putzigen Türkenköpfe auf den Schnäbeln der Schlitten gafft die Jugend von drei Meilen in der Runde an. Dazwischen die Bauern und die "Kötter" und die Knechte in Pelzkappen; die Frauen trotz der Kälte in all den wunderlichen Hauben und fliegenden Aufsätzen, die der Tracht jener Gegend eigen sind; die alten Mütterchen mit grossen weissen Krägen, die sie halb den so sehnlichst vom Adel erwarteten Barmherzigen Schwestern ähnlich machten; in der Hand der reichen Bäuerinnen ein goldgeschnittenes Gebetbuch, ein Rosenkranz am Gürtel, auf der Brust eine Ringelkette von vergoldeten Medaillen ...
Die Weihe ist endlich vorüber ... In den Schnee hineinblickend musste die sich zerstreuende Gemeinde nur bunte Flecken sehen, wie wenn man in die Sonne geschaut, so prächtig war der Teppich gewesen, der vorm Hochaltar hoch an roten Stangen mit Goldtroddeln geprangt hatte. Er leuchtete wie der Widerschein eines Fensters im Mailänder Dom. Violett und gelb und blau und rubinrot strahlten die bunten Gewebe und namentlich wurde der Pfau des heiligen Liborius von einem auch dazu gerade hervorblitzenden Sonnenlichtsschimmer prächtig erleuchtet. Norbert Müllenhoff predigte in seiner jungkatolischen Weise. Wieder knüpfte er an Caspar Melchior Baltasar an und sagte, die wilden Tiere des Teppichs da, die wären auch in dem Land heimisch, von wannen jene Morgenlandskönige gekommen. Dann schilderte er diese Morgenlandskönige gelegentlich im Gegensatz zu den Abendlandskönigen. Jene waren teilweise, sagte er, schwarz von aussen, diese sind nicht selten schwarz von innen. Jene brachten dem Heiland köstliche Geschenke, diese beraubten nicht selten den Heiland noch und bestöhlen ihn und plünderten ihm das Stroh aus seiner dürftigen armen Krippe, der Kirche. Jene hätten sich auf einen einzigen Stern am Himmel verlassen, diese erteilten Hunderte von Sternen auf die Brust ihrer Schmeichler und gingen dennoch in der Irre. Dann sagte der Redner: Auch der Pfau, der den heiligen Liborius geleitet hätte, wäre ein solcher himmlischer Stern gewesen! Man sollte doch nur Hinblicken auf sein geschwungenes Rad! Wie das in ihm von Licht und Farbe funkelte! zwölf Augen sässen in dem Rand des Rades und hätten gewacht über den Weg, den der Heilige damals durch die Heiden hindurch hätte nehmen müssen, um gerade hieher nach Westerhof zu kommen, wohin ihn seine ganze sehnsucht zog! Jetzt müsste freilich die Kirche, um wie dieser Heilige durch alles noch herrschende Heidentum hindurchzukommen, viel kleinere und bescheidenere Vögel zu Führern wählen, leider – vor allem nur die schüchterne Taube. Glücklicherweise wäre diese aber denn auch nichts Kleineres, als eben der Heilige Geist selbst. Und so wollten auch sie, zaghaft und schüchtern, die gute Sache des ewigen Gottes und seiner Heiligen in dieser Welt der Gewalt vertreten, wollten flicken an den Schäden, so gut es ginge mit Menschenkraft, wollten die Kirche ausbauen, wo sie allzu schadhaft würde; denn die Kirche Gottes, sagte er mit einem jetzt etwas sonderbar blinzelnden blick auf den Dorste'schen Kirchenstuhl auf dem Chore ihm gerade gegenüber, die ist nicht byzantinisch, nicht gotisch, nicht Renaissance, nicht Rococo gebaut, sondern einfach bloss – felsenfest! Das hat sankt-Paulus bereits den Korintern anzuhören gegeben, fuhr er fort, die sich auf ihre Säulenknaufe und Säulenordnungen bekanntlich so viel eingebildet! Warum würde sonst sankt-Paulus gerade in der zweiten Epistel an die K o r i n t h e r Kapitel 5 über das wahre christliche Bauwesen seine Meinung abgegeben haben?
Aufrichtig gestanden, diese Bemerkungen des Pfarrers waren Anzüglichkeiten. Aber man war dergleichen an dem jungen, frischen, noch ganz studentisch aussehenden Mann von etwa dreissig Jahren in der Gegend schon gewohnt. In dem gräflichen Stuhl im Emporchor verstand man sehr wohl, was gemeint war mit dem blick auf Terschka, auf Levinus von Hülleshoven, Armgart's Onkel, der die Dorste'schen Güter verwaltete ...
Und trotz des feierlichen Tages, war das erste Wort, das Norbert Müllenhoff nun in der Sakristei, mit beiden Armen sich zum Erwärmen auf die Schultern schlagend, sprach:
Nein hier eine wahre Hundskälte das!
Zähneklappernd trat er an einen in der Sakristei stehenden eisernen Ofen, der auf drei Schritte allerdings eine Glühhitze verbreitete, aber nicht den übrigen Raum erwärmte. Das Rohr entliess den Dampf durch eines der grossen Rundfenster ...
Ich sagt' es ja gleich, Herr Pfarrer! Die neue Tür, die Sie durchaus durchgebrochen haben wollten – begann der alte Messner Tübbicke, Vater des maîtretailleur ...
Schweigen Sie! sagte der Geistliche und entkleidete sich ...
Der Messner war ein alter hagerer Mann mit einer roten Flachsperrüke. In seinem langen roten Rock sah er selbst wie einer der auf den Dörfern wandelnden heiligen drei Könige aus, die mit ihrem: Wir sind die Könige aus Morgenland, ho, je! an den Türen bettelten. Auch eine Art Scepter hatte er in der Hand, die lange Lichtputze, mit der er in der sich nun entleerenden Kirche die Altarkerzen auslöschen wollte ...
Wirklich, Herr Pfarrer, diese neue Tür, die sonst nicht da war – begann Tübbicke aufs neue ...
Wollen Sie wohl schweigen! wiederholte Müllenhoff aufstampfend und zog sich seine Messkleider aus. Ein für allemal, Tübbicke, rief er dem Alten nach, wenn ich vom Allerheiligsten komme oder von der Kanzel herab, so sollen Sie mich nicht eher anreden, bis ich Sie gefragt habe!
Gut, gut, gut! antwortete der Alte brummend und kopfschüttelnd über seinen neuen Vorgesetzten ... der für sich weniger maliciös, als sozusagen eher