff hatte darauf seinen langen wattirten Winterrock angezogen und den Hut aufgesetzt ... Einen Stock, den er sonst trug, hatte er sich vor seinem Dechanten geloben müssen abzulegen, weil schon vorgekommen war, dass er bei Vorwürfen, die er zufällig ihm im feld Begegnenden machte, ihn zur Unterstützung benutzte. Bonaventura hüllte sich in einen Pelz. Auf ihn wartete ein Schlitten, der ihn nach Schloss Westerhof bringen sollte, wo er täglich zu Mittag speiste.

Als Tübbicke die neue Tür aufschloss und den Schnee wegstiess, bat Müllenhoff seinen Vorgesetzten:

Herr von Asselyn! Noch eins! Erinnern Sie doch den Herrn Baron von Hülleshoven, dass ich auch meinen eigenen Eingang haben muss in die Hofkapelle auf dem Schloss!

Herr Domherr, ein Eingang ist in die Hofkapelle, erläuterte Tübbicke; aber er führt durch andere, verschlossene und höchst wichtige Zimmer

Ein durchbohrend strafender blick Müllenhoff's verwies ihn zum Schweigen ...

Ich will die Schlüssel zu diesen Zimmern haben! sagte er zu Bonaventura mit scharfer Bestimmteit.

Herr Pfarrer, dieser Eingang führt erst durch die Bibliotek und durch das Archiv! Der Baron hat ja nichts davon hören wollen ...

Müllenhoff beherrschte sich ...

Ich will, sprach er wie mit einem Märtyrerblick auf Tübbicke und jedes Wort betonend, ich will auch in die Sakristei der Schlosskirche meinen eigenen Eingang haben! Wenn dieser durch das Archiv führt, so gebührt mir um so mehr ein Schlüssel zu demselben, als die Urkunden und Kirchenbücher der Pastorei gleichfalls in demselben aufbewahrt werden!

Der Patron ist, soviel ich weiss, dafür verantwortlich! sagte Bonaventura.

Seit neun Jahrhunderten! setzte Tübbicke hinzu ...

Schweigen Sie! brach Müllenhoff jetzt ausmit kindlich gemässigter stimme aber, als fürchtete er, zum blutdürstigen Tiger zu werden, fuhr er zu Bonaventura gewandt fort:

Ich bitte, Herr von Asselyn! Es ist mir nicht angenehm, in meiner bürgerlichen Tracht erst durch die Kirche zu gehen und dann hinterm Altar erst Toilette zu machen. Ich will, dass die Gemeinde, auch selbst die vornehmste, mich gleich nur in meinen Priestergewändern sieht. Der Schlüssel zum Archiv soll von mir wie ein Heiligtum verwahrt werden.

Bonaventura setzte sich mit dem Versprechen in den Schlitten, die Sache nach Wunsch zu ordnen, wenn es irgend tunlich wäre ... Noch standen Menschen draussen, die den so lange Erwarteten noch einmal sehen wollten ... Mit einem blick des Neides sah ihm Müllenhoff nach, als er von dannen fuhr, und verwies die Umstehenden, sich nun nicht länger aufzuhalten.

Norbert Müllenhoff war ein noch zelotischerer Geistlicher als Beda Hunnius. Dieser hatte in seinem reformatorischen Wirken doch nur die Lehre und den Kampf mit der Protestantischen Welt vor Augen, jener gehörte schon ganz den jungen Geistlichen der Michahelles'schen Richtung an, die in Allem eine Wiederherstellung des alten kirchlichen Lebens wagten und die Axt nicht bloss an die Zweige, sondern an die Wurzel selbst legen wollten. Norbert Müllenhoff war ein Priester im Geist des Kirchenfürsten. Ein Bauernsohn, zeigte er die ganze Kraft, Energie und Selbstgenüge, wie sie hier zu land den Nachkommen der alten Sachsen eigen ist. Sein Aeusseres drückte einen ursprünglichen Beruf zur Tätigkeit, zum Krieger, Geschäftsmann, Arbeiter auf einem feld des mutigen Bewährens aus; aber trotz seiner gewölbten Brust, seiner stimme wie ein Löwe, war er zum Geistlichen bestimmt worden, wie bei diesen Bauern Sitte ist, die selbst bei Vermögen nicht unterlassen können, eines ihrer Kinder der Kirche zu weihen. Zwar machte Norbert den ganzen Weg, der in diesem Falle Herkommen ist, durch Stipendien, Freitische, Freibücher, Freiwohnungen hindurch, nahm dies aber alles wie etwas, was sich von selbst verstand. Die Priesterweihe gibt einer solchen natur ein Bewusstsein, als wäre sie gefeit gegen alle Anfechtung der Welt. Aus diesem levitischen Stolz heraus fing die Zeit überall an ihre Kirchenreformen zu befördern. Aus den jesuitisch geleiteten Seminaren kommen die jüngern Geistlichen wie endlich losgelassene junge Streitstiere. Sie bohren die Erde auf mit ihren Hörnern, rennen im Kreise rundum und scheuen den Kampf mit Königen und Kaisern nicht. Leider gehören zu denen, vor denen sie keine Furcht haben, auch die Könige und Kaiser des Denkens und der Wissenschaft. Norbert Müllenhoff war als Vicar in einem Walddorf des Gebirges, dann als Vicar in Witoborn, jetzt hier als Pfarrer zu sankt-Libori, wie Beda Hunnius, nicht nur im stand, von einer "hundsföttischen Art" zu sprechen, den lieben Herr Gott beim Benetzen der Brust mit Weihwasser um das Symbol des eigenen demütigen Kreuztragens zu "betrügen", indem man nur zwei "zimpferliche, schandbare Pünktchen" machte, statt sich das ewige "Stigma des Heils" und "die Signatur der Erlösung" mit zwei "gründlichen Querbalken" auf die Brust zu drükken ... er verwarf Poesie und alle Zauber der Bildung. Er verwünschte "die Niedertracht der Sentimentalität", sprach von einem nur um unserer gnadenreichen Gottesmutter willen zu duldenden "Weibsvolk",